Tarantinos Plattensammlung: hören, bevor er schreibt, und während des Schnitts

Tarantino nutzt seine Platten nicht nur, um fertige Filme zu vervollständigen. Er hat das Hören als eine Möglichkeit beschrieben, den Rhythmus einer Geschichte zu finden, bevor sie gedreht wird.

Die Sammlung als Arbeitsraum

In einem Interview mit The Village Voice erklärte Tarantino, dass er in mehreren Phasen Musik auswählte: während des Schreibens, manchmal schon davor, während der Produktion und schließlich beim Schnitt. Er beschrieb einen Raum voller Vinylplatten und eine Anlage, mit der er Kassetten aufnehmen konnte. Das lässt die Sammlung als Arbeitsinstrument verstehen, ohne sie in ein öffentliches Verzeichnis undokumentierter Platten, Preise oder Mengen zu verwandeln.

Vor dem Schreiben zu hören, verändert das gewohnte Verhältnis zwischen Bild und Musik. Ein Song kommt nicht unbedingt hinzu, um eine bereits vorhandene Lücke zu füllen. Er kann eine Dauer, einen Impuls oder eine Vorstellung davon liefern, wie eine Figur auftritt. Der Regisseur hat diese Suche mit dem Bedürfnis verknüpft, den Rhythmus des Films zu finden – besonders durch einen Auftakt, der ihm ermöglicht, sich den Film vorzustellen.

Dieses Vorgehen bedeutet nicht, dass ein Song allein eine ganze Szene bestimmt. Das Drehbuch muss Handlungen, Beziehungen und Folgen ausgestalten, die auf der Aufnahme nicht enthalten sind. Musik kann als Anregung und als zeitliche Struktur dienen, doch die Erzählung erfordert eigene Entscheidungen. Die Sammlung bietet Material zum Nachdenken, aber keinen Automatismus, der jeden beliebigen Titel in einen Film verwandelt.

Eine Aufnahme auszuwählen heißt, ihre Geschichte anzuerkennen

Ein bereits existierender Song bringt eine Stimme, eine Interpretation und ein kulturelles Gedächtnis mit. Wenn der Film ihn in einen anderen Zusammenhang stellt, löscht er diese Vergangenheit nicht vollständig aus. Er kann sich darauf stützen, ihr widersprechen oder ein neues Publikum mit ihr vertraut machen. Zur Auswahl gehört auch die konkrete Version: Nicht jede Interpretation einer bekannten Melodie erzielt dieselbe Wirkung.

Jackie Brown ist ein Beispiel dafür, wie Soul dazu dienen kann, eine Geschichte und ihre Figuren zu verorten. Tarantino erklärte, er habe eine kulturelle Welt gesucht, die diesem Repertoire nähersteht. Dabei geht es nicht darum, eine beliebige Handlung mit einer Hitliste zu unterlegen. Die Musik prägt das Alter, die Erinnerungen und die Art, wie die Figuren aufeinander zugehen – besonders dann, wenn sie selbst Musik hören.

Die Methode lässt auch Veränderungen zu. Ein Stück erst beim Schnitt zu finden, kann auf ein Bedürfnis eingehen, das im Drehbuch noch nicht erkennbar war. Die Dauer einer Einstellung, der Rhythmus einer Darbietung oder die Beziehung zwischen Sequenzen können eine andere Möglichkeit aufzeigen. Die Auswahl sollte nicht als abgeschlossenes Ritual beschrieben werden, das einmal vor dem Dreh stattfindet und danach unveränderlich bleibt.

Dieses fortgesetzte Hören steht in Verbindung mit Tarantinos Schreibweise, ersetzt sie aber nicht. Eine Szene kann mit einem bestimmten Song im Sinn geschrieben werden und am Ende einen anderen benötigen; eine Aufnahme kann einen Ton inspirieren, ohne im Film aufzutauchen. Wer Inspiration und endgültige Verwendung unterscheidet, vermeidet es, jede vom Regisseur geäußerte Vorliebe als Beitrag zum Soundtrack zu verbuchen.

Wiederholtes Hören kann außerdem Assoziationen über Jahre hinweg bewahren, bis sich eine passende Szene findet. Das bedeutet nicht, dass der Regisseur von Anfang an alle späteren Verwendungen geplant haben muss. Eine Sammlung kann Möglichkeiten bereithalten, die erst dann relevant werden, wenn eine Figur, ein Ton oder eine Struktur ihnen eine neue Bedeutung verleiht.

Auch persönliche Auswahl ist Gemeinschaftsarbeit

Die Sammlung erklärt für sich genommen nicht, ob ein Song in einem Film verwendet werden darf. Die Musikaufsicht identifiziert Aufnahmen, sucht das benötigte Material und koordiniert Aspekte seiner Einbindung. Mary Ramos hat den Prozess als Recherchearbeit gemeinsam mit dem Regisseur beschrieben. Diese Zusammenarbeit anzuerkennen verhindert die Vorstellung, man müsse nur eine Platte aus dem Regal nehmen, damit eine Produktion sie im Schnitt verwenden darf.

Die Vorliebe für bereits existierendes Repertoire schließt Originalmusik ebenfalls nicht aus. Kill Bill enthält Beiträge von RZA; Django Unchained verwendet eigens für das Projekt komponierte Songs; The Hateful Eight hat eine Originalmusik von Ennio Morricone. Die Aussage „Tarantino lässt keine Musik komponieren“ trifft nicht mehr zu, wenn sie als absolute Regel für seine gesamte Laufbahn verstanden wird.

Was bleibt, ist die Aufmerksamkeit für die Eigenart jedes einzelnen Materials. Eine neue Komposition muss ihren Platz neben Aufnahmen finden, die bereits eine Geschichte haben. Ein Film kann beide Verfahren miteinander verbinden, ohne an Kohärenz zu verlieren, sofern die Beziehung zwischen Ton und Szene sorgfältig ausgearbeitet ist. Der Gegensatz zwischen Sammler und Komponist beschreibt diese Praxis nicht vollständig.

Außerdem sollte man den Besitz eines Objekts von der verwendeten technischen Quelle unterscheiden. Dass Tarantino einen Song von einer Vinylplatte kennt, beweist nicht, dass jede Filmkopie genau dieses Exemplar wiedergibt. Bei konkreten Projekten hat er über das Interesse gesprochen, Eigenschaften seiner Platten zu bewahren. Ohne Belege lässt sich dieses Vorgehen jedoch nicht auf alle Titel verallgemeinern. Eine Aufnahme zu sammeln, auszuwählen und zu übertragen sind miteinander verbundene, aber unterschiedliche Tätigkeiten.

Die Sammlung ist kreativ ergiebig, weil sie frühere Begegnungen mit Musik bewahrt und es ermöglicht, ausgehend von einer anderen Geschichte zu ihnen zurückzukehren. Der Regisseur hört etwas Vertrautes und stellt sich eine neue Situation vor. Anschließend verwandeln das Drehbuch, die Darbietungen, die Musikaufsicht und der Schnitt diese Eingebung in eine Sequenz. Die Vinylplatte ist als greifbarer Ausgangspunkt des Hörens wichtig, nicht als magische Erklärung für das gesamte Ergebnis.

Zurück zu Tarantinos Musik und Soundtracks.