Mr. Blonde begründet seine Schüsse auf die Menschen im Juweliergeschäft damit, dass sie trotz seiner Warnung den Alarm ausgelöst hätten. Das ist die Erklärung, die die Figur gibt, als seine Komplizen Rechenschaft von ihm verlangen. White und Pink schildern das Geschehen anders: Ihrer Ansicht nach verlor er die Kontrolle über die Situation und gefährdete den Coup und alle Beteiligten.
Der Überfall in Reservoir Dogs bleibt außerhalb des Bildes. Der Film lässt das Publikum die Ereignisse anhand der späteren Erzählungen der Beteiligten im Lagerhaus rekonstruieren. In ihren Aussagen machen sie Blonde übereinstimmend für die Schüsse verantwortlich, doch wenn es darum geht, Alarm, Gewalt und das Auftauchen der Polizisten zeitlich einzuordnen, stimmen ihre Versionen nicht vollständig überein. Diese Meinungsverschiedenheit ist Teil des Gesprächs.
Die Szene liefert eine verbale Erklärung für den unmittelbaren Anlass und zeigt zugleich, wie Blonde versucht, sein Verhalten zu verteidigen. Seine Erklärung stellt weder Whites Vertrauen wieder her noch lässt sie Pinks Reaktion verstummen. Die offene Frage lautet, ob sie sich weiterhin auf einen Komplizen verlassen können, dessen Entscheidungen den Raubüberfall zu einer weitaus gefährlicheren Situation gemacht haben.
White und Pink rekonstruieren einen Überfall, den wir nicht sehen
Die Gewalt im Juweliergeschäft erreicht das Publikum durch die Erzählungen derjenigen, die dabei waren. White und Pink unterhalten sich, nachdem sie entkommen sind, und müssen erklären, was schiefgelaufen ist und was mit den anderen geschehen ist. Weil der Überfall nicht gezeigt wird, erfüllt der Dialog eine klare Funktion: Die Figuren müssen Erlebnisse zusammenfügen, die sie selbst noch nicht geordnet haben.
In seiner Beschreibung von Reservoir Dogs für Filmsite hält Tim Dirks fest, dass beide Blonde vorwerfen, während des Überfalls auf Zivilisten geschossen zu haben. Im Mittelpunkt ihrer Reaktion steht der Bruch mit dem geplanten Vorgehen. Sie hatten sich auf die Zusammenarbeit eingelassen, um Beute zu machen, und müssen nun damit rechnen, dass einer der Beteiligten eine Gewaltspirale ausgelöst hat, die die anderen nicht unter Kontrolle hatten.
White erinnert sich, die Polizisten gesehen zu haben, als der Alarm losging; Pink zufolge machten sie sich erst bemerkbar, nachdem Blonde zu schießen begonnen hatte. Dieser Wortwechsel findet sich im abschließenden, von Springfield! Springfield! transkribierten Dialog. Beide versuchen, dieselben Ereignisse zu ordnen, doch ihre Meinungsverschiedenheit macht es unmöglich, eine der Versionen als visuelle Rekonstruktion zu behandeln, die der Film direkt gezeigt hätte.
Der Unterschied ist wichtig, weil sie nach Ursachen suchen und nicht bloß Anekdoten über ihre Flucht erzählen. Der Zeitpunkt, zu dem sie die Polizei ins Spiel bringen, verändert ihre Erklärung für das Desaster. Über den Ablauf mögen sie sich uneinig sein, doch dass Blonde geschossen hat, stellen sie nicht infrage. Seine Verantwortung für sein Verhalten bleibt ein gemeinsamer Bezugspunkt in zwei Erinnerungen, die nicht in jeder Hinsicht übereinstimmen.
Der Alarm ist die Rechtfertigung, die Blonde vorbringt
Als Mr. Blonde sich verantworten muss, verweist er auf den Ungehorsam der Menschen im Juweliergeschäft. Er sagt, er habe sie gewarnt, den Alarm nicht auszulösen, und stellt seine Schüsse als Folge ihres Handelns dar. Der von IMSDb aufbewahrte Entwurf von Quentin Tarantino vom 22. Oktober 1990 enthält diese Verteidigung; im Dialog der veröffentlichten Filmfassung wird der Alarm ebenfalls erwähnt.
Mit seiner Argumentation schiebt er den Opfern die Verantwortung für das Geschehene zu. Er spricht, als würde eine ausgesprochene Drohung genügen, um deren Ausführung zu erklären und die Diskussion zu beenden. Das lässt sich als Versuch lesen, sich vor seinen Komplizen der Verantwortung zu entziehen: Blonde nennt einen unmittelbaren Anlass, geht aber der Frage aus dem Weg, die White beschäftigt – welche Folgen seine Entscheidung für den gesamten Coup hatte.
Die Reaktion von Mr. Whitemacht diesen Unterschied deutlich. Was Blonde für eine ausreichende Erklärung hält, erscheint White als Ausrede für ein Verhalten, das er nicht als normalen Teil der Arbeit akzeptiert. Das Gespräch stellt zwei Sichtweisen auf dieselbe Tat gegenüber: eine persönliche Drohung durchzusetzen oder bei einem Raubüberfall, bei dem auch andere ihr Leben riskieren, die gemeinsame Kontrolle zu bewahren.
Blondes knappe Antwort trägt zum Unbehagen im Gespräch bei. Während die anderen versuchen, das Desaster zu rekonstruieren, reduziert er die Diskussion auf den Alarm. Die Kluft zwischen dem Ausmaß der Folgen und dem geringen Raum, den er ihrer Erklärung einräumt, verstärkt den Eindruck, dass er nicht mit der Gruppe auf einer Wellenlänge ist. Die Szene zeichnet diese Beziehung anhand konkreter Antworten, ohne eine vorherige Erzählung zu benötigen, die sein gesamtes Verhalten erklärt.
Der Vorwurf lässt daran zweifeln, ob sie weiter zusammenarbeiten können
Whites und Pinks Worte bringen die Sorge zum Ausdruck, dem Handeln eines Komplizen ausgeliefert gewesen zu sein. Das Problem geht über das hinaus, was Blonde seinen Opfern angetan hat: Die anderen können nicht mehr vorhersehen, wie er sich bei einer gemeinsamen Aufgabe verhalten wird. So macht das Gespräch aus einem Ereignis, das außerhalb des Bildes stattgefunden hat, einen gegenwärtigen Konflikt zwischen Männern, die sich noch immer abstimmen müssen.
Mr. Pinkbetont, welche Selbstkontrolle er von jemandem erwartet, der an einem Raubüberfall beteiligt ist. Das Drehbuch von 1990 arbeitet den Unterschied heraus zwischen Panik zu empfinden und sich von ihr das eigene Verhalten diktieren zu lassen; White betont, dass die Zusammenarbeit mit jemandem Unberechenbarem unmöglich ist. Es sind die Bewertungen der Figuren. Im Gespräch setzen sie damit eine Grenze dafür, was sie von einem Komplizen hinzunehmen bereit sind.
Auch Blondes anschließende Ruhe löst das Problem nicht. Er kann im Lagerhaus mit ihnen sprechen und bleibt dennoch der Mann, den sie für die Schüsse im Geschäft verantwortlich machen. Die veränderte Situation lässt die Vorwürfe mit einer praktischen Notwendigkeit zusammentreffen: Die Überlebenden sind weiterhin durch denselben Coup miteinander verbunden. Mit ihm umgehen zu müssen bedeutet nicht, dass sie seine Erklärung für zufriedenstellend halten.
Das Geschehen lenkt einen Teil der Spannung auch auf die Auswahl der Bande. Zu den Vorwürfen gehört die Frage, warum Joe jemanden akzeptiert hat, der sich so verhalten kann. Das Vertrauen in einen Organisator hängt von den Männern ab, die er zusammenbringt. Blondes Verhalten wirkt sich daher auf Beziehungen aus, die über seinen Wortwechsel mit White hinausgehen, auch wenn sich das Gespräch weiterhin auf das Geschehen im Juweliergeschäft konzentriert.
Dass sie Blonde Vorwürfe machen, bedeutet nicht, dass White und Pink der Gewalt unbeteiligt gegenüberstehen. Im Gespräch über die Flucht gibt Pink zu, geschossen zu haben, um zu entkommen, und White räumt ein, dass er tödliche Gewalt anwenden würde, um dem Gefängnis zu entgehen. Der Dialog in Reservoir Dogs macht diese gemeinsame Grundlage sichtbar, während die beiden darüber streiten, welche Grenzen Blonde überschritten hat.
Ihre Vorstellung von Professionalität gehört in diesen kriminellen Kontext. Sie schätzen Kontrolle, Berechenbarkeit und die Möglichkeit, einen Auftrag abzuschließen; sie lehnen Waffen nicht grundsätzlich ab. Das macht den Austausch umso unbequemer: Sie können das Geschehen im Juweliergeschäft verurteilen und zugleich ihre eigene Gewalt rechtfertigen. Der Unterschied, den sie machen, hängt davon ab, wann sie Gewalt für notwendig halten und ob sie die Zusammenarbeit gefährdet. Dieser eigennützige Maßstab charakterisiert die Gesprächspartner, ohne ihre Bewertung der Opfer zu einer neutralen Beschreibung des Geschehenen zu machen oder vom Publikum zu verlangen, ihre Prioritäten zu teilen.
