Zwei Schauspieler der Fünfzigerjahre helfen dabei, eine Art Leinwandpräsenz zu verstehen, nach der Tarantino auch in späteren Generationen immer wieder gesucht hat.
Bewunderung, ausgedrückt durch Namen und Filme
Im Interview mit Kim Morgan für Sight & Sound, dessen Auszug am 8. Januar 2016 in Sunset Gun erschien, bestätigte Quentin Tarantino, dass er gern mit Aldo Ray und Ralph Meeker gearbeitet hätte. Außerdem erklärte er, Bruce Willis erinnere ihn an Hauptdarsteller der Fünfzigerjahre wie Ray, Meeker und Brian Keith, und er habe mit Willis Nightfall gesehen. Seine Bewunderung gilt einer konkreten Präsenz, die auf der Leinwand sofort erkennbar ist und Figuren erahnen lässt, noch bevor eine biografische Erklärung folgt.
Die Bezeichnung Charakterdarsteller kann irreführend sein, wenn man sie als Synonym für Nebendarsteller versteht. Ray und Meeker spielten Hauptrollen und übernahmen daneben auch andere Rollen. Entscheidend ist hier die Dichte einer darstellerischen Persönlichkeit: eine Stimme, eine Art, den Raum einzunehmen, oder eine körperliche Spannung, die das Publikum wiedererkennt. Diese Eigenart kann sowohl eine Geschichte tragen als auch das Gleichgewicht einer kurzen Szene verändern.
Man sollte sie auch nicht unter einer völlig einheitlichen Männlichkeit zusammenfassen. Einer Epoche und bestimmten Genres anzugehören bedeutet nicht, gleich zu spielen. Ray kann eine Mischung aus körperlicher Wucht, Orientierungslosigkeit und Verletzlichkeit vermitteln. Meeker strahlt in einigen seiner bekanntesten Rollen eine schneidendere Selbstsicherheit aus, deren Aggressivität selbst zum Problem wird. Der Vergleich ist gerade dann aufschlussreich, wenn er diese Unterschiede sichtbar macht, statt sie einzuebnen.
Aldo Ray in Nightfall und Meeker in Kiss Me Deadly
Nightfall, inszeniert von Jacques Tourneur und 1957 uraufgeführt, bietet einen guten Einstieg in Rays Arbeit. Sein Protagonist gerät in eine Gefahr, die er nicht kontrollieren kann, und muss darauf reagieren, während er versucht, den Sinn des Geschehenen zu begreifen. Die körperliche Präsenz des Schauspielers könnte eine Lösung erwarten lassen, die auf Kraft beruht, doch der Film schöpft auch seine Unsicherheit aus. Die Bedrohung verschwindet nicht, nur weil der Mann, der ihr ausgesetzt ist, sich offenbar verteidigen kann.
Auch die Stimme trägt zu dieser Wirkung bei. Ihre Rauheit lässt nicht jeden Satz wie einen Befehl klingen. Sie kann Müdigkeit, Zurückhaltung oder ein Unbehagen ausdrücken, das die Figur nicht direkt erklärt. Wenn Informationen aus der Vergangenheit in die Handlung einfließen, gewinnt diese Präsenz neue Nuancen. Das Publikum überdenkt, was es über einen Mann zu wissen glaubte, dessen Erscheinung weniger Antworten bot, als sie zunächst zu versprechen schien.
Ralph Meeker als Mike Hammer in Kiss Me Deadly, dem Film von Robert Aldrich, setzt Kraft und Erkenntnis auf andere Weise zueinander in Beziehung. Der Detektiv geht mit einem Selbstvertrauen voran, das nicht garantiert, dass er die Welt versteht, in die er sich begibt. Seine Fähigkeit, einzuschüchtern, kann ihm Türen öffnen, verschafft ihm aber keinen sicheren Einblick in das, was sich dahinter verbirgt. Der Film macht aus dieser Kluft zwischen Tatendrang und Unwissenheit eine anhaltende Quelle der Beunruhigung.
Der Vergleich der beiden Darstellungen verhindert, dass man Härte mit Unverwundbarkeit verwechselt. Ein Mann kann Respekt gebieten und dennoch anfällig für Manipulation, Zufall oder sein eigenes Unverständnis sein. Bei Ray kann sich die Unsicherheit wie eine Last anfühlen; bei Meeker vermag die Energie des Vorwärtsdrängens sie eine Zeit lang zu verbergen. Auf unterschiedliche Weise lassen sie den Körper des Protagonisten mit einer Erzählung in Dialog treten, die mehr weiß als er.
Hollywood im Wandel und eine differenziertere Erinnerung
In jenem Gespräch von 2016 brachte Tarantino den Aufstieg von Hauptdarstellern wie Elliott Gould, Jack Nicholson und Dustin Hoffman mit dem Verdrängen einer älteren Sorte von Leading Man in Verbindung, für die in seiner Aussage Brian Keith stand. Seine Beobachtung beschreibt einen Wandel des Geschmacks und der beruflichen Möglichkeiten. Sie belegt weder, dass alle