Mr. Pink zählt Mr. Orange durchaus zu denjenigen, die der Maulwurf in Reservoir Dogs sein könnten. Er äußert diesen Verdacht allgemein und schließt dabei auch andere Mitglieder der Gruppe ein. Sein Misstrauen gegenüber dem Verletzten ist ausdrücklich, doch der Film stellt diesen Kommentar nicht als Ergebnis eines Beweises gegen ihn dar. Pink behauptet, jemand habe sie verraten; beweisen kann er noch nicht, wer es war.
Sein Verdacht rührt daher, wie er die Reaktion der Polizei auf den Überfall deutet. Seiner Meinung nach waren die Beamten bereits vorbereitet. Ausgehend davon stellt er die Sicherheit des Treffpunkts und Whites Vertrauen in seine Kollegen infrage. Seine Überlegungen beeinflussen das Verhalten der Gruppe unmittelbar, auch wenn sie die Identität des Maulwurfs nicht klären.
Als Joe Cabot später eintrifft, erhebt er einen gezielten Vorwurf gegen Orange. Zwischen diesen beiden Momenten hat das Publikum Informationen erhalten, die Pink nicht kennt. Wer diese unterschiedlichen Wissensstände auseinanderhält, versteht, was Pink richtig erkennt, was er offenlässt und weshalb seine Worte keine vorweggenommene Enthüllung darstellen.
Der Verdacht beginnt mit der Reaktion der Polizei
Als Pink im Lagerhaus eintrifft, versucht er nachzuvollziehen, warum so viele Polizisten zum Eingreifen bereitstanden. Seine Sorge beginnt nicht mit einem bestimmten Verhalten Oranges. Sie beginnt mit dem Scheitern des Überfalls und dem Eindruck, dass die Bande in eine von anderen vorbereitete Situation geraten ist. Beth Accomando beschreibt in ihrer am 16. Oktober 1992 veröffentlichten Kritik zu Reservoir Dogs für KPBS Pinks Überzeugung, dass es einen Maulwurf gibt.
Pink bringt das schnelle Eintreffen der Polizei mit der Möglichkeit in Verbindung, dass vorab Informationen weitergegeben wurden. Im Dialog legt er seine Überlegungen wiederholt dar: Er unterscheidet zwischen den Beamten, die seiner Ansicht nach bereits vor Ort waren, und denen, die erst nach dem Alarm eingetroffen wären. Das ist seine unter Druck geäußerte Rekonstruktion des Geschehens. Seine Bestimmtheit erklärt, warum seine Warnung so eindringlich ist, doch sie liefert für sich genommen keinen Namen für seinen Verdacht.
Die dringendste Folge betrifft den Ort, an dem sie sich versammelt haben. Wenn jemand den Plan kannte, konnte er auch das Versteck kennen. Pink befürchtet, dass sie sich durch einen Verbleib dort weiterhin einer Gefahr aussetzen, der sie im Juweliergeschäft bereits ausgesetzt waren. Der Zusammenhang zwischen diesen beiden Orten erklärt, warum er weg will: Er hält die Bedingungen, unter denen es vernünftig war, den ursprünglichen Plan zu befolgen, für nicht mehr gegeben.
Darin zeigt sich der Pragmatismus von Mr. Pink. Seine unmittelbare Frage lautet, welche Entscheidungen nach dem Desaster noch sicher sind. Herauszufinden, wer sie verraten hat, könnte helfen. Doch weil die Antwort ausbleibt, nimmt er nicht an, dass alles einfach so weitergehen kann. Seine Überlegungen ermöglichen es, auf eine wahrscheinliche Gefahr zu reagieren, ohne deren Ursprung bereits vollständig aufgeklärt zu haben.
Orange gerät in einen Verdacht, der auch die anderen einschließt
Das Gespräch mit White zeigt, wie weit dieses Misstrauen reicht. White beruft sich auf seine Beziehung zu Joe, um ihn auszuschließen. Pink entgegnet, dass man nicht für alles bürgen könne, was jemand getan habe, nur weil man ihn kenne. Sicher sein könne er nur über sein eigenes Verhalten. Der Dialog im Lagerhaus, der in der von Springfield! Springfield! veröffentlichten Transkription wiedergegeben ist, macht aus diesem Unterschied einen Austausch von Möglichkeiten: Jeder könnte den anderen verdächtigen.
Pink bezieht nun auch den Verletzten in dieselben Überlegungen ein. White reagiert, indem er Orange verteidigt und an die Schusswunde erinnert, die er bei ihm gesehen hat. Diese Sequenz ist entscheidend für die Antwort auf die Frage: Pink bringt tatsächlich die Möglichkeit ins Spiel, dass Orange der Verräter sein könnte, doch er behandelt sie als eine Möglichkeit unter mehreren innerhalb der Gruppe. Er präsentiert keine besonderen Hinweise, die Orange von allen anderen Verdächtigen abheben.
