Joe Cabot organisiert den Raubüberfall in Reservoir Dogs und ist der Vater von Nice Guy Eddie. Dargestellt von Lawrence Tierney, versammelt er die Beteiligten, legt Regeln fest und erwartet, dass seine Erfahrung ausreicht, um eine Diskussion zu beenden. Seine Macht zeigt sich daran, wie sich die anderen ihm gegenüber verhalten: Sie können scherzen, um Gefallen bitten oder protestieren, wissen aber, dass die letzte Entscheidung bei ihm liegt.
Vor dem Überfall ist die Bande auf diese Autorität angewiesen. Nach dem Desaster hoffen einige, dass Joes Rückkehr für Ordnung sorgen wird. Doch der Boss kehrt mit der Absicht zurück, den Verantwortlichen ausfindig zu machen und zu bestrafen, während die Überlebenden bereits Verpflichtungen eingegangen sind, die seinen eigenen zuwiderlaufen. Dieselbe Entschlossenheit, mit der er eine Gruppe organisiert, stößt in der Krise auf neuen Widerstand.
Joe handelt nicht unparteiisch. Sein Sohn ist an der Operation beteiligt, und mit mehreren seiner Männer verbindet ihn eine gemeinsame Vergangenheit. In ihm vereinen sich die Befehlsgewalt eines Auftraggebers und die Vertrautheit eines Mannes, der einige aus dem Team schon länger kennt. Diese Mischung bestimmt, wem er zuhört und was er als unerträglichen Ungehorsam betrachtet.
Joe macht mehrere Kriminelle zu Beteiligten desselben Auftrags. Jeder bringt seine Erfahrung mit, doch für die Arbeit müssen alle gemeinsame Bedingungen akzeptieren. Der Boss beansprucht das Recht, diese festzulegen, weil er das Team zusammengestellt und die Operation organisiert hat. Damit unterscheidet er sich von denjenigen, die sich bei der Ausführung untereinander abstimmen müssen – selbst wenn sie ein unmittelbares Problem besser kennen.
Namen zu vergeben heißt auch, Bedingungen zu stellen
In ihrer Kritik für KPBS vom 16. Oktober 1992 erläuterte Beth Accomando die Logik hinter den Decknamen: Joe versucht, das Wissen der Beteiligten übereinander zu begrenzen, um einen Verrat zu erschweren. Dieses Verfahren verteilt Informationen ungleich. Die Beteiligten müssen dem Mann vertrauen, der sie zusammengebracht hat, und zugleich hinnehmen, weniger über diejenigen zu wissen, mit denen sie zusammenarbeiten werden.
Die Diskussion über die Farbnamen in Reservoir Dogsmacht aus einer praktischen Anweisung einen Streit um das Recht, Entscheidungen zu treffen. Pink protestiert gegen den Namen, den er bekommen hat; Joe weigert sich, die Vergabe zur gemeinsamen Wahl zu machen. Dabei geht es weniger um die konkrete Farbe als um die Möglichkeit, einen Befehl vor den anderen infrage zu stellen.
Joe kann ein lockeres Gespräch dulden und es beenden, sobald er findet, dass es die Arbeit stört. Dieser Wechsel im Ton erinnert die Anwesenden daran, wer bestimmt, wann der Spaß vorbei ist. Seine Art zu befehlen braucht keine aufwendige Zeremonie: Die Gruppe muss nur ihre Tätigkeit unterbrechen, ihm zuhören und akzeptieren, dass die Angelegenheit damit erledigt ist.
Auch die Anonymität beseitigt nicht die Unterschiede, die schon vor dem Auftrag bestehen. Eddie ist weiterhin sein Sohn, und einige der Beteiligten kennen ihn bereits. Die Regel schützt bestimmte Informationen unter den Beteiligten, macht ihre Beziehungen aber nicht gleichwertig. Der Boss verfügt über ein Wissen über die Gruppe, das ihre Mitglieder nicht gleichermaßen teilen – mit Folgen dafür, wem Anerkennung zuteilwird.
Eine Autorität, die auf persönlichen Beziehungen beruht
In dem Profil, das Ella Taylor 1992 in LA Weekly veröffentlichte, beschrieb Tarantino diese Kriminellen als Männer, die Aufträge erledigen und Professionalität nutzen, um ihrem Tun einen Anschein von Respektabilität zu verleihen. Joe gibt dieser Tätigkeit einen Rahmen: einen Auftrag, Regeln und jemanden, der sich als fähig präsentiert, ihn zu leiten. Die Sprache der Arbeit begleitet ein Unternehmen, das auf Zwang beruht.
