Reservoir Dogs und City on Fire haben eine wiedererkennbare dramatische Ausgangssituation gemeinsam: Ein verdeckter Ermittler baut eine Beziehung zu einem Kriminellen auf, und diese Beziehung wird offengelegt, als die Bande einen Verrat vermutet. Ringo Lams Film kam 1987 in die Kinos und damit vor Quentin Tarantinos Debüt von 1992. Anhand der Beziehung zwischen den beiden Filmen lässt sich untersuchen, wie sich ein Konflikt derselben Art verändert, wenn seine Darstellung neu angeordnet wird.
Die Ähnlichkeit geht über Waffen oder einen gescheiterten Raubüberfall hinaus. Sie betrifft den Konflikt zwischen der Zugehörigkeit zu einer Institution und der Verbundenheit mit einer Person aus der Gruppe, gegen die ermittelt wird. Eine schützende Geste kann der Rolle widersprechen, die eine Figur eigentlich einnehmen sollte. Dadurch werden die Grenzen zwischen Verbündetem, Feind und Verräter unscharf.
Die Diskussion über Einflüsse hat sich mit einer Kontroverse über filmische Übernahmen vermischt. Um sie zu verstehen, lohnt es sich, zwei Ebenen zu betrachten: die Beziehungen zwischen den Figuren und die Art, wie dem Publikum Informationen vermittelt werden. Eine konkrete Vorlage zu erkennen, sagt noch nicht aus, wie viel Raum sie in einem Film einnimmt, wie sie vorbereitet wird oder welche Folgen sie hat.
Der verdeckte Ermittler und die Loyalität unter Verdacht
Die präziseste Gemeinsamkeit liegt im Konflikt zwischen einem Polizeiauftrag und einer persönlichen Beziehung. Der verdeckte Ermittler muss auf die Kriminellen glaubwürdig wirken, doch das Vertrauen, das er gewinnt, bleibt kein folgenloses Werkzeug. Wenn jemand aus der Gruppe ihn wie einen Kameraden behandelt, bekommt die Ermittlung einen Preis, den die Figur nicht einfach dadurch begleichen kann, dass sie sich daran erinnert, auf welcher Seite sie steht.
Der Eintrag zu City on Fire auf Criterion Channel nennt Chow Yun-fat als Ko Chow, einen Polizisten, der sich in eine Bande einschleust und eine Beziehung zu ihrem Anführer aufbaut, gespielt von Danny Lee. Nach einem Raubüberfall, der in eine Schießerei mündet, vermuten die Diebe, dass es einen Informanten gibt. Diese Kombination aus Undercover-Einsatz, Nähe und Misstrauen bietet eine konkrete Grundlage für den Vergleich der Filme.
In Reservoir Dogs lässt sich das Problem an der Beziehung zwischen Mr. Orange und Mr. White aus der Perspektive desjenigen beobachten, der Vertrauen schenkt. White hilft einem Mann, den er für einen Kameraden hält. Sein Urteil beruht auf dem Umgang miteinander und einer gemeinsam erlebten Situation; das Publikum kennt Oranges Identität und verfügt damit über Informationen, die der Hilfe eine andere Bedeutung geben. Der Schutz kann aufrichtig sein und zugleich auf einem Irrtum beruhen.
Der Reiz dieser Ähnlichkeit liegt in diesem Widerspruch. Loyalität bedeutet nicht, den anderen zu kennen, und die Entdeckung seiner Identität macht nicht alles Erlebte mit ihm unwahr. Wer nur darauf schaut, wer eine Pistole trägt, übersieht diesen Mechanismus. Beide Erzählungen stellen vermeintlich klare Kategorien infrage: Polizist und Krimineller beschreiben Positionen, während Freund und Verräter von einer Beziehung abhängen, die durch die Ereignisse auf die Probe gestellt wird.
Ein ähnlicher Showdown in unterschiedlichen Erzählstrukturen
Leigh Singer nennt in seiner für das BFI verfassten und im Januar 2022 aktualisierten Analyse den verdeckten Ermittler und die abschließende Schießerei als Gemeinsamkeiten mit Lams Film. Außerdem hebt er einen überprüfbaren Unterschied hervor: City on Fire zeigt den Raubüberfall, während Reservoir Dogs ihn ausspart. Tarantinos Publikum erfährt von den Folgen und hört verschiedene Schilderungen einer zentralen Handlung, die es selbst nicht gesehen hat.
Die Auslassung verändert die Funktion der Gespräche. Wenn die Überlebenden erklären, was schiefgelaufen ist, gibt es keine vollständige Darstellung des Raubüberfalls, anhand derer sich jede Aussage überprüfen ließe. Die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, wer spricht, was die Person gesehen haben könnte und welches Interesse sie daran hat, eine bestimmte Erklärung zu verteidigen. Eine Anschuldigung kann durch die Bestimmtheit, mit der sie vorgetragen wird, überzeugend wirken, obwohl noch Informationen fehlen, um sie zu überprüfen.
