Quentin Tarantino spielt Mr. Brown und Edward Bunker Mr. Blue in Reservoir Dogs. Beide gehören zur Gruppe der Räuber, die Joe Cabot angeheuert hat. Sie sind beim Frühstück zu Beginn dabei, doch ihre Rollen sind weniger ausführlich ausgearbeitet als die von White, Orange, Pink und Blonde, deren Auseinandersetzungen den größten Teil der Handlung im Lagerhaus einnehmen.
Dass ihre Auftritte kurz sind, bedeutet nicht, dass sie mit dem Überfall nichts zu tun haben. Brown beteiligt sich an der Flucht nach dem Raub; Blue gehört zu der Gruppe, deren Schicksal die Überlebenden aufzuklären versuchen. Ihre Namen fallen in den Gesprächen über das Scheitern des Überfalls, weil die Bande nicht mehr alle Männer zusammenbekommt, mit denen sie begonnen hat.
Der Film liefert zu jedem von ihnen unterschiedliche Informationen. Brown ist während der Flucht verletzt zu sehen. Von Blues Tod erfährt man hingegen durch Joes Aussage. Dieser Unterschied macht es möglich, ihr Schicksal zu erklären, ohne ihnen Szenen zuzuschreiben, die es nicht gibt: Bei Brown lässt sich eine sichtbare Handlung verfolgen, bei Blue wird die Nachricht innerhalb der Gruppe überbracht.
Mr. Brown: vom Frühstück bis zum Fluchtauto
Brown eröffnet das Gespräch im Café mit seiner sexuellen Deutung des Liedes „Like a Virgin“. Er redet ausführlich und bekommt Antworten, die seine Aussagen infrage stellen. An seinem ersten Auftritt erkennt man, wie er das Gespräch an sich reißt: Er beharrt auf seiner Deutung und versucht, die anderen davon zu überzeugen. In diesem Moment kann sich die Gruppe noch Zeit für eine Meinungsverschiedenheit nehmen, bei der es nicht darum geht, über das Leben eines Kameraden zu entscheiden.
Tarantino spielt einen dieser Beteiligten und schrieb außerdem das Drehbuch und führte Regie, wie das Presseheft des Festival Lumière 2023 festhält. In der Besetzung von Reservoir Dogs hat seine Figur einen kurzen Auftritt. Die Aufmerksamkeit, die er beim Frühstück durch seine Ausführungen erhält, macht ihn nicht zum Organisator des Überfalls. Joe ist weiterhin derjenige, der die Gruppe anheuert und die Bedingungen für den Auftrag festlegt. Brown beteiligt sich an einem Gespräch unter Kameraden, ohne die Leitung der Operation zu übernehmen.
Später kehrt der Film zur Flucht zurück und zeigt ihn mit White und Orange am Steuer eines Autos. Brown ist verletzt und blutet; er kann nicht mehr normal weiterfahren. Der Notfall zwingt die beiden anderen, das Fahrzeug zurückzulassen und allein weiterzufahren. Die Szene endet mit Browns Tod und lässt White und Orange nach einer anderen Fluchtmöglichkeit suchen.
Die Verletzung ist im Bild zu sehen, der Schuss, der sie verursacht hat, jedoch nicht. Deshalb lässt sich beschreiben, was ihm während der Flucht widerfährt, ohne einen bestimmten Schützen zu benennen. Seine Aufgabe als Fahrer wird durch seine Verletzung unterbrochen. Die Figur, die man zuvor als jemanden kennengelernt hat, der unter den anderen das Wort ergreift, taucht wieder auf, als sie Schwierigkeiten hat, die Aufgabe zu erfüllen, von der ihre Kameraden abhängen.
Mr. Blue: Joes Erklärung für seine Abwesenheit
Blue beteiligt sich deutlich weniger am Gespräch beim Frühstück. Seine Anwesenheit macht deutlich, dass er vor dem Überfall zur Gruppe gehört, ohne ihm eine eigene Geschichte oder eine Führungsrolle zu geben. Bunker, im Presseheft des Festival Lumière auch als Eddie Bunker geführt, spielt diese Rolle. Der Film liefert nur wenige Anhaltspunkte, um ihn als Einzelperson zu beschreiben: Er entwickelt keine Vorgeschichte, aus der sich ableiten ließe, wie Blue zu Joe kam oder was er vor diesem Auftrag tat.
Nach dem Raub taucht Blue nicht unter denen auf, die sich im Lagerhaus versammeln. Seine Abwesenheit lässt für die anderen einen Teil des Geschehens ungeklärt. Als Joe eintrifft, berichtet er, dass Blue tot ist. Diese Information stammt aus einem Gespräch nach dem Überfall; der Film springt nicht zurück, um eine Auseinandersetzung mit Blue zu zeigen. Ebenso gibt es keine Szene, in der wir seine letzten Schritte verfolgen können.
Joe macht aus einer Abwesenheit einen bestätigten Verlust für die anderen. Seine Information verändert, womit die Gruppe noch rechnen kann: Blue ist kein Kamerad mehr, der am Treffpunkt auftauchen könnte.
Der Name Mr. Blue taucht auch in der 1999 bei No Exit Press erschienenen Autobiografie von Edward Bunker auf. Laut Verlagsangaben handelt es sich um die Erinnerungen des Schriftstellers, der die Figur spielte. Das Buch handelt von Bunkers Leben. Der Titel lässt sich mit der Rolle verbinden, für die viele Leser ihn kennen, doch die persönlichen Erlebnisse, von denen er berichtet, werden dadurch nicht zur Vorgeschichte des Räubers aus Reservoir Dogs. Der Film bezieht dieses Buch nicht als Erklärung für Blues Vergangenheit ein.
Die Unterscheidung zwischen Darsteller und Figur ist auch bei Brown wichtig. Tarantino schrieb das Drehbuch und spricht Browns Zeilen im Film, doch die Meinung über ein Lied wird innerhalb eines fiktiven Gesprächs geäußert, in dem ein Gesprächspartner versucht, die anderen zu überzeugen. Sie als persönliche Aussage des Regisseurs zu lesen, würde eine andere Zuschreibung erfordern. In beiden Fällen hilft die Kenntnis des Darstellers bei der Identifizierung; das Verhalten der Figur ergibt sich weiterhin daraus, was der Film sie sagen und tun lässt.