Das Vertrauen des Bosses speist sich auch aus früheren Erfahrungen. Mit White verbindet ihn eine Vertrautheit, die einen anderen Umgang ermöglicht als bei einer ersten Begegnung. Bei Vic Vega zählt eine Loyalität, die sich schon vor diesem Überfall bewährt hat. Joe bringt diese Beziehungen in die Arbeit ein, sodass das Team eine sorgfältig geplante Organisation mit persönlichen Verpflichtungen verbindet, die bereits zuvor bestanden.
Während seiner Abwesenheit muss die Führung der Bandeohne seine Anwesenheit auskommen, die Streitigkeiten beenden könnte. Die unmittelbaren Entscheidungen liegen bei Männern, die miteinander streiten, und bei Eddie, der versucht, sie neu zu organisieren. Joes Name dient weiterhin als Bezugspunkt, doch auf seine Ankunft zu warten, löst nicht, was sofort eine Antwort verlangt.
Dieses Aufschieben bündelt in dem Boss eine Erwartung, die nur schwer zu erfüllen ist. Um die Gruppe wieder zusammenzuführen, müsste er anerkennen, was in seiner Abwesenheit geschehen ist, und die Überlebenden dazu bringen, sich auf einen gemeinsamen Maßstab zu einigen. Sein früherer Ruf erleichtert es ihm, Gehör zu finden, doch die Erlebnisse im Lagerhaus haben verändert, was jeder hinzunehmen bereit ist. Der Posten gehört ihm weiterhin; Gehorsam ist nicht mehr sicher.
Mit der Anschuldigung wird der Boss selbst zum Teil der Konfrontation
Joe kommt in der Überzeugung an, dass Orange der Spitzel ist. Sein Eingreifen soll die Ungewissheit beenden, nicht eine gemeinsame Beratung eröffnen. Er behandelt seine Schlussfolgerung als ausreichende Grundlage zum Handeln und verlangt von den anderen, seine Entscheidungsbefugnis anzuerkennen. Das Auftreten des Organisators verändert damit die Diskussion: Der allgemeine Verdacht richtet sich nun gegen eine bestimmte Person und wird zu einer unmittelbaren Bedrohung.
Oranges Identität macht die Anschuldigung zutreffend. Damit gewinnt Joe jedoch nicht automatisch Whites Zustimmung, denn dieser hat sich dem Verletzten verpflichtet. Joe weiß etwas Entscheidendes über das Problem und scheitert dennoch beim Versuch, die Antwort durchzusetzen. Die Szene trennt zwei Fähigkeiten, die der Boss offenbar für untrennbar hält: den Verantwortlichen zu erkennen und die Kontrolle über die Gruppe zu behalten.
Seine Waffe stützt schließlich eine Autorität, die sich mit Worten nicht mehr durchsetzen lässt. Von diesem Moment an müssen die Umstehenden auf eine konkrete Bedrohung reagieren. Joe ist nun kein möglicher Schlichter mehr, sondern einer der Männer, gegen die ein anderer vorgehen kann. Die Gewalt, die seine Befehlsgewalt trägt, ermöglicht zugleich, sie anzufechten.
Whites Widerstand wiegt besonders schwer, weil er aus einer früheren Beziehung hervorgeht und nicht bloß von einem Fremden kommt, der die Auftragsbedingungen ablehnt. Joe verlangt Loyalität, obwohl sein früherer Mitarbeiter eine andere Verpflichtung eingegangen ist. Der Bruch zeigt, wo es an Grenzen stößt, Menschen so zu organisieren, als hingen alle ihre Bindungen vom Boss ab: Eine Beziehung, die während der Arbeit entsteht, kann letztlich schwerer wiegen als der Gehorsam, der sie ermöglicht hat.
Lawrence Tierneys Stimme verleiht Joe eine Autorität, die man hören kann, noch bevor man beurteilt, ob er recht hat. Seine raue Art und seine knappen Antworten lassen wenig Raum für Widerspruch. Durch die Darstellung kann eine beiläufige Bemerkung wie ein Befehl wirken, ohne dass seine Macht ausführlich erklärt werden muss.
In seinem im Januar 2022 aktualisierten Essay über Reservoir Dogs wies Leigh Singer darauf hin, dass die scheinbare Natürlichkeit der Gespräche mit einer starken Stilisierung einhergeht. Joe trägt mit Äußerungen, die andere unterbrechen, zu dieser Sprache bei. Während andere Figuren eine Anekdote ausführen oder eine Meinung verteidigen, kann seine Präsenz das Gespräch mit wenigen Worten neu ordnen.
Dieser Rhythmus lässt auch Komik zu. Die Ungeduld des Bosses kann amüsant wirken, solange die anderen es sich erlauben, ihm zu widersprechen; sie wird bedrohlich, sobald diese Freiheit nicht mehr besteht. Dass seine Stimme in beiden Registern gleich bleibt, lässt dieselbe Figur im Scherz wie beim Durchsetzen seiner Macht erkennen.