Auch der Weg des verdeckten Ermittlers verändert sich. City on Fire stellt das Publikum an die Seite von Ko Chow und seinem Polizeiauftrag; Reservoir Dogs hält Oranges Identität zurück, bis wir White bereits dabei gesehen haben, ihn zu beschützen. Die Enthüllung zwingt uns, eine Beziehung neu zu bewerten, deren Entstehung wir mitverfolgt haben. Die Wirkung beruht darauf, dass wir zuerst die Abhängigkeit der beiden voneinander und erst danach den Unterschied zwischen ihren tatsächlichen Positionen kennenlernen.
In der Schießerei verdichten sich diese Beziehungen zu einer unmittelbaren Entscheidung: einer Anschuldigung Glauben schenken, an einem Vertrauen festhalten oder akzeptieren, dass ein anderer seine Sichtweise durchsetzt. Die Figuren können denselben Raum teilen und über unvereinbare Informationen verfügen. Das erklärt, warum die visuelle Ähnlichkeit so deutlich erkennbar ist, aber auch, warum sie je nach dem zuvor enthüllten Wissen ein anderes Gewicht hat.
Die zeitliche Neuordnung hat weitere Vorläufer. Die Beziehung zu The Killing, von Stanley Kubrick verortet Tarantinos Erzählung in einer Tradition von Raubüberfallfilmen, die ihre Handlung nicht chronologisch erzählen. Diese Tradition zu erkennen, hilft, den Vergleich mit Lam genauer zu fassen: Eine Übereinstimmung beim Konflikt erklärt für sich genommen noch nicht alle erzählerischen Entscheidungen in Reservoir Dogs.
Mike Whites Montage und Tarantinos Antwort
Mike White machte den Vergleich mit Who Do You Think You're Fooling? zu einem kritischen Eingriff. In „Jealous Much?“, veröffentlicht am 26. Juni 2015 in seinem Blog Impossible Funky Productions, bezeichnete White das Werk als ein 1994 entstandenes Stück, an dessen Gestaltung er mitgewirkt hatte, um City on Fire Reservoir Dogs gegenüberzustellen. Der Titel lautet genau so; er sollte nicht mit anderen Dokumentarfilmen über Tarantino verwechselt werden.
Das Verfahren führt Material aus beiden Filmen zusammen, um die beanstandeten Übernahmen sichtbar zu machen. Dieses Argument sollte White zugeschrieben werden: Die Montage entwickelt durch Auswahl und Gegenüberstellung von Ausschnitten eine kritische Lesart. Von dort aus lässt sich darüber diskutieren, wie bedeutsam die Parallelen sind, wie stark sie durch neue erzählerische Zusammenhänge verändert werden und welche Anerkennung dem früheren Werk zuteilwird.
Tarantino äußerte sich 2017 bei einem Treffen zum 25-jährigen Jubiläum in Sundance direkt zu dem Einfluss. Chris Bumbray zitierte ihn für JoBlo: Tarantino räumte ein, dass City on Fire ihn inspiriert hatte, wies jedoch die Beschreibung seines Films als Neuverfilmung zurück, die sich darauf beschränke, die Vorlage umzuformulieren. Stattdessen erklärte er, er habe aus der Situation der letzten zehn Minuten einen Spielfilm entwickelt.
Diese Erinnerung bringt zum Ausdruck, wie der Regisseur die Umgestaltung des Materials verteidigt; sie ersetzt jedoch nicht die Untersuchung der Filme. White legt den Schwerpunkt auf die erkennbaren Entsprechungen, Tarantino dagegen auf die Ausweitung einer Situation. Das sind zwei unterschiedliche Maßstäbe für die Bewertung einer Übernahme. Die Diskussion über filmische Stilnachahmung geht hier von konkreten Entscheidungen aus: Welcher Konflikt bleibt erhalten, welche Informationen werden zurückgehalten und welche Beziehung prägt die Erfahrung des Publikums.
Beim Vergleich von Ausschnitten beeinflusst die Länge jedes Ausschnitts, was als übereinstimmend erscheint. Zwei aufeinanderfolgende Einstellungen können eine Körperhaltung oder die Anordnung der Waffen hervorheben; eine längere Sequenz zeigt, wie es dazu kommt und wie lange die Situation anhält. Um die Gemeinsamkeit zu beurteilen, sollte man die Frage im Blick behalten, die jede Szene bestimmt: Was versucht eine Figur herauszufinden, was glaubt das Publikum bereits und welche Handlung könnte die Situation verändern?
Auch die Tonspur verdient Beachtung. Wird der Dialog zu einem Bild ausgetauscht, kann dadurch eine Gleichwertigkeit suggeriert werden, die der Originalschnitt so nicht herstellt. Als vergleichendes Argument kann dieses Verfahren nützlich sein, solange man zwischen der Gestaltung des Essays und der des Films unterscheidet. Die Ähnlichkeit einer Geste, die Funktion einer Szene und der Aufbau einer ganzen Erzählung sind unterschiedliche Analyseebenen. Werden sie auseinandergehalten, lässt sich über konkrete Beispiele diskutieren, ohne zu verlangen, dass eine einzelne Übereinstimmung den gesamten Spielfilm erklärt.
