Mr. Blonde holt den Benzinkanister aus dem Kofferraum seines Autos und bringt ihn in das Lagerhaus aus Reservoir Dogs. Er holt ihn nicht aus einem Aktenkoffer. Als er zurückkommt, besprüht er den Polizisten Marvin Nash mit Benzin und droht, ihn anzuzünden. Doch Mr. Orange schießt auf ihn, bevor er dazu kommt. Die Szene zeigt eine unterbrochene Bedrohung, nicht die Verbrennung des Gefangenen.
Der Gegenstand verleiht einem kurzen Weggehen eine andere Bedeutung. Blonde lässt den Gefangenen zurück, geht nach draußen und kommt mit etwas zurück, das einen neuen Angriff ankündigt. Durch seinen Weg kann das Publikum gemeinsam mit der Gefahr, die er mitbringt, auf seine Rückkehr warten. Der Kanister ist wegen seiner konkreten Verwendung in der Szene wichtig – der Film muss nicht erklären, wo der Kraftstoff gekauft wurde oder wie lange er schon im Auto lag.
Das Benzin beweist für sich genommen auch nicht, dass die gesamte Folter Teil eines zuvor ausgearbeiteten Plans war. Feststellen lässt sich, wo es sich befand und wie es während der Gefangenschaft eingesetzt wurde. Dass der Gegenstand zuvor bereitgestellt wurde und Blonde sich entscheidet, ihn gegen Marvin einzusetzen, sind zwei unterschiedliche Fragen.
Der Kanister kommt aus dem Kofferraum des Autos
Der Gegenstand befindet sich ganz konkret im Kofferraum von Mr. Blondes Wagen, dem Cadillac, den er im Film fährt. Blonde verlässt das Lagerhaus, geht zum Auto und kommt mit dem Kanister zurück. Die Szene lässt die Verbindung zwischen zwei nahe beieinanderliegenden Orten nachvollziehen und zeigt, wie der Gegenstand auf diesem Weg Teil der Handlung wird. Der Kofferraum ist ein Fahrzeugfach – kein Aktenkoffer, in dem die Beute liegt.
Das Drehbuch von Quentin Tarantino beschreibt im Entwurf vom 22. Oktober 1990, der bei IMSDb aufbewahrt wird, wie Blonde zum Auto geht und den Kanister holt. Diese Passage dokumentiert die geschriebene Handlung, die seine Rückkehr vorbereitet. Für das Opfer im veröffentlichten Film ist der Name Marvin Nash maßgeblich: In einigen früheren Drehbuchfassungen wird eine andere Bezeichnung verwendet, die nicht auf die von Kirk Baltz gespielte Figur übertragen werden sollte.
Der Gang nach draußen bringt eine Pause in der Gefangenschaft, aber keine sichere Erholung für Marvin. Die räumliche Trennung vom Angreifer lässt offen, wann er zurückkommt. Der Kanister macht aus diesem Warten eine konkrete Vorahnung: Blonde kehrt nicht zurück, um die Begegnung zu beenden, sondern mit einem Gegenstand, der seine Fähigkeit, Schaden anzurichten, erweitert. Der alltägliche Gang zum Auto wirkt bedrohlich, weil er verschiedene Dinge miteinander verbindet.
Draußen wirkt die Umgebung im Gegensatz zu dem Ort, an dem der Gefangene festgehalten wird, ganz gewöhnlich. Durch die Nähe kann der Ort der Folter abgeschieden wirken, ohne weit vom Rest der Stadt entfernt zu sein. Der Gegenstand gelangt aus einer gewöhnlichen Umgebung des Unterwegsseins in den von Blonde beherrschten Innenraum. Seine Bedeutung für die Szene ergibt sich aus diesem Ortswechsel und dem Zweck, den er bei seiner Rückkehr erhält – nicht aus einer spektakulären Inszenierung des Kanisters.
Die Rückkehr verändert, was Marvin befürchtet
Das Benzin kommt ins Spiel, nachdem die Gefangenschaftsszene das Machtgefälle zwischen den beiden Männern bereits etabliert hat. Marvin ist gefesselt, und Blonde bestimmt, wie lange seine Handlungen dauern. Mit dem Kanister kommt innerhalb desselben Machtverhältnisses eine neue Gefahr hinzu. Der Gefangene kann die Drohung verstehen, hat aber nicht annähernd genug Bewegungsfreiheit, um ihr auszuweichen.
Blonde besprüht den Polizisten mit Benzin und kündigt an, ihn anzuzünden. Die Altersfreigabebeschreibung der BBFC erwähnt die Kombination aus Kraftstoff und der Drohung, ein Feuer zu legen. Die Situation muss nicht mit dem Entzünden enden, damit sie verständlich ist: Die ausgeführten Handlungen und die ausgesprochene Absicht reichen aus, um deutlich zu machen, wovor der Gefangene Angst hat. Die Szene lässt die künftige Gefahr schon eine Weile im Raum stehen, bevor sie eintreten könnte.
