
Quentin Tarantinos Cinephilie hat erkennbare Quellen: signierte Texte, Interviews, Bücher, aufgezeichnete Gespräche und Filmvorführungen. Diese Materialien zeigen, wie er über Filme anderer spricht und welche Aspekte ihn als Zuschauer interessieren. Sie können Lob, Einwände und persönliche Erinnerungen enthalten – auch wenn es um einen Film geht, der gemeinhin einfach als einer seiner Favoriten gilt.
Eine Empfehlung und ein Einfluss beantworten unterschiedliche Fragen. Eine Empfehlung bedeutet, dass jemand einen Film in einem bestimmten Zusammenhang positiv bewertet oder dazu geraten hat. Ein Einfluss stellt eine Beziehung zu einem anderen Werk her und muss erläutert werden. Geht diese Beziehung auf eine Aussage Tarantinos zurück, kann sie ihm zugeschrieben werden; beruht sie auf einem kritischen Vergleich, stammt sie von der Person, die diesen anstellt.
Auch seine Äußerungen ergeben keine einheitliche, dauerhaft gültige Rangliste. Eine Auswahl für eine Umfrage hängt von deren Regeln ab; ein Kommentar in einem Podcast kann sich auf eine Filmkopie, einen Darsteller oder eine Szene konzentrieren. Wer diese Unterschiede aufmerksam liest, kann sich seinen Vorlieben nähern, ohne die Nuancen zu verwischen. Genrefilm, Schauspiel und die materiellen Bedingungen des Filmeschauens hängen als Themen zusammen, ermöglichen aber jeweils auch ein eigenes Gespräch.
Wer über Filme spricht, die Tarantino schätzt, muss den Kontext seiner Aussagen bewahren. Begeisterung für eine Sequenz kann mit Vorbehalten gegenüber dem Gesamtwerk einhergehen. Eine Erwähnung sollte daher erst eingeordnet werden, bevor man sie als Empfehlung versteht.
Zuschreibbare Empfehlungen
Das Rezensionsarchiv des New Beverly bietet signierte und datierte Beispiele. In seinem am 23. April 2020 veröffentlichten Essay über Wang Yu lobt Tarantino The Chinese Boxer und widmet sich der Gestaltung der Kampfszenen. Die Wertung steht im Text selbst; sie hängt nicht davon ab, ob ein anderer Autor eine Ähnlichkeit mit Kill Bill erkannt hat. Die von Tarantino empfohlenen Filmelassen sich genauer einordnen, wenn bei jeder Auswahl die Quelle, das Datum und die Art des zugrunde liegenden Kommentars angegeben werden.
Die Sight-and-Sound-Umfrage unter Regisseuren aus dem Jahr 2012, in deren Darstellung des BFI Tarantino als Teilnehmer aufgeführt ist, ist eine andere Art von Dokument. Sie geht auf einen Aufruf mit gemeinsam geltenden Regeln zurück. Ihre Ergebnisse sind von einer jährlichen Auswahl aktueller Kinostarts oder einem Gespräch zu unterscheiden, in dem man sich an Filme aus der Jugend erinnert. Die Auswahl der zugelassenen Titel und die gestellte Frage beeinflussen die Bedeutung der Entscheidung; wer all diese Antworten vermischt, erstellt eine Liste, die der Filmemacher vielleicht nie zusammengestellt hat.
Auch der Ton ist wichtig. Ein provokanter Vergleich kann den Ruf eines Films infrage stellen, ohne eine These über die gesamte Laufbahn seines Regisseurs aufzustellen. Eine Übersetzung muss diesen Maßstab bewahren. Aussagen wie „der beste“ brauchen den Rahmen, der sie eingrenzt: Gemeint sein können ein Genre, ein Zeitraum oder die Filme, die jemand im Laufe eines Jahres gesehen hat. Ohne diesen Kontext wird aus einer konkreten Vorliebe eine weitaus umfassendere Aussage.
Bewunderte Filmschaffende und filmische Traditionen
Die Bewunderung für einen Darsteller kann sich auf die körperliche Energie einer Rolle, auf seine Stimme oder auf die Beziehung zu seinen Szenenpartnern konzentrieren. Bei einem Regisseur kann es in einem Kommentar um die Bildgestaltung, den Rhythmus oder einen besonderen Umgang mit dem Genre gehen. Die von Tarantino bewunderten Filmemacher und Schauspielersollte man anhand solcher konkreten Beobachtungen betrachten. Einen Film zu loben bedeutet nicht, das gesamte filmische Werk seines Regisseurs gutzuheißen; ebenso wenig werden dokumentierte positive Äußerungen dadurch ungeschehen, dass ein anderer Film kritisiert wird.
