Marvin Nash in Reservoir Dogs: der gefangene Polizist und sein Schicksal

Marvin Nash ist der Polizist, den Mr. Blonde gefesselt in das Lagerhaus von Reservoir Dogs bringt. Gespielt wird er von Kirk Baltz. Seine Ankunft gibt den Räubern jemanden, den sie zu dem Polizeieinsatz befragen können, der den Überfall vereitelt hat. Nash ist dem Misstrauen bewaffneter Männer ausgesetzt, die eine Erklärung finden müssen und ihn bestrafen können, wenn sie seine Antworten nicht akzeptieren.

Seine Lage ändert sich, als Orange Blonde davon abhält, ihn zu töten, und sich ihm als Polizist zu erkennen gibt. Diese Erkenntnis eröffnet zwei Männern in Gefahr einen kurzen Moment der Zusammenarbeit. Doch dadurch endet die Gefangenschaft nicht: Nash bleibt gefesselt und wird schließlich von Nice Guy Eddie getötet.

An der Figur lässt sich die Krise aus der Perspektive eines Menschen verfolgen, der der Gewalt der Gruppe ausgesetzt ist. Seine Möglichkeiten hängen von den Entscheidungen anderer ab, obwohl er über Informationen verfügt, die Orange belasten könnten. Angst, Schweigen und die Hoffnung auf Hilfe gehören zu ein und derselben Erfahrung, die sich in den Pausen zwischen den Auseinandersetzungen der Verbrecher entfaltet.

Nash gerät in eine Geschichte, deren Regeln andere festgelegt haben. Die Räuber versuchen herauszufinden, wer die Polizei alarmiert hat, und halten ihn für eine mögliche Quelle von Antworten. Er muss Fragen zu einem Verbrechen beantworten, an dem er nicht beteiligt ist, während seine Entführer entscheiden, welchen Erklärungen sie Glauben schenken.

Die Gefangennahme macht Nash zum Ziel des Misstrauens

Blonde bringt ihn gefesselt im Kofferraum seines Autos mit. Als die Bande ihn ins Lagerhaus bringt, wird ihre Diskussion um eine Gestalt erweitert, die sie eindeutig als Feind einordnet. White, Pink und Blonde schlagen ihn und verlangen Informationen. Die Männer des Überfalls können die Fragen stellen; der Polizist hat keine vergleichbare Möglichkeit, von ihnen Erklärungen für ihre Entscheidungen zu fordern.

Dieses Ungleichgewicht beeinflusst, welchen Wert sie seinen Worten beimessen. Das Misstrauen ist bereits da, bevor Nash antwortet, und jede Verneinung kann als Verschleierung ausgelegt werden. Die Gruppe sucht nach Gewissheit, um das eigene Misstrauen zu beruhigen. Einen Polizisten vor sich zu haben, bietet die Möglichkeit, die Frustration auf jemanden zu richten, erklärt aber nicht von selbst, warum der Überfall gescheitert ist.

Das Verhör als Wortgefechtnimmt hier eine besonders unausgewogene Form an. Nash kann das Gespräch weder verlassen noch bestimmen, wie lange es dauert. Seine Gesprächspartner können ihn unterbrechen und die Frage durch einen Schlag ersetzen. Das schränkt seine Fähigkeit ein, sich verständlich zu machen: Selbst eine schlüssige Antwort muss von jemandem gehört werden, der bereit ist, sie in Betracht zu ziehen.

Eddie bezweifelt, dass diese Gewalt verlässliche Informationen hervorbringt. Sein Einwand macht ein Problem für die Bande selbst deutlich: Ein Gefangener kann versuchen, das zu sagen, was seine Angreifer seiner Meinung nach hören wollen. Diese Einsicht führt nicht dazu, Nash freizulassen. Innerhalb der Gruppe lässt sich ein Problem beim Verhör erkennen und der Polizist zugleich denen ausgeliefert lassen, die ihn gefangen genommen haben.

Oranges Enthüllung eröffnet die Möglichkeit, Hilfe zu bekommen

Als Blonde mit Nash und Orange allein ist, hängt die Bedrohung nicht mehr davon ab, eine Antwort zu erhalten. In der Ohrabschneideszene fügt Blonde dem Gefangenen Verletzungen zu und will ihn töten. Orange greift mit Schüssen ein, bevor Blonde ihn verbrennen kann. Für Nash eröffnet sich dadurch die unmittelbare Möglichkeit, seinem Angreifer zu entkommen.

Orange gibt sich daraufhin als verdeckter Ermittler zu erkennen. Nash sagt ihm, dass er ihn erkannt und nicht verraten hat. Dadurch muss sein vorheriges Schweigen neu bewertet werden: Neben dem Ertragen der Fragen hat er vermieden, den Agenten zu identifizieren, nach dem die Verbrecher suchen. Der Kritiker Vern hob genau dieses Verhalten in seiner Filmkritik vom September 2012 hervor.