Marvins Reaktion gibt dem Gegenstand seine menschliche Dimension zurück. Der Kraftstoff ist nicht länger etwas, das in einem Auto aufbewahrt wird, sondern Teil eines Angriffs auf einen wehrlosen Menschen. Seine Bitten haben keinen Einfluss auf Blondes Reaktion. Im Dialog bittet Marvin den anderen, aufzuhören – in einem Machtverhältnis, in dem derjenige, der es könnte, sich auf keine verlässliche Verständigung einlässt.
Das Verhalten von Mr. Blondeverlagert die Szene weg von jedem Anschein einer Suche nach Informationen und hin zur Freude an der Macht über den Gefangenen. So lässt sich sein Beharren darauf verstehen, die Bedrohung hinauszuzögern. Der Kanister macht eine Initiative des Angreifers sichtbar: Die Handlung, die er vorbereitet, entspringt seiner Entscheidung in diesem Moment, auch wenn wir nicht wissen, warum er schon zuvor Benzin dabeihatte.
Der Unterschied zwischen Besitz und Vorbereitung ist hier besonders hilfreich. Dass sich der Kanister im Auto befindet, ist eine Tatsache der Szene; Vermutungen darüber, wann oder zu welchem Zweck er dort platziert wurde, würden eine Vorgeschichte hinzufügen. Die Szene liefert genug Informationen, um die Gefahr zu verstehen, ohne diese Vergangenheit zu klären. Der Gegenstand ermöglicht die Handlung, die wir sehen, beweist aber für sich genommen nicht alle Schritte eines früheren Plans.
Orange unterbricht die Bedrohung, bevor es zum Feuer kommt
Mr. Orange greift ein und stoppt den Angriff, bevor Blonde Marvin anzünden kann. Orange schießt auf ihn und verändert, wer im Lagerhaus handeln kann. Tim Dirks’ Beschreibung auf Filmsiteordnet das Eingreifen vor der angekündigten Verbrennung ein. Diese Abfolge unterscheidet den bereits angerichteten Schaden von einer Bedrohung, die nicht verwirklicht wird.
Der Moment wirkt besonders eindrücklich, weil derjenige, der eingreift, schwer verletzt ist und kaum in der Lage zu sein scheint, den Verlauf der Begegnung zu verändern. Seine Handlung durchbricht die Machtverteilung, die Blonde für sicher hielt. Der Kanister und das Benzin hatten der Szene eine unmittelbare Richtung gegeben; die Schüsse unterbrechen sie von einer anderen Stelle desselben Raums aus. Die Wende kommt nicht dadurch zustande, dass der Angreifer sich endlich entscheidet, dem Gefangenen zuzuhören.
Die Unterbrechung nimmt dem bereits Geschehenen zudem nichts von seinem Gewicht. Marvin kehrt nicht in den Zustand vor seiner Gefangenschaft zurück, nur weil die neue Bedrohung gestoppt wird. Die Szene unterscheidet zwischen dem Verhindern des nächsten Angriffs und dem Auslöschen des vorherigen Schadens. Diese Grenze macht das konkrete Ausmaß von Oranges Eingreifen verständlich, ohne es zur vollständigen Lösung aller Gefahren im Film zu erklären.
Der Gegenstand hat seine Funktion erfüllt, bevor das von Blonde angekündigte Ergebnis eintritt. Er hat das Warten verlängert, die Bedrohung verstärkt und eine Verhaltensänderung in dem Raum herbeigeführt, den die drei Männer teilen. Die Szene kann diesen Abschnitt beenden, ohne Flammen zu zeigen: Die Gefahr war erkennbar, und ebenso die Handlung, die sie unterbricht. Das Benzin ist wichtig, weil es die Handlungsmöglichkeiten verändert hat – nicht, weil der Film alle Folgen davon zeigen müsste.
Die Verwechslung von Aktenkoffer und Kofferraum verändert den Weg, den der Gegenstand zurücklegt. Ein Aktenkoffer ist ein tragbarer Behälter; der Kofferraum gehört zum Auto. In dieser Szene muss Blonde das Gebäude verlassen, um das Benzin zu holen, und damit zurückkommen. Die Bewegung wäre eine andere, wenn der Gegenstand bereits neben ihm im Lagerhaus läge. Der genaue Ort ist kein belangloses Detail: Er ermöglicht die Pause und bestimmt die Erwartung der Rückkehr.
Außerdem muss man die Flüssigkeit in der Filmhandlung von dem Material unterscheiden, das beim Dreh verwendet wurde. Die Handlung macht durch die Aktion und den Dialog deutlich, dass es sich um Benzin handelt. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, was sich während der Dreharbeiten im Kanister befand. Um die Gefahr innerhalb der Geschichte zu beschreiben, muss man weder behaupten, dass das Team echten Kraftstoff verwendete, noch eine bestimmte Drehpraxis unterstellen, solange es dafür keine Belege gibt. Die Analyse stützt sich darauf, was die Figuren tun und wovor sie sich fürchten. Die verwendeten Stoffe, Sicherheitsvorkehrungen und Produktionsverfahren gehören dagegen in eine andere Untersuchung, die sich allein anhand des Bildes nicht abschließen lässt.
