Morricone und Tarantino: Was geschah mit der Django-Kontroverse?

Die Beziehung zwischen Morricone und Tarantino sorgte nach Django Unchained für widersprüchliche Schlagzeilen. Um sie einzuordnen, muss man die im März 2013 veröffentlichten Kritiken, die spätere Klarstellung des Komponisten und ihre anschließende Zusammenarbeit voneinander unterscheiden.

Die Nachricht und die Klarstellung gehören zum selben Vorgang

Im März 2013 kursierten Berichte, denen zufolge Ennio Morricone die Musikauswahl in Django Unchained und Quentin Tarantinos Arbeitsweise kritisiert habe. Die Presse stellte diese Aussagen als Bruch dar und konzentrierte sich besonders auf die Behauptung, der Komponist werde nicht wieder mit dem Regisseur zusammenarbeiten. Die Geschichte war reizvoll, weil sie einen hoch angesehenen Musiker einem Filmemacher gegenüberstellte, der dafür bekannt ist, seine Kompositionen wiederzuverwenden.

Doch mit den ersten Schlagzeilen war der Vorgang nicht beendet. Am 17. März, nach den in den Tagen zuvor veröffentlichten Meldungen, wurde eine Klarstellung verbreitet, in der Morricone seine Wertschätzung für Tarantino zum Ausdruck brachte und die Art und Weise infrage stellte, in der seine Worte wiedergegeben worden waren. Diese Stellungnahme ist ein wesentlicher Teil der Geschichte. Wer nur die ursprüngliche Version wiederholt, macht aus einer Kontroverse, zu der sich der Hauptakteur selbst geäußert hat, eine endgültige und völlig undifferenzierte Position.

Für eine präzise Darstellung muss man unterscheiden zwischen dem, was ein Bericht dem Komponisten zuschrieb, und dem, was er später klarstellte. Es ist weder nötig, so zu tun, als habe es nie eine Meinungsverschiedenheit gegeben, noch zu behaupten, alle frühen Berichte seien identisch gewesen. Fest steht jedoch, dass die angeblich kategorische Ablehnung jeglicher künftiger Zusammenarbeit öffentlich widerlegt oder zumindest relativiert wurde. Die Abfolge der dokumentierten Ereignisse macht deutlich, dass die erste Schlagzeile die Beziehung nicht angemessen zusammenfasst.

Auch sollte man diesen Vorgang von späteren Kontroversen getrennt betrachten. 2018 kursierten Äußerungen, die Morricone in einem Interview zugeschrieben wurden, von dem er bestritt, es in der veröffentlichten Form gegeben zu haben. Diese Kontroverse hat ihre eigenen Dokumente und Daten. Wer sie mit der von 2013 vermischt, entwirft aus Meldungen ganz unterschiedlicher Art das Bild eines anhaltenden Konflikts und erschwert das Verständnis dessen, worum es im Zusammenhang mit Django konkret ging.

Musik auszuwählen und eine Filmmusik zu komponieren sind zwei verschiedene Aufgaben

Die Morricone zugeschriebene Meinungsverschiedenheit erschien vielen Lesern plausibel, weil Tarantino seine Soundtracks aus ganz unterschiedlichen Stücken zusammenstellt. Django Unchained vereint Musik aus früheren Western, populäre Songs und neue Werke. Morricone ist auf beiden Seiten vertreten: Zu hören sind Kompositionen, die für andere Filme entstanden, sowie das eigens geschriebene Lied Ancora qui. Diese Mischung entspricht nicht dem Modell einer einzigen Filmmusik, die durchgehend zur Begleitung des neuen Spielfilms komponiert wurde.

Ein Komponist kann besonderen Wert auf die innere Geschlossenheit eines Werks und auf den Zusammenhang legen, für den er ein einzelnes Stück geschaffen hat. Ein Regisseur, der Musik wiederverwendet, hat andere Möglichkeiten: Er kann sie an eine andere Stelle setzen, kürzen und mit neuen Bildern konfrontieren. Dieser Unterschied hilft, den Gegenstand der Diskussion zu verstehen, berechtigt aber nicht dazu, Morricone private Ansichten zuzuschreiben. Die Beschreibung zweier Arbeitsweisen darf nicht als Wiedergabe dessen ausgegeben werden, was er zu jedem Zeitpunkt gedacht hat.