Die Tarantino-Empfehlungen nach Genrehelfen dabei, Vorlieben einzuordnen, ohne benachbarte Kategorien als Synonyme zu behandeln. Japanische Samurai-Filme und das Hongkonger Kung-Fu-Kino messen dem Kampf große Bedeutung bei, entstammen jedoch unterschiedlichen Traditionen. An einem Western können die Duelle, die Besetzung oder die Gestaltung der Landschaft interessieren. Die Genrebezeichnung hilft, ein Gespräch zu finden; die Argumente zum jeweiligen Titel erklären, was dem empfehlenden Zuschauer daran gefällt.
Vergleiche mit seinen eigenen Filmen erfordern einen zusätzlichen Schritt. Um eine Szene mit Tarantinos filmischem Stilin Verbindung zu bringen, muss man die Ähnlichkeit beschreiben und ihre Herkunft klären. Vielleicht gibt es eine Aussage über einen Einfluss, vielleicht wurde lediglich eine Ähnlichkeit von der analysierenden Person festgestellt. Beides lässt sich diskutieren, doch die Belege unterscheiden sich. Eine visuelle Ähnlichkeit macht den verglichenen Film nicht automatisch zu einem erklärten Lieblingsfilm des Regisseurs.
Geschriebene Filmkritik, Gespräche und Filmvorführungen
Die Verlagsbeschreibung von Cinema Speculation, erschienen 2022, ordnet das Buch zwischen persönlichen Erinnerungen und der Kritik am amerikanischen Kino der 1970er-Jahre ein. The Video Archives Podcast ist als Gespräch gestaltet: Laut offizieller Beschreibung sind Tarantino und Roger Avary die Gastgeber und Gala Avary die Produzentin. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Formen innerhalb von Tarantinos Büchern, Filmkritiken und cinephilen Projekten: Ein schriftliches Argument lässt sich als Essay prüfen, während man im Gespräch Zustimmung, Widerspruch und spontane Assoziationen hören kann.
Filmvorführungen fügen eine materielle Dimension hinzu. Die offizielle Geschichte des New Beverly beschreibt das Repertoireprogramm und Tarantinos Engagement für photochemische Filmkopien. Zwei Filme gemeinsam zu zeigen, stellt eine Beziehung zwischen ihnen her und verändert das Seherlebnis, ohne eine allgemeingültige Rangfolge ihrer Qualität festzulegen. Diese Tätigkeit verbindet den Kommentar mit dem Kinosaal: Sie bewahrt die Begegnung zwischen einem Werk, einer konkreten Filmkopie und einem Publikum, ohne dass das Programm einer Vorstellung für sich genommen einer Rangliste der Favoriten gleichkommt.
Genrefilme sind unter verschiedenen internationalen Titeln, in unterschiedlichen Schnittfassungen und Synchronisationen im Umlauf. Um eine Empfehlung zuzuordnen, sollte man neben dem in einem Gespräch verwendeten Titel auch Regisseur und Erscheinungsjahr notieren. Zwei unterschiedliche Titel können zum selben Film gehören; ein fast identischer Titel kann dagegen zu einer Fortsetzung oder Neuverfilmung gehören. So lässt sich vermeiden, ein Lob einem Werk zuzuschreiben, über das Tarantino gar nicht gesprochen hat.
Auch die Umstände einer Begegnung helfen dabei, eine Erinnerung zu verstehen. Eine Filmkopie im Kino zu sehen, eine Kassette zu entdecken oder einen Film Jahre später erneut anzuschauen sind unterschiedliche Erlebnisse. Eine rückblickende Bewertung kann eine Meinungsänderung erklären, ohne die frühere Einschätzung ungültig zu machen: Jeder Kommentar dokumentiert, was sein Verfasser zu diesem Zeitpunkt geäußert hat.
Wer anhand dieser Verweise eine persönliche Auswahl zusammenstellen möchte, sollte festhalten, was das Interesse geweckt hat: Schauspiel, Kameraführung, Humor, Spannungsaufbau oder Inszenierung. So kann man nach den eigenen Interessen entscheiden, was man sehen möchte, ohne den Geschmack eines anderen Zuschauers zur Pflicht zu machen.