Die Männer legen unterschiedliche Maßstäbe daran an, wem sie vertrauen. Für White zählen die gemeinsame Vergangenheit mit Orange und dessen Verletzlichkeit. Pink weigert sich, eine neue Bekanntschaft oder eine frühere Beziehung als uneingeschränkte Garantie anzusehen. Die Diskussion funktioniert, weil es keinem der beiden nur um Informationen geht: Sie entscheiden auch, welche Art von Verpflichtung sie unter diesen Umständen einem anderen gegenüber eingehen wollen.
Später erfährt das Publikum während eines Gesprächs mit Marvin Nash von der Zugehörigkeit von Mr. Orange zur Polizei. Pink ist bei diesem Gespräch nicht anwesend. Tim Dirks ordnet die Szene in seiner Filmbeschreibung für Filmsite zeitlich nach Oranges Eingreifen gegen Blonde ein. Die Enthüllung verändert das Verständnis des Publikums, während Pink weiterhin über einen anderen Informationsstand verfügt.
Deshalb kann sein Misstrauen bei einer späteren Sichtung des Films präziser wirken, als es in dem Moment war, in dem er es äußerte. Das Publikum weiß bereits, auf wen es achten muss, und kann eine Möglichkeit als zutreffend erkennen, die die Figur neben anderen offengelassen hatte. Die Spannung entsteht aus diesem Unterschied: Ein Satz, der sich im Nachhinein als wahr erweist, muss nicht auf einer vollständigen Entdeckung beruht haben.
Joe erhebt den direkten Vorwurf
Joes EingreifenJoe Cabotverändert die Diskussion. Joe bezeichnet Orange als Polizisten und begründet seine Entscheidung mit dem Misstrauen, das er ihm gegenüber gespürt haben will. Als White eine Grundlage für den Vorwurf verlangt, beruft sich Joe auf seinen Instinkt. Dieser Austausch gehört zum Dialog der Kinofassung und findet sich auch in der Transkription von Springfield! Springfield!.
Der Vorwurf unterscheidet sich in seiner Wirkung von Pinks vorherigem Misstrauen. Joe wählt einen konkreten Adressaten und ist bereit, sofort Konsequenzen durchzusetzen. Seine Autorität innerhalb der Bande macht Whites Reaktion dringlich. Sie erwägen nicht mehr, wer von mehreren Personen verantwortlich sein könnte, sondern müssen auf eine Entscheidung reagieren, die sich gegen jemanden richtet, der sich verletzt und unter ihrem Schutz bei ihnen befindet.
In diesem Moment versucht Pink, die Eskalation aufzuhalten, indem er daran appelliert, dass sie Profis seien. Ihm geht es weiterhin darum, zu verhindern, dass die Gruppe ihre Lage noch verschlimmert. Er liefert weder neue Beweise gegen Orange noch legt er eine Beweisführung vor, die Joes Intuition bestätigt. Mit seinen Worten will er erreichen, dass sie kein Verhalten an den Tag legen, das eine geordnete Flucht unmöglich macht.
Die Passage verteilt somit unterschiedliche Handlungen auf die Beteiligten: Pink äußert den Verdacht und stellt die bestehenden Sicherheiten infrage; Joe erhebt Anklage; White wendet sich gegen die daraus gezogene Konsequenz. Die Szene hält diese Rollen klar erkennbar, auch wenn das Publikum bereits Oranges Identität kennt. Jeder handelt auf Grundlage seiner Informationen und Beziehungen, ohne dass das Wissen des Publikums automatisch auf die anderen übergeht.
Das Wort „Ratte“ verortet das Gespräch in der Sprache der Bande. Für die Räuber bezeichnet es jemanden, der ihr Vertrauen gebrochen und das Eingreifen der Polizei ermöglicht hat. Diese Bezeichnung bringt die Interessen der Gruppe zum Ausdruck. Sie erfasst jedoch nicht vollständig, was es bedeutet, als verdeckter Ermittler zu arbeiten, und macht die Perspektive der Kriminellen nicht zur einzig möglichen Sicht auf die Situation.
Der Begriff sorgt außerdem dafür, dass ein Verdacht Ablehnung auslösen kann, bevor feststeht, gegen wen er sich richtet. Die Bande teilt das Bedürfnis, sich zu schützen, hat aber kein anerkanntes Verfahren, um ihre Zweifel auszuräumen. Wer Vertrauen einfordert, riskiert, naiv zu wirken; wer es verweigert, kann jede Zusammenarbeit unmöglich machen. Pink spricht aus diesem Dilemma heraus. Indem er mehrere Möglichkeiten offenlässt, bleibt er vorsichtig, schafft aber nicht von sich aus Einigkeit unter den Anwesenden. Die Szene zeigt, wie die Sprache der Zugehörigkeit aufhört, sie zu verbinden, sobald sie darüber streiten, wer weiterhin zur Gruppe gehören darf.