In Django kann eine Komposition von Morricone neben Hip-Hop, Soul oder einem Lied von Jim Croce stehen. Diese Nähe verändert das Zuschauererlebnis und auch die Wahrnehmung der Originalmusik. Ein Stück ist dann nicht mehr ausschließlich von der übrigen Filmmusik umgeben, für die es geschrieben wurde. Je nach Szene und Hörerlebnis kann der neue Kontext fruchtbar, abrupt oder fragwürdig wirken, ohne dass es dafür eine einzig richtige Bewertung gibt.

Die interessanteste kritische Frage ist nicht, wer sich zu Recht zufriedengestellt fühlen durfte. Vielmehr geht es darum, welche Wirkung die Auswahl entfaltet: wie sie den Ton verändert, welche Informationen sie hinzufügt und wann ein musikalischer Verweis Möglichkeiten zu eröffnen oder zu verschließen scheint. Das lässt sich anhand konkreter Szenen beurteilen. Dem Komponisten eine pauschale Verurteilung zuzuschreiben, erspart diese Arbeit und macht aus einer Diskussion über Film einen Loyalitätswettstreit zwischen berühmten Namen.

Die spätere Zusammenarbeit spricht gegen die Vorstellung eines endgültigen Bruchs

Die berufliche Zusammenarbeit wurde mit The Hateful 8 fortgesetzt, für den Morricone die Originalmusik komponierte. Diese spätere Tatsache macht frühere Spannungen nicht ungeschehen, widerspricht aber der Deutung, nach Django Unchained sei es zu einer unwiderruflichen Trennung gekommen. Eine Zusammenarbeit kann Unterschiede, Verhandlungen und Veränderungen der Arbeitsweise umfassen, ohne sich auf eine perfekte Freundschaft oder eine dauerhafte Feindschaft reduzieren zu lassen.

Außerdem ist die Arbeit an einer Originalfilmmusik für einen anderen Film nicht dasselbe wie die Bedingungen bei Django. Jedes Projekt bringt eigene Anforderungen, Zeitpläne und Spielräume mit sich. Die Fortsetzung der beruflichen Zusammenarbeit zeigt, dass eine Zusammenarbeit weiterhin möglich war, nicht aber, dass alle früheren Entscheidungen im Nachhinein gebilligt wurden. Diese Unterscheidung hilft, eine zweite Vereinfachung zu vermeiden: die Erzählung vom absoluten Konflikt durch die ebenso schwer zu belegende Vorstellung absoluter Harmonie zu ersetzen.

Die Kontroverse von 2013 bietet auch Anlass, zu untersuchen, wie eine Kulturnachricht im Gedächtnis bleibt. Eine zugespitzte Schlagzeile kann stärker verbreitet werden als die Klarstellung, die sie relativiert, und in späteren Zusammenfassungen schließlich als gesicherte Tatsache erscheinen. Die gesamte Abfolge nachzuzeichnen bedeutet nicht, einen der Beteiligten zu schützen, sondern die verfügbaren Belege korrekt wiederzugeben. Eine Klarstellung ist keine nebensächliche Ergänzung, wenn sie die Bedeutung der ursprünglichen Aussage verändert.

Eine möglichst genaue Darstellung berücksichtigt daher die zeitliche Abfolge: Es gab veröffentlichte Kritik, Morricone stellte etwas klar, und später kam eine bedeutende Zusammenarbeit zustande. Von dort aus lässt sich Tarantinos musikalische Arbeitsweise anhand von Beispielen und Argumenten diskutieren. Was man vermeiden sollte, ist, die Morricone zugeschriebene erste Reaktion in ein dauerhaftes Verbot umzudeuten, das weder durch die Ereignisse noch durch seine eigene öffentliche Stellungnahme gestützt wird.

Weitere Hintergründe im Leitfaden zu Django Unchained.