Elmer Bernstein findet über bereits existierende Werke Eingang in Tarantinos Kino. Dabei reicht die Funktion seiner Musik von der Erinnerung an einen Star bis zum Antrieb einer Operation.
Gesprengte Ketten als Erinnerung an eine mögliche Karriere
Elmer Bernstein komponierte die Musik zu The Great Escape, im Deutschen Gesprengte Ketten, unter der Regie von John Sturges und 1963 veröffentlicht. In Once Upon a Time in... Hollywood wird der Bezug zu Tarantino ausdrücklich hergestellt: Rick Dalton erinnert sich daran, dass er an diesem Film hätte mitwirken können. Die Montage versetzt ihn in die Welt von Steve McQueen und verwendet Bernsteins Musikstück Cooler.
Der Name Cooler verweist auf den Isolationsraum, der mit McQueens Figur verbunden ist. Dieser Verweis bündelt eine Identität innerhalb von Gesprengte Ketten: Es geht nicht nur um eine abstrakte Erinnerung an Soldaten, die fliehen wollen. Ricks Erinnerung nähert sich einer ganz bestimmten Rolle, mit einer bestimmten Haltung und einer bestimmten Art, die Leinwand einzunehmen. Die Musik trägt dazu bei, dass diese Fantasie die erkennbare Form einer fremden Darbietung bewahrt – selbst wenn die Montage ein anderes Gesicht an ihre Stelle setzt.
Die Musik dient nicht einfach dazu, eine berühmte Marschmelodie zu einer Rettungsszene hinzuzufügen. Sie ist Teil einer beruflichen Fantasie: Sie hilft dem Publikum, den Film wiederzuerkennen, zu dem Rick seiner Ansicht nach hätte gehören können. Das Zitat verbindet Bild, Rolle und Prestige. Für einige Augenblicke rückt eine fiktive Karriere nahe an eine reale Filmgeschichte heran.
Das Fragment macht den Unterschied zwischen einer möglichen Chance und der tatsächlichen Besetzung der Rolle deutlich. Rick kann von seiner Nähe zu dem Projekt erzählen, doch die dem Publikum bekannte Filmgeschichte bleibt mit McQueen verbunden. Die Filmmusik verstärkt diese Wiedererkennung. Durch ihre Vertrautheit wird der Abstand zwischen dem Schauspieler, den wir sehen, und dem Star, dessen Position er sich ausmalt, spürbar.
Bernstein komponierte die Musik nicht für Ricks Frustration. Sie stammt aus einem früheren Werk und erhält eine neue Funktion, indem sie das kontrafaktische Gedankenspiel begleitet. Das Zitat lässt ein privates Gefühl durch ein öffentliches Kulturgut hörbar werden: Ein vielen bekannter Film wird zum Maßstab für eine Möglichkeit, die eine Figur nicht verwirklichen konnte.
Zulu Dawn und die Energie einer Militäroperation
Auch Inglourious Basterds verwendet Zulus aus Zulu Dawn, einem Film von 1979, dessen Musik von Elmer Bernstein stammt. Das Stück begleitet die Vorbereitungen auf den Showdown im Kino. Seine Herkunft ist von Zulu zu unterscheiden, dem Spielfilm von 1964 mit Musik von John Barry. Die ähnlichen Titel bedeuten nicht, dass man die Filme oder Komponisten verwechseln kann.
Im neuen Kontext trägt das Stück dazu bei, den Vormarsch hin zu einer koordinierten Aktion zu strukturieren. Das Publikum weiß, dass mehrere Figuren mit miteinander verbundenen Zielen unterwegs sind, auch wenn nicht alle über dieselben Informationen verfügen. Die Musik kann diese Bewegungen unter einem gemeinsamen Druck zusammenführen, ohne jede Verbindung zwischen ihnen verbal erklären zu müssen.
Die militärische Herkunft schafft eine Verwandtschaft der Energie, aber keine historische Gleichsetzung. Tarantino vergleicht die in den beiden Filmen dargestellten Konflikte nicht wörtlich. Er greift eine Klangstruktur wieder auf, die Vorbereitung, Bewegung und Bedrohung begleiten kann. Das Fragment bewahrt seine Vergangenheit, während die Montage neu bestimmt, was wir erwarten sollen.
Der Unterschied zu Gesprengte Ketten ist deutlich. In Once Upon a Time in... Hollywood ist das Wiedererkennen des zitierten Films ein zentraler Teil von Ricks Witz und Schmerz. In Inglourious Basterds kann die Musik ihre Funktion erfüllen, selbst wenn das Publikum ihre Herkunft nicht kennt. Dieselbe Praxis der Wiederverwendung schafft so zwei unterschiedliche Beziehungen zur Erinnerung des Publikums.
Einfluss, Credits und Umfang der Zusammenarbeit
Elmer Bernstein komponierte für sehr unterschiedliche Genres. Wer seinen Beitrag auf eine allgemeine epische Klangwelt reduziert, verkennt diese Vielfalt. Die Musik zu Gesprengte Ketten kann Leichtigkeit, Entschlossenheit und Erwartung erzeugen – neben ihrem berühmten Marschimpuls. Die Verwendung eines bestimmten Fragments wählt eine dieser Möglichkeiten aus, nicht die gesamte Identität der Filmmusik.
Bernsteins Musik in Tarantinos Filmen war bereits zuvor komponiert worden. Man sollte sie daher nicht als Originalzusammenarbeit darstellen, bei der beide gemeinsam neue Sequenzen entworfen hätten. Eine präzise Nennung der Credits würdigt Bernsteins Arbeit und ermöglicht zugleich eine Beschreibung des späteren Eingriffs des Regisseurs: Er hört sich eine Aufnahme an, wählt sie aus, schneidet sie und setzt sie in einen anderen Zusammenhang mit den Bildern.
Auch sollte man ihn nicht mit Charles Bernstein verwechseln, dem Komponisten von White Lightning und The Entity. Beide Namen finden sich in den von Tarantino verwendeten Repertoires, stehen aber für unterschiedliche Laufbahnen. Die vollständige Zuordnung verhindert, dass eine Liste von Filmmusiken aus einer zufälligen Namensgleichheit eine vermeintliche stilistische Kontinuität macht.
An diesen Beispielen lässt sich Einfluss als konkrete Praxis verstehen. Tarantino muss eine Filmmusik nicht von Grund auf nachahmen, um sich mit ihr auseinanderzusetzen; er kann sie in seinen Film einfügen und ihre Funktion verändern. Bernstein bringt dabei zwei Formen der Erinnerung ein: die an einen Star und eine Rolle, die Rick begehrt, und die an eine kriegerische Energie, die andere Figuren zu ihrer Aktion antreibt. Die musikalische Vergangenheit bleibt erkennbar, während die Gegenwart der Montage bestimmt, was es bedeutet, sie erneut zu hören.
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