Tarantinos Figuren sprechen oft über scheinbar belanglose Dinge, während sie etwas Wichtigeres aushandeln: Prestige, Vertrauen oder Autorität. Ihr Sprachstil hängt ebenso davon ab, wie sie diskutieren, wie davon, welches Thema sie wählen.
Über Alltägliches sprechen, um sich zu behaupten
Die Anfangsunterhaltung in Reservoir Dogs versammelt einige Männer bei Gesprächen über Musik und einer Diskussion über Trinkgeld. Bevor wir Genaueres über den geplanten Raub erfahren, hören wir, wie sie einander unterbrechen, argumentieren und auf Einwände reagieren. Das alltägliche Thema macht ihre unterschiedlichen Temperamente sichtbar, ohne dass eine biografische Vorstellung nötig wäre. Jeder zeigt, wie er sich in der Gruppe Raum verschafft.
Eine Anspielung auf die Popkultur dient nicht bloß als Beleg für das Wissen des Drehbuchautors. Die Figuren nutzen sie, um zu überzeugen, anzugeben oder zu provozieren. Sie können ein Lied mit übertriebener Selbstsicherheit interpretieren und Antworten erhalten, die diese Autorität infrage stellen. Die Diskussion zeigt, wie sie mit anderen umgehen, obwohl das Thema für den Raubplan keine unmittelbare Bedeutung hat. Der Stil entsteht aus dieser sozialen Dimension des Sprechens.
In Pulp Fiction vermittelt das Gespräch zwischen Vincent und Jules über Unterschiede zwischen den USA und Europa auf scheinbar entspannte Weise ihre berufliche Vertrautheit. Der eine bringt die Erfahrungen seiner Reise ein, der andere fragt nach, reagiert und vergleicht. Das Publikum lernt ihre Beziehung kennen, bevor es die beiden bei Gewalttaten erlebt. Der spätere Kontrast wirkt, weil wir die Männer zuvor als Kollegen erlebt haben, die sich für alltägliche Details interessieren können.
Alltäglichkeit macht die Figuren nicht unschuldig. Sie lässt menschliche Gewohnheiten bei Menschen erkennen, die auch schädliche Handlungen begehen. Diese Nähe kann unangenehm sein, weil sie es erschwert, eine bequeme moralische Distanz aufrechtzuerhalten, die darauf beruht, dass Gewalttäter immer wie Schurken sprechen. Alltägliche Gespräche und kriminelles Verhalten gehören zu ein und derselben Person, ohne dass das eine automatisch das andere aufhebt.
Eine stilisierte Sprache, die spontan wirkt
Die Dialoge enthalten Wiederholungen, Korrekturen und kleine Auseinandersetzungen über die Bedeutung eines Wortes. Solche Mittel können den Eindruck von Improvisation erwecken, doch die wahrgenommene Natürlichkeit beweist nicht, dass die Schauspieler den Text während der Dreharbeiten erfinden. Ein geschriebenes Gespräch kann Zögern und Abschweifungen sorgfältig anordnen, damit sie spontan wirken. Der Effekt hängt neben dem Wortschatz auch von Rhythmus und Darbietung ab.
Wiederholungen dienen dazu, um die Kontrolle zu ringen. Eine Figur kann ein Wort mit anderer Betonung zurückgeben, eine Erklärung verlangen oder die Prämisse einer Frage zurückweisen. Das verbale Geschehen schreitet voran, obwohl keine neuen Sachinformationen hinzukommen. Es verändert sich, wer sich rechtfertigen muss und wem es gelingt, den Rahmen des Austauschs zu bestimmen. Dieser Wettstreit sorgt dafür, dass selbst ein Gespräch über etwas Belangloses einen erkennbaren Machtkampf enthalten kann.
Die Gangstersprache in Reservoir Dogs ist nur ein Teil dieses Systems. Den Stil auf Beleidigungen oder Begriffe aus dem Verbrechen zu reduzieren, wäre eine oberflächliche Imitation. Die Figuren sprechen auch über Geld, Arbeit, Service, Vorlieben und Respekt. Eine Stimme zeichnet sich dadurch aus, was sie als bekannt voraussetzt, welche Vergleiche sie wählt und worüber sie die Geduld verliert – nicht allein durch die Anzahl der Schimpfwörter.
Jackie Brown schlägt einen anderen Ton an. Die Gespräche können bedrohlich und humorvoll bleiben und zugleich die Müdigkeit, Erfahrung oder Berechnung von Menschen spürbar machen, die die Folgen eines Fehlers bereits kennen. Jackie und Max müssen nicht so klingen wie die Räuber in Reservoir Dogs, um zu Tarantinos Kino zu gehören. Ihre Art miteinander zu sprechen ist von einem anderen Alter, anderen Verpflichtungen und einem anderen Umgang mit Risiken geprägt.
Popkultur, Sprachregister und unterschiedliche Stimmen
Nicht alle Figuren greifen aus derselben Position auf Referenzen zurück. Eine Figur kann einen Film zitieren, um einen Wunsch zu erklären; eine andere kann ein kulturelles Bild verwenden, um ihr Gegenüber auf eine Kategorie zu reduzieren. In Bills Rede über Superman ist die Referenz Teil einer Auseinandersetzung um Beatrix’ Identität. Popkultur ist hier kein bloßes Gesprächsthema mehr, sondern wird als Argument eingesetzt, um zu bestimmen, wer ein anderer Mensch ist und was er von sich selbst erwarten kann.
Das bedeutet nicht, dass jede Aussage einer Figur eine direkte Meinung des Autors wiedergibt. Eine Deutung kann innerhalb der Szene eigennützig, falsch oder manipulativ sein. Das Publikum muss darauf achten, wer spricht und zu welchem Zweck. Wenn man diese Positionen auseinanderhält, lässt sich der Dialog als dramatische Handlung analysieren, statt ihn als Sammlung persönlicher Leitsätze Tarantinos zu behandeln.
Auch Sprachstil und Struktur sollten unterschieden werden. Eine Abschweifung entfernt sich vorübergehend vom Thema; ein Monolog konzentriert das Sprechen auf eine Person; eine Spannungsszene baut eine Bedrohung auf. Sie können denselben umgangssprachlichen Wortschatz oder kulturelle Referenzen verwenden, erfüllen aber nicht genau dieselbe Funktion. Der Gesprächsstil zieht sich durch diese Formen, ohne sie zu austauschbaren Mitteln zu machen.
Diese Dialoge entfalten ihre Wirkung, wenn jede Stimme eigene Ziele und Grenzen wahrt. Jules kann ein Erlebnis anders deuten, als Vincent es tut; Jackie kann einen anderen glauben lassen, er kontrolliere das Gespräch, während sie bereits ihren nächsten Schritt plant. Die Worte machen Unterschiede sichtbar, die für die Handlung wichtig sind. So entsteht eine Sprache, die an ihrem Rhythmus und ihrer Aufmerksamkeit für die Alltagskultur erkennbar ist und zugleich Figuren hervorbringt, die gerade deshalb miteinander streiten, weil sie nicht dasselbe denken, hören oder wollen.
Siehe den Leitfaden zu Tarantinos Dialogen und Erzählstruktur.
