Tarantinos Eröffnungssongs und der Ton, den sie anschlagen

Tarantinos Eröffnungssongs erfüllen nicht immer dieselbe Funktion. Manche stellen eine Gruppe vor, andere führen in eine Verletzung, eine Reise oder eine Genregeschichte ein.

Ein musikalischer Auftakt kann nach der ersten Szene einsetzen

Von Eröffnungssongs zu sprechen bedeutet nicht, dass sie alle über dem ersten Bild erklingen. Tarantino nutzt häufig eine vorangestellte Szene, um eine Situation zu schaffen, und lässt die Musik anschließend unseren Eindruck neu ordnen. So werden die Anfangstitel zu einem zweiten Auftakt: Wir wissen bereits etwas über die Welt, lernen aber noch, wie der Film sie uns zeigen möchte.

In Reservoir Dogs begleitet „Little Green Bag“ von der George Baker Selection die Vorstellung der Gruppe in einer Kamerafahrt, nachdem sie im Restaurant miteinander gesprochen hat. Song und Zeitlupe lassen uns die Männer als Formation betrachten – mit ihren Anzügen und ihren körperlichen Unterschieden. Die Musik gibt Menschen einen gemeinsamen Rhythmus, die kurz darauf unvereinbare Interessen und Temperamente zeigen werden.

Die scheinbare Leichtigkeit dieses Auftakts bedeutet nicht, dass die Erzählung unbeschwert sein wird. Die Sequenz entwirft ein anziehendes Bild von Zusammenhalt, bevor der Film dessen Grenzen auslotet. Der Song ordnet eine gemeinsame Fassade. Was wir später erfahren, verändert rückblickend diesen Gang, nimmt seiner anfänglichen Präsentation aber nicht ihren Reiz.

Pulp Fiction setzt auf eine andere Art des Bruchs. „Misirlou“ in Dick Dales Aufnahme von 1962 erklingt nach Honey Bunnys Drohung und dem Einfrieren des Bildes. Die Gitarre verlängert die Wucht der Geste, während die Anfangstitel den Überfall in der Schwebe halten. Die Verbindung zum Surfrockentsteht hier durch Energie und Klangfarbe, nicht durch eine Szene am Strand.

Der anschließende Übergang zu „Jungle Boogie“ kündigt zudem an, dass sich die Klangidentität verändern kann. Der Auftakt legt keine einzige Musikrichtung für die gesamte Erzählung fest. Er zeigt vielmehr eine selbstbewusste Art der Auswahl und des Schnitts, die mühelos von einer Aufnahme zur nächsten wechseln kann. Diese Beweglichkeit bereitet das Publikum auf einen Film vor, der ebenfalls seine Hauptfiguren und seine zeitliche Perspektive wechseln wird.

Eine Person, eine Verletzung oder eine Geschichte aus der Vergangenheit

Jackie Brown eröffnet eine andere Beziehung zwischen Musik und Figur. „Across 110th Street“ von Bobby Womack begleitet Jackie auf dem Rollsteig am Flughafen. Die Einstellung lässt uns ihr Gesicht und ihre Uniform während einer längeren Fahrt betrachten. Der Song verleiht einer alltäglichen Tätigkeit Gewicht und Erfahrung, ohne den Auftakt zu einer Gewaltdemonstration zu machen.

Die mechanische Fortbewegung hat ihren eigenen Rhythmus: Der Körper bewegt sich vorwärts und kann dabei beinahe stillstehen. Die Musik verleiht dieser Bewegung eine ausdrucksvolle Dauer. Statt eine Gang durch einen synchronisierten Gang vorzustellen, gibt der Film einer Frau Raum, die wir noch nicht kennen. Der Song lädt dazu ein, hinter der professionellen Erscheinung ein Leben zu hören.

Kill Bill: Volume 1 verwendet „Bang Bang“ in Nancy Sinatras Interpretation von 1966. Es ist nicht Cher, die den Song singt, obwohl beide Aufnahmen zur Geschichte von Sonny Bonos Komposition gehören. Nach dem anfänglichen Angriff schaffen Stimme und Gitarre eine verletzte Intimität, die im Kontrast zur unmittelbaren Brutalität steht. Der Eröffnungstitel von Nancy Sinatraenthält eine emotionale Erinnerung, bevor der Film seine Rachegeschichte entfaltet.

Hier treibt der Song weder einen Spaziergang an noch stellt er den Zusammenhalt einer Gruppe zur Schau. Er erklingt im Umfeld der Folgen eines Angriffs und schafft Abstand zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Durch seine klangliche Zerbrechlichkeit erhält der Auftakt neben der Bedrohung auch Schmerz. Der Film hat die Beziehung zwischen der Protagonistin und Bill noch nicht vollständig erklärt, aber er legt bereits nahe, sie als Verlust zu hören.

Der Western beginnt mit einer unverkennbaren Stimme

Django Unchained greift „Django“ wieder auf, mit Musik von Luis Bacalov und der Stimme von Rocky Roberts – aus Sergio Corbuccis Film von 1966. Der Song begleitet den Beginn der Reise der versklavten Männer. Der gesungene Name und die Bilder verbinden einen neuen Protagonisten mit einer älteren Filmtradition, auch wenn seine Umstände und seine Geschichte andere sind.

Die Übernahme des Eröffnungsthemas aus Django von 1966lässt das Genre schon über den Klang in Erscheinung treten. Man muss kein Duell abwarten, um die dramatische Bandbreite des Westerns zu erkennen. Die Bilder der angeketteten Männer verlangen jedoch, diese Tradition aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Der Song liefert eine Genealogie; der Film entscheidet, welchen Konflikt er darin verankert.

Im Vergleich zeigen diese Auftakte unterschiedliche Funktionen. „Little Green Bag“ entwirft den Anschein einer Gruppe; „Misirlou“ sorgt für einen Schock; „Across 110th Street“ verleiht einer einzelnen Figur Gewicht; „Bang Bang“ führt Verletzlichkeit ein; „Django“ aktiviert die Erinnerung an ein Genre. Keiner dieser Songs muss vollständig erzählen, was danach geschieht, um die Hörweise des Publikums zu lenken.

Die gewählte Version ist untrennbar mit der jeweiligen Funktion verbunden. Ein anderer Sänger oder ein anderes Arrangement würde das gefühlte Alter des Klangs, seine Intimität und seine Energie verändern. Tarantino arbeitet mit Aufnahmen, die bereits eigene Ausdrucksentscheidungen enthalten, und stellt sie neuen Bildern zur Seite. An seinen Auftakten lässt sich dieses Verfahren erkennen, noch bevor die Handlung weit vorangeschritten ist: Der Ton entsteht aus einer konkreten Beziehung zwischen Stimme, Körper, Bewegung und Schnitt.

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