Das Gespräch verändert die Beziehung zwischen den beiden. Bis dahin war Nash von Feinden umgeben, und Orange musste den Anschein wahren, zu dieser Gruppe zu gehören. Nun können sie aus einer gemeinsamen beruflichen Position heraus miteinander sprechen. Der Gefangene erhält eine Erklärung, die den anderen unbekannt ist, und findet jemanden, dem gegenüber er um Hilfe bitten kann, ohne so tun zu müssen, als akzeptiere er die Autorität der Bande.

Sie schützen das Geheimnis auf unterschiedliche Weise. Orange hat sich eine Identität geschaffen, um in die Bande aufgenommen zu werden. Nash ist als Polizist enttarnt und bewahrt Oranges Identität durch sein Schweigen. Sein Handlungsspielraum ist viel kleiner, doch sein Schweigen beeinflusst, was die Verbrecher erfahren können. So räumt ihm der Film innerhalb einer Situation extremer Abhängigkeit eine bedeutsame Entscheidung ein.

Beide hoffen, dass die Polizei eingreift, wenn Joe eintrifft. An ihrer Lage ändert diese Erwartung zunächst nichts: Nash bleibt gefesselt, und Orange ist schwer verletzt. Sie können Informationen austauschen und auf Hilfe warten, doch keiner von beiden ist in der Lage, den anderen aus dem Lagerhaus zu befreien. Die gegenseitige Erkenntnis bietet ihnen während des Wartens Gesellschaft, macht den Ort aber nicht zu einem sicheren Zufluchtsort.

Eddie tötet Nash nach Oranges Eingreifen

Als Eddie mit White und Pink zurückkommt, findet er Blonde tot vor. Orange erklärt, er habe geschossen, um Blonde daran zu hindern, den Polizisten zu verbrennen. Eddie tötet Nash und verlangt eine weitere Erklärung dafür, was mit seinem Freund geschehen ist. Der Gefangene stirbt, nachdem er Blondes Angriff überlebt hat; wer seinen Tod der Verstümmelung zuschreibt, verwechselt zwei unterschiedliche Momente seiner Geschichte.

Die Unterbrechung des ersten Angriffs hatte eine Chance auf Rettung eröffnet, die durch die Rückkehr der anderen zunichtegemacht wird. Nash wird nicht mehr zum Zeugen, der das Lagerhaus verlassen oder an einem geschützten Ort berichten kann, was geschehen ist. Sein Ende hängt von einer Entscheidung während des Streits um Blonde ab, noch bevor die Auseinandersetzung zwischen den Räubern selbst entschieden ist.

In der Besetzung von Reservoir Dogs verkörpert Kirk Baltz diese Verletzlichkeit mit einer Figur, deren Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Stimme, Gesicht und Reaktionen auf diejenigen, die sich nähern, gewinnen dadurch besondere Bedeutung. Während andere das Lagerhaus durchqueren oder verlassen, muss Nash ihre Bewegungen von dem Platz aus verfolgen, den sie ihm zugewiesen haben. Dieser körperliche Unterschied prägt seine Beziehung zu den anderen.

Der Marvin aus Pulp Fiction ist eine andere Figur und wird, wie das berufliche Profil des Schauspielers bestätigt, von Phil LaMarr gespielt. Der vollständige Name Marvin Nash und die Besetzung mit Kirk Baltz beziehen sich auf den gefangenen Polizisten aus Reservoir Dogs.

Ein von Baltz beigesteuerter Dialogsatz wurde in einem Interview von Michael Madsen mit Associated Press festgehalten, das im Juni 2012 veröffentlicht wurde. Madsen erinnerte sich daran, dass sein Kollege eine Bitte um Gnade improvisiert hatte, in der er seine Kinder erwähnte. Er sagte, es sei ihm schwergefallen weiterzuspielen, und dieser Verweis sei in zurückhaltenderer Form im fertigen Film geblieben. Der Bericht schreibt Baltz eine Initiative zu, die die Reaktion seines Kollegen während der Aufnahme beeinflusste.

In einem eigenen Interview, das The Bradfieldian im Februar 2017 veröffentlichte, beschrieb Baltz seinen allgemeinen Ansatz beim Schauspielern: Emotionen entstehen durch klare Entscheidungen und das Bemühen, den Bedürfnissen der Figur gerecht zu werden. Er sprach allgemein über sein Handwerk. Auf die Analyse einer Szene übertragen, ermöglicht dieser Ansatz, eine Bitte als Handlung zu betrachten, mit der man etwas von einer anderen Person erreichen will.

Aus dieser Perspektive bietet eine Bitte um Gnade dem Darsteller ein konkretes Ziel: zu versuchen, die nächste Entscheidung seines Gegenübers zu beeinflussen. Die Szene kann sich um diesen Versuch und die darauf folgende Reaktion entfalten.