Die Diamanten sind das Ziel des Raubüberfalls in Reservoir Dogs und die Beute, die Mr. Pink nach dem Scheitern des Coups behalten kann. Ihre Existenz liefert einen Grund, die Gruppe zusammenzubringen, obwohl der Film den Folgen des Überfalls viel mehr Aufmerksamkeit widmet als den gestohlenen Steinen. Welchen Wert sie für die Figuren haben, lässt sich verstehen, ohne ein Verzeichnis oder eine Schätzung zu kennen.
Die Beute lässt sich als MacGuffin betrachten: ein materielles Ziel, das die Handlung in Gang setzt und das Interesse der Figuren aufrechterhält, während sich der Konflikt auf Vertrauen, Misstrauen und Überleben verlagert. Dass die Diamanten visuell kaum Beachtung finden, bedeutet nicht, dass sie irrelevant sind. Die Möglichkeit, sie zu behalten, bleibt bestehen, als die Zusammenarbeit der Männer auseinanderzubrechen beginnt.
Der Gegenstand lässt sich auch mit dem Koffer aus Pulp Fiction vergleichen, doch die Filme machen unterschiedliche Angaben zu ihrem Inhalt. In Reservoir Dogs wissen wir, was gestohlen wird. Die funktionale Beziehung zwischen den beiden Beutestücken beweist weder, dass sie dieselben Diamanten enthalten, noch, dass eine bestätigte Kontinuität zwischen ihnen besteht.
Was gestohlen wird und was Mr. Pink retten kann
Der von Joe Cabot organisierte Überfall hat ein Juweliergeschäft und dessen Waren zum Ziel. Die Diamanten sind Teil der Vereinbarung, die die Beteiligten zusammenführt: Es gibt einen geplanten Coup, eine begehrte Beute und die Aussicht auf Gewinn. Anhand der Dialoge und der Vorbereitung kann der Film dieses Ziel deutlich machen, ohne den Raub als ausführliche Darstellung davon zu inszenieren, wie jedes einzelne Stück erlangt wird.
Nach dem Desaster teilt Pink mit, dass er die Diamanten hat und sie versteckt hat. Tim Dirks hält diese Information in seiner Beschreibung von Reservoir Dogs für Filmsite fest. Seine Darstellung unterscheidet zwischen dem Scheitern des Einsatzes und dem Verlust der Beute: Die Bande hat Verluste erlitten und fühlt sich verfolgt, doch der Gegenstand, der sie zum gemeinsamen Arbeiten gebracht hat, lässt sich noch immer zurückholen. Dieser Unterschied hält inmitten der Krise eine Gewinnchance offen.
Damit verfügt Pink über Informationen, die für die anderen nützlich sind. Zu wissen, wo sich das Diebesgut befindet, gibt ihm eine andere Rolle als jemandem, der lediglich erzählt, was geschehen ist. Die Diamanten machen ihn nicht zum Anführer, verleihen seiner Anwesenheit aber eine materielle Bedeutung. Die Gruppe kann über das Verhalten jedes Einzelnen streiten und ist zugleich weiterhin auf Informationen angewiesen, die auf Personen verteilt sind, denen sie unterschiedlich stark vertraut.
Der Film muss auch nicht bei der Erscheinung der Steine verweilen, damit das Publikum versteht, warum sie wichtig sind. Die Figuren haben ihr Leben und ihre Freiheit riskiert, um sie zu bekommen. Dieses vorherige Engagement verleiht ihnen bereits vor einer möglichen Präsentation dramatisches Gewicht. Im Mittelpunkt steht, wer die Beute behält und welche Entscheidungen sie auslöst – nicht eine Beschreibung ihrer Eigenschaften als Schmuckstücke.
Die Beute bleibt wichtig, auch wenn der Raub nicht mehr im Mittelpunkt steht
Die Funktion des MacGuffins zeigt sich hier in einer konkreten Verschiebung. Die Diamanten erklären, warum die Männer zusammengekommen sind, doch das Publikum beginnt, anderen Fragen nachzugehen: Wer hat die Polizei informiert, wem kann man glauben und wie soll der Verletzte versorgt werden? Das wirtschaftliche Ziel bleibt bestehen, ist aber nicht mehr der einzige Maßstab, an dem jede Entscheidung gemessen wird.
Dass der Überfall nicht auf der Leinwand zu sehen ist, begünstigt diesen Wandel. Statt die Männer dabei zu zeigen, wie sie sich die Beute sichern, und ihre Geschicklichkeit zu belohnen, zeigt der Film, wie sie versuchen, einem Einsatz Sinn zu geben, der aus dem Ruder gelaufen ist. Das Diebesgut verbindet die Vorbereitung mit den Folgen. Der Gegenstand sorgt dafür, dass beide Momente zum selben Auftrag gehören, während die Erzählung ihre Bilder auf die Beziehungen konzentriert, die dieser Auftrag unter Druck gesetzt hat.
