Das Drehbuch von Reservoir Dogs: die Fassung von 1990 im Vergleich zum Film

Das Drehbuch von Reservoir Dogs lässt Veränderungen erkennen, die sich auf die Einführung der Figuren und die Darstellung einer Handlung auswirken. Manche Unterschiede betreffen die Frage, wer eine Rede hält, andere einen Namen oder das, was die Kamera letztlich zeigt. Ein wiedererkennbarer Dialog kann seinen Inhalt beibehalten und eine andere Funktion erhalten, wenn er von einer anderen Figur gesprochen wird.

Der Vergleich geht von einer eindeutig bestimmten Fassung aus: dem auf den 22. Oktober 1990 datierten Text von Quentin Tarantino, der von IMSDb veröffentlicht wurde. Darin erläutert Pink Madonnas Lied, während White sich weigert, Trinkgeld zu geben. Im veröffentlichten Film sind diese Äußerungen Brown beziehungsweise Pink zugeordnet. Das ist eine der deutlichsten Änderungen zwischen diesem Dokument und dem fertigen Film.

Auch die Entstehung des Drehbuchs hat eine Geschichte, für die es auf Daten und Zuschreibungen ankommt. Die Erinnerung an eine kurze Schreibphase ist keine vollständige Chronologie der Überarbeitungen, der Vorbereitung und der Dreharbeiten. Diese Fassung ermöglicht es, einen bestimmten Stand der Entscheidungen vor dem Kinostart zu untersuchen und nachzuvollziehen, wie sie verändert wurden.

Die datierte Fassung und die Schreibzeit

Das Referenzdokument trägt das Datum 22. Oktober 1990 und den Namen Quentin Tarantinos. Die Veröffentlichung auf IMSDb bietet einen konkreten Text zum Vergleich mit Reservoir Dogs, der 1992 in die Kinos kam. Das Datum kennzeichnet diese Fassung; es belegt weder, dass sie der erste Entwurf war, noch, dass alle später veröffentlichten Kopien exakt denselben Inhalt wiedergeben. Die folgenden Unterschiede ergeben sich aus dem Vergleich zwischen diesem Dokument und dem Film.

In „Cinema Tarantino: The Making of Pulp Fiction“, einer von Mark Seal verfassten Oral History, die im Februar 2013 im Vanity Fair erschien, erinnerte sich Tarantino an eine Schreibphase von dreieinhalb Wochen. Eine Kriminalgeschichte, die für ein Episodenprojekt gedacht war, entwickelte sich schließlich zu Reservoir Dogs. Die Dauer stammt aus diesem rückblickenden Bericht und reicht für sich genommen weder aus, um den Beginn genau zu datieren, noch um das Ende mit dem Datum des erhaltenen Dokuments in Verbindung zu bringen.

Der Text entwirft einen Film, der die Folgen eines Raubüberfalls in den Mittelpunkt stellt. Die Ankunft der Überlebenden und ihre Gespräche über das Geschehene bilden eine Situation, die durch Rückblenden erweitert wird. Die chronologische Reihenfolge von Reservoir Dogsmacht es möglich, diese zeitliche Anordnung zu untersuchen; hier ist entscheidend, dass das Drehbuch die Krise bereits mit der Vergangenheit der Beteiligten verknüpft. Die Struktur beschränkt sich nicht darauf, die Ereignisse, die zu ihrem Zusammentreffen geführt haben, der Reihe nach wiederzugeben.

Beim Frühstück wechseln die Sprecher, und der Polizist bekommt einen anderen Namen

In der Fassung von 1990 erläutert Mr. Pink die sexuelle Deutung von Madonnas Lied. Im Kinofilm hält Mr. Brown, gespielt von Tarantino, diese Rede. Die Änderung beeinflusst den ersten Auftritt beider Figuren. Brown erhält einen längeren Beitrag, mit dem er das Gespräch bestimmt, während Pink später mit einer anderen Art des Widerspruchs verbunden wird. Der Vergleich stützt sich auf das datierte Drehbuch und die Anfangsszene des Films von 1992.

In diesem Dokument weigert sich Mr. White, Trinkgeld zu geben; im Film ist es Mr. Pink. Durch die Verlagerung der Äußerung ändert sich, wen wir dabei beobachten, wie er gegenüber der Gruppe eine Ausnahme verteidigt. Im Kinofilm muss Pink seine Haltung vor den anderen begründen, bevor wir ihn unter dem Druck des Raubüberfalls erleben. Diese erste Auseinandersetzung verleiht ihm eine wiedererkennbare Art zu argumentieren. Anhand der Änderung lässt sich die Figurenzeichnung untersuchen, ohne die Meinung der Figur zu einer persönlichen Aussage des Schauspielers zu machen.

