Die musikalische Beziehung zwischen Morricone und Tarantino begann lange, bevor sie gemeinsam eine vollständige Filmmusik schufen.
Zunächst kam die Musik, die für andere Filme geschrieben worden war
Ennio Morricones Präsenz in Quentin Tarantinos Filmen bedeutet nicht immer, dass es während der Dreharbeiten zu einer direkten Zusammenarbeit kam. In Kill Bill und Inglourious Basterds besteht ein großer Teil dieser Beziehung darin, Aufnahmen aus früheren Filmen auszuwählen. Der Komponist hatte die Musik für andere Figuren und andere Schnittfassungen geschrieben; Tarantino verwendet dieses Material in einer neuen Zusammenstellung.
Diese Unterscheidung macht zwei verschiedene kreative Leistungen sichtbar. Morricone komponiert das Originalstück mit seiner Form und seinen instrumentalen Bezügen. Der spätere Regisseur entscheidet, wo es beginnt, wie lange es dauert und mit welchen Bildern es zusammenwirkt. Die neue Funktion hebt die Urheberschaft nicht auf, gibt aber auch nicht unbedingt die Funktion wieder, die die Musik in ihrem ursprünglichen Film hatte.
In Kill Bill tragen Morricones Stückeauf unterschiedliche Weise zu Spannung, Gewalt und emotionaler Erhebung bei. Es gibt nicht nur eine Klangfarbe, die sich als Westernton zusammenfassen ließe. Die Auswahl zeigt die Bandbreite seines Werks: Ein Thema kann Intimität erzeugen, ein anderes die Flucht aus der Gefangenschaft zu einer Handlung von beinahe mythischem Ausmaß machen. Diese Vielfalt erklärt, warum Tarantino immer wieder auf den Komponisten zurückgreift, ohne jedes Mal ein neues Werk zu benötigen.
In Inglourious Basterds verändert die Wiederverwendung auch die Beziehung zum Kriegsfilmgenre. Die Musikauswahl des Filmsvereint Filmmusiken unterschiedlicher Herkunft. Morricone steuert Stücke bei, mit denen sich eine Szene als Duell, Erinnerung oder Abschied gestalten lässt, obwohl sie im besetzten Frankreich spielt. Die Wirkung entsteht aus der Spannung zwischen der dargestellten Welt und der filmischen Erinnerung, die die Musik wachruft.
Ancora qui und der Weg zu The Hateful Eight
Django Unchained liefert einen Hinweis, der es unmöglich macht, The Hateful Eight als den allerersten Anlass zu bezeichnen, bei dem Morricone etwas für Tarantino schuf. Ancora qui, gesungen von Elisa, war ein Originalbeitrag für Django Unchained. Es handelt sich um ein Lied, nicht um eine vollständige Instrumentalfilmmusik für den gesamten Spielfilm. Diese terminologische Genauigkeit macht es möglich, den Präzedenzfall anzuerkennen, ohne den Umfang der beiden Arbeiten zu verwechseln.
Die Funktion von Ancora quiliegt im Bereich der emotionalen Erinnerung und des Abschieds. Innerhalb einer Filmmusik, die zahlreiche ältere Stücke enthält, eröffnet das Lied eine andere Form der Zusammenarbeit: Das Material entsteht bereits in direktem Bezug zum neuen Projekt. Der Regisseur wählt weiterhin aus und montiert, doch die Komposition stammt nicht allein aus einem früheren Film.
Für The Hateful Eight, der 2015 in die Kinos kam, komponierte Morricone eine Originalfilmmusik von ganz anderer Breite. Wiederkehrende Motive, tiefe Register und ein Gefühl zunehmenden Drucks bestimmen die Bedrohung und begleiten die klaustrophobische Enge. Es handelt sich nicht um eine bloße Wiederaufnahme des populärsten Stils seiner Western mit Sergio Leone. Die neue Geschichte verlangt, den Argwohn und die Feindseligkeit einer eingeschlossenen Gruppe musikalisch auszugestalten.
Die Filmmusik von The Hateful Eightsteht zudem neben weiterem musikalischem Material. Von Originalmusik zu sprechen bedeutet nicht, dass jeder musikalische Klang im Film erstmals für ihn komponiert wurde. Eine Filmmusik kann eine eigens beauftragte Komposition, Lieder und bereits vorhandene Ausschnitte kombinieren. Auch auf dem Album und im Film müssen diese Beiträge nicht in derselben Reihenfolge angeordnet sein.
Anerkennung, Meinungsverschiedenheiten und sorgfältige Zuschreibungen
Morricone erhielt bei der Oscarverleihung 2016 den Oscar für die beste Filmmusik für The Hateful Eight. Die Auszeichnung galt dem Film aus dem Jahr 2015; wer das Erscheinungsjahr mit dem Jahr der Verleihung verwechselt, sorgt für eine unnötig verwirrende Chronologie. Sie würdigte eine Zusammenarbeit, die sich von der Bewunderung für ein bestehendes Werk hin zur Schaffung eigens für ein gemeinsames Projekt komponierten Materials entwickelt hatte.
Diese Auszeichnung war ein regulär verliehener Oscar für eine bestimmte Filmmusik. Sie ist nicht mit dem Ehrenoscar zu verwechseln, den Morricone bereits 2007 für sein Lebenswerk erhalten hatte – eine Auszeichnung anderer Art.
Die Beziehung wurde auch im Zusammenhang mit Meinungsverschiedenheiten über den Einsatz von Musik beschrieben. Es ist sinnvoll anzuerkennen, dass die Auswahl von Ausschnitten und die Komposition einer musikalischen Gesamtstruktur für einen Film unterschiedlichen Perspektiven folgen. Allerdings lässt sich nicht jede dem Komponisten zugeschriebene kontroverse Äußerung als wahr wiederholen. Das angebliche Interview mit der deutschen Ausgabe des Playboy aus dem Jahr 2018 wurde von Morricone infrage gestellt und später Gegenstand einer redaktionellen Korrektur.
Dieser Vorfall sollte nicht als einfacher Beweis für eine Feindschaft herangezogen werden. Eine verlässliche Chronologie muss zwischen einer belegten Kritik, einer ästhetischen Meinungsverschiedenheit und einer widerlegten Zuschreibung unterscheiden. Ebenso sollte sie die gegenteilige Erzählung einer vollkommenen Harmonie vermeiden, die sich allein aus einer Auszeichnung ableitet. Gemeinsame Arbeit ist auch zwischen Fachleuten möglich, die das Verhältnis von Komposition, Schnitt und musikalischer Eigenständigkeit unterschiedlich verstehen.
Der Rückblick macht eine konkrete Entwicklung sichtbar. Tarantino begann damit, Morricone als bevorzugte Quelle bereits vorhandener Musik zu nutzen; später kam ein neues Lied hinzu und schließlich eine umfangreiche Originalfilmmusik. Diese Entwicklung macht die für den Regisseur typische Auswahl aus Schallplatten nicht überflüssig. Sie erweitert sie: Neben die Montage filmischer Erinnerungen tritt die Möglichkeit, einen Komponisten damit zu beauftragen, für einen Film, der noch keine eigene Musikgeschichte hat, eine neue Form der Bedrohung zu schaffen.
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