Die Beute und der verletzte Komplize schaffen unterschiedliche Bedürfnisse. Die Diamanten lassen sich verstecken und transportieren; Orange braucht Versorgung und beansprucht Zeit, die sich nicht auf dieselbe Weise aufschieben lässt. Dieser materielle Unterschied macht den Konflikt greifbar. Die Bande muss entscheiden, was es bedeutet, den Plan fortzusetzen, wenn nicht mehr alle Mitglieder eigenständig handeln können. Die Ware ist weiterhin transportabel; die menschliche Situation ist sehr viel schwieriger zu bewältigen.
Zudem trennt der Film Besitz von Sicherheit. Dass die Figuren bekommen haben, wonach sie gesucht haben, gibt ihnen nicht die Kontrolle über das Geschehene zurück. Sie können ein Ergebnis des Coups behalten und zugleich keine verlässliche Erklärung für die Reaktion der Polizei haben. Der Film hält diese beiden Umstände zusammen, damit der materielle Erfolg nicht mit einer Lösung gleichgesetzt wird. Die Diamanten bleiben ein Anreiz innerhalb eines Einsatzes, dessen Vertrauensgefüge versagt hat.
Der Gegenstand ermöglicht außerdem einen Vergleich der Prioritäten, ohne dass jeder Mann eine Grundsatzerklärung abgeben muss. Vor dem Hintergrund eines weiterhin möglichen Gewinns erhalten das Drängen auf einen Aufbruch, die Bereitschaft zu warten oder der Schutz eines Komplizen ihre Bedeutung. Wer sich um einen Menschen kümmert, kann dadurch die Flucht mit der Beute verzögern; wer sich für die Flucht entscheidet, kann Verpflichtungen zurücklassen, die andere für bindend halten. Der Konflikt zeigt sich in den Entscheidungen, die sich auf dieselbe Situation beziehen.
Der Vergleich mit dem Koffer aus Pulp Fiction
Die beiden Gegenstände lassen sich danach vergleichen, welche Aufmerksamkeit ihnen die Figuren schenken, nicht aber hinsichtlich einer nachgewiesenen materiellen Identität. Reservoir Dogs benennt Diamanten als Ziel des Raubüberfalls. Das Drehbuch von Pulp Fiction, das bei Daily Script erhalten ist, lässt den Inhalt des Koffers außer Sicht und beschreibt den Glanz, der beim Öffnen daraus hervortritt. Dieser Unterschied macht es unmöglich, den zweiten Film als Bestätigung dafür heranzuziehen, was mit der Beute aus dem ersten geschieht.
Die Vermutung, dass die Steine letztlich in diesem Koffer landen, gehört zu den Theorien über den Inhalt von Pulp Fiction. Eine Ähnlichkeit in der erzählerischen Funktion kann diese Verbindung reizvoll erscheinen lassen, belegt aber weder eine Besitzkette noch einen Transfer zwischen den Geschichten. Diese Vermutung muss nicht geklärt werden, um zu erklären, warum die Diamanten in Reservoir Dogs funktionieren.
In diesem Film ist die Beute konkret genug, um den Überfall zu rechtfertigen, und zugleich im Bild nebensächlich genug, um Raum für andere Konflikte zu lassen. Dieses Verhältnis ermöglicht es, die Aufmerksamkeit von der Ware auf die Menschen zu lenken, ohne den Grund aus den Augen zu verlieren, der sie zusammengebracht hat. Die Diamanten behalten als gemeinsames Ziel gerade dann ihre Bedeutung, wenn die Männer keine gemeinsame Antwort mehr darauf haben, was sie als Nächstes tun sollen.
Es ist sinnvoll, das Ziel des Coups von den Belegen dafür zu trennen, was schiefgelaufen ist. Dass Pink die Diamanten behält, sagt etwas über das materielle Ergebnis seiner Flucht aus, benennt aber nicht die Person, die die Polizei informiert hat. Die Beute und der Verdacht gehören zu unterschiedlichen Fragen, auch wenn die Figuren sie während derselben Krise diskutieren. Etwas Wertvolles zu besitzen, ist nicht gleichbedeutend mit einer vollständigen Erklärung des Geschehenen.
Diese Unterscheidung verändert auch, wie der Unterschlupf zu verstehen ist. Das Lagerhaus ist nicht bloß der Ort, an den eine Ware gebracht wird: Dort müssen sich Menschen begegnen, die denselben Auftrag erlebt haben, aber jeweils nur Teile davon kennen. Einige wissen, was sie während der Flucht gesehen haben; andere kennen frühere Verbindungen zwischen Bandenmitgliedern; Pink weiß etwas über das Diebesgut. Die Spannung entsteht dadurch, dass diese Bruchstücke zusammengeführt werden müssen, ohne dass genug Vertrauen vorhanden ist, um sie anzunehmen. Die Diamanten tragen dazu bei, dass das Treffen für alle weiterhin von gemeinsamem Interesse ist, auch wenn sie nicht mehr für alle ein gemeinsames Ziel sicherstellen.