Beide Verschiebungen wirken zusammen: Sie verteilen die Aufmerksamkeit am Tisch neu. Eine Ensemble-Eröffnung muss die Beteiligten voneinander unterscheidbar machen, ohne sofort ihre Vorgeschichte zu erklären. Die Länge eines Beitrags und die Reaktionen, die er hervorruft, tragen dazu bei. Dass ein Gesprächsthema erhalten bleibt, bedeutet nicht, dass auch die Gruppe gleich gezeichnet wird: Wenn sich ändert, wer eine Äußerung aufnimmt oder hervorruft, beschreiben die Repliken andere Beziehungen.

Eine weitere Abweichung zeigt sich, als der gefangene Polizist mit Orange spricht. Im Drehbuch von 1990 heißt er Jeffrey Andrews, im Film Marvin Nash. Die Figur wird von Kirk Baltz gespielt. In diesem Vergleich handelt es sich um eine Namensänderung, nicht um zwei verschiedene Gefangene. Die Szene zeigt weiterhin den Kontakt zwischen dem verletzten Polizisten und Orange. Der Name der Figur im Kinofilm stammt jedoch aus dem Dialog des Films und nicht aus dem früheren Dokument.

Die geschriebene Handlung und das, was die Kamera zeigt

Der Angriff auf das Ohr ermöglicht den Vergleich einer visuellen Entscheidung. Der Text von 1990 schildert das Abschneiden aus der Sicht des Gefangenen; im Film wendet sich die Kamera von der Amputation ab und zeigt anschließend das Ergebnis. Greg Nicotero erinnerte sich an diesen Wechsel, als er über die vorbereiteten Effekte sprach: im Interview von Ken Lewis für Ain’t It Cool News, am 28. Mai 2020. Der Unterschied beeinflusst das Erleben des Publikums: Es erhält genügend Informationen über den Angriff, ohne dessen Ausführung unmittelbar zu sehen.

Eine schriftliche Anweisung kann die Handlung festlegen und vorschlagen, wie sie zu sehen ist; beim Dreh und im Schnitt wird jedoch letztlich bestimmt, wie lange der Blick auf etwas verweilt und wohin er sich richtet. In diesem Fall bleibt das Ereignis Teil der Geschichte, während sich seine Darstellung ändert. Der Vergleich ermöglicht es, zwei Entscheidungen voneinander zu trennen: Was tut die Figur, und welcher Teil dieser Handlung wird dem Publikum gezeigt? Um diesen Unterschied zwischen Seite und Leinwand zu erkennen, muss nicht die gesamte Sequenz rekonstruiert werden.

Tarantino beschrieb sein Schreiben auch als visuelle Arbeit. Im Interview von Paul Zimmerman für Orbit aus dem Jahr 1992, das vom Quentin Tarantino Fan Club wiederveröffentlicht wurde, erklärte er, dass er die Verfolgungsjagd Einstellung für Einstellung geschrieben hatte. Diese Aussage veranschaulicht einen Aspekt davon, wie Tarantino schreibt: Die Seiten können Bewegungen und Bildausschnitte vorwegnehmen und zugleich Dialoge enthalten. Regieanweisungen erfüllen eine andere Funktion als die gesprochenen Zeilen und sollten bei der Analyse des Drehbuchs nicht der Stimme einer Figur zugeschrieben werden.

Die Geschichte, die Orange sich ausdenkt, um das Vertrauen der Kriminellen zu gewinnen, stellt innerhalb des Films eine Verbindung zwischen Schreiben und Schauspiel her. Die Figur bereitet eine Erzählung vor und muss sie als selbst erlebte Erfahrung erscheinen lassen. Die Szene betont die Art des Erzählens, die Details, die die Aufmerksamkeit fesseln, und die Sicherheit des Sprechenden. Die Worte verfolgen ein konkretes Ziel: Sie sollen ihm einen Platz in der Gruppe verschaffen.

Diese Episode macht deutlich, warum ein Drehbuch mehr braucht als einprägsame Sätze. Ein Beitrag hat einen Adressaten, findet in einer bestimmten Situation statt und zielt auf eine bestimmte Wirkung ab. Sein Inhalt kann überzeugend wirken, weil er im richtigen Moment und mit einer Haltung vorgetragen wird, die zu den Erwartungen der Zuhörenden passt. Wenn der Film Körper, Pausen und Reaktionen hinzufügt, werden diese Bedingungen sichtbar. Das Drehbuch von Reservoir Dogs bietet Material für diese Verwandlung: In den Gesprächen werden Figuren vorgestellt, Informationen verteilt und Entscheidungen über andere Menschen herbeigeführt.