Jean-Pierre Melville in Reservoir Dogs: Loyalität, Misstrauen und Film noir

Jean-Pierre Melville wurde von Quentin Tarantino ausdrücklich als Einfluss für Reservoir Dogs genannt. Eine konkrete Verbindung zeigt sich in Le Doulos, dessen Drehbuch er bewunderte. Diese Verwandtschaft ermöglicht es, das Vertrauen zwischen Kriminellen und die Art und Weise zu untersuchen, wie eine Erzählung das Urteil über ihre Figuren verändert, wenn sie zuvor fehlende Informationen enthüllt.

In Reservoir Dogs kann das Wort eines Komplizen mehr wert sein als eine verfügbare Erklärung, doch jedes Mitglied versteht Loyalität anders. White beschützt Orange, Pink fordert die Einhaltung der beruflichen Regeln, und Eddie steht für einen Mann ein, den er schon vor dem Überfall kannte. Diese Positionen prallen in einer Organisation aufeinander, die auf Zusammenarbeit angewiesen ist und das persönliche Wissen ihrer Mitglieder voneinander begrenzt.

Der französische Film noir bietet einen Kontext, um diese Widersprüche zu lesen. Die visuelle Ähnlichkeit schlicht gekleideter Krimineller kann zu einem Vergleich einladen, doch ergiebiger ist die Frage nach ihren Verpflichtungen. Eine Bande teilt sich eine Aufgabe; das garantiert nicht, dass sie sich auch darin einig ist, wem sie glauben soll, wenn etwas schiefgeht.

Der erklärte Bezug zu Melville und Le Doulos

In seinem Gespräch mit Dennis Hopper vom 17. März 1994, das in einer Transkription der Quentin Tarantino Archives erhalten ist, bezeichnete Tarantino Melville als den Filmemacher, der ihn speziell für Reservoir Dogs am stärksten inspiriert hatte. Diese Aussage belegt einen ausdrücklich anerkannten Einfluss und grenzt ihn auf diesen Film ein. Man muss ihn nicht allein aus dem Erscheinungsbild der Kriminellen oder dem Verrat darin ableiten.

Außerdem hob er das Drehbuch von Le Doulos hervor, weil es ihn trotz der Ungewissheit emotional fesselte und später klärte, was geschehen war: Interview von Gavin Smith, Film Comment, Juli–August 1994. Melvilles Film von 1962 stellt die Zweifel an Silien, gespielt von Jean-Paul Belmondo, der Lage von Maurice Faugel gegenüber, den Serge Reggiani verkörpert; so beschreibt es der Criterion-Katalog. Vertrauen ist nicht nur eine Verbindung zwischen Figuren, sondern auch ein erzählerisches Problem.

Diese dokumentierte Bewunderung für Jean-Pierre Melville und den französischen Polar lenkt den Vergleich auf Informationen und ihre Folgen. Solange ein Teil der Geschichte fehlt, kann eine Geste verschiedene, miteinander unvereinbare Erklärungen zulassen. Handelt eine Figur, bevor ihr diese Information vorliegt, hat die Ungewissheit bereits eine Entscheidung herbeigeführt. Das dramatische Interesse entsteht aus diesem Abstand zwischen dem, was jemand zu wissen glaubt, und dem, was die Erzählung später verständlich machen wird.

Eine Bande mit unterschiedlichen Loyalitätspflichten

White ist der Ansicht, dass seine Beziehung zu Orange ihn verpflichtet. Der Verletzte ist mit ihm geflohen und auf seine Hilfe angewiesen. Diese Nähe lässt ihn Orange als konkrete Person behandeln, die Angst und Schmerzen hat, während andere das Risiko bewerten, das er darstellt. In den Lagerszenen von Reservoir Dogs – Quentin Tarantino, 1992 – wird der Schutz des Komplizen zu einer Haltung, die White gegenüber der Gruppe vertritt. Seine Gewissheit gründet auf der Verbindung, die er aufgebaut hat.

Pink gibt den Regeln den Vorrang, die den Erfolg des Überfalls sichern sollen. Der Kontrollverlust während des Raubüberfalls und die mögliche Anwesenheit eines Spitzels bedrohen diese Logik. Sein Appell an Professionalität soll einen Maßstab schaffen, der nicht von Sympathien abhängt. Allerdings hat auch er keinen vollständigen Überblick über das Geschehen. Er kann notwendige Fragen stellen und Widersprüche erkennen, ohne dadurch die Identität des Polizisten zu kennen.

Eddie bringt eine Loyalität ins Spiel, die schon vor dem Überfall bestand. Er kennt Blonde und schätzt, dass dieser im Gefängnis gesessen hat, ohne die Cabots zu verraten. Als Orange eine Erklärung für Blondes Tod liefert, beurteilt Eddie sie vor dem Hintergrund dieser Vorgeschichte. Eine langjährige Vertrauensbeziehung wiegt für ihn schwerer als die Version eines Mannes, der erst für den Überfall zur Gruppe gestoßen ist. Seine Reaktion zeigt, wie dieselben Ereignisse je nach der Beziehung, die jeder für entscheidend hält, unterschiedlich gedeutet werden.

Deshalb würde die Rede von einem einzigen Ehrenkodex den Konflikt verdecken. White richtet sich nach der unmittelbaren Pflicht, jemanden zu schützen; Pink nach der Disziplin bei der Arbeit; Eddie nach einer Schuld aus einer Vertrauensbeziehung. Alle drei Positionen haben innerhalb der jeweiligen Beziehungen ihre Berechtigung und können einander blockieren. Die Bande zerbricht auch daran, dass ihr ein gemeinsamer Maßstab fehlt, um diese Prioritäten gegeneinander abzuwägen. Ein Appell an die Loyalität kann je nachdem, wer ihn ausspricht, gegensätzliche Handlungen verlangen.

Der Verdacht wird lauter

In seinem Interview von 1994 stellte Gavin Smith die Zurückhaltung von Le Doulos der Wortfülle und den Tonwechseln von Reservoir Dogs gegenüber. Dieser Vergleich stammt vom Interviewer. Er hilft zu erkennen, dass Einflüsse Unterschiede zulassen: Im Lagerhaus äußern sich die Überzeugungen in Diskussionen, die eine Reaktion erzwingen. Jeder versucht, die anderen von seiner Deutung zu überzeugen, bevor sie eine Entscheidung treffen, die die Gruppe betrifft.

Der Druck wächst, weil das Reden auch eine Schwäche offenbaren kann. Eine allzu persönliche Verteidigung führt zu weiteren Fragen; eine Anschuldigung verändert sofort die Positionen. Der Dialog richtet sich an Menschen, die entscheiden müssen, ob sie gehorchen, abwarten oder gehen. Seine Kraft bezieht er aus dieser konkreten Situation. Dieselbe Aussage kann einen Komplizen beruhigen und einen anderen beunruhigen – je nachdem, was jeder weiß und wie viel Vertrauen er hat.

Die Enthüllung von Oranges Identität verändert außerdem die Position des Publikums. Von diesem Moment an erhalten bestimmte Beziehungen eine Bedeutung, die den Menschen im Lagerhaus unbekannt ist. Die Spannung kann bestehen bleiben, obwohl man bereits weiß, wer der Spitzel ist: Entscheidend ist weiterhin, wie die anderen handeln, während sie noch vertrauen, misstrauisch sind oder eine Lüge deuten. Tarantino lässt das Geheimnis bereits entwickelte Beziehungen beeinflussen, sodass die Antwort auf eine Frage einen emotionalen Konflikt eröffnet.

Dieser Umgang mit Misstrauen ermöglicht es, den Film im Neo-Noir von Los Angeles zu verorten. Die Kriminellen bewahren den Anschein von Kontrolle und eine professionelle Rhetorik, die die Situation zunehmend aus dem Gleichgewicht bringt. Besonders ergiebig ist die Verbindung zu Melville, wenn man untersucht, was geschieht, sobald diese Sicherheit von einer anderen Person abhängt: Gemeinsame Erfahrungen können eine sehr feste Überzeugung begründen und dennoch genau jene Information ausblenden, die sie ins Wanken bringen würde.

Der Begriff Polar verortet den Vergleich im französischen Kriminalfilm, doch Melville hatte innerhalb dieses Umfelds einen eigenen Werdegang. Das Criterion-Porträt beschreibt ihn als Bezugspunkt für die Filmemacher der Nouvelle Vague, der zugleich seinen eigenen Weg weiterverfolgte. Dieser historische Zusammenhang verhindert, Godard und Melville auf denselben Stil zu reduzieren: Beide können zu Tarantinos Filmkultur gehören und ihm unterschiedliche Vorbilder bieten.

Auch sollte man genau benennen, was sich aus der Kleidung ableiten lässt. Die dunklen Jacken und Krawatten verleihen den Dieben das erkennbare Erscheinungsbild einer Gruppe, doch die erklärte Bewunderung für Melville belegt für sich genommen nicht die Herkunft jedes einzelnen Kleidungsstücks. Der Film zeigt Menschen, die für eine Aufgabe vorbereitet wirken wollen und schließlich über die Maßstäbe streiten, die sie zusammenhalten sollten. Die Kleidung kann diese Fassade während einer Begegnung aufrechterhalten, während die Worte Hierarchien, Zuneigung und Kränkungen offenbaren. Darin liegt ein Unterschied zwischen einem gemeinsamen professionellen Erscheinungsbild und dem tatsächlichen Verhalten als Organisation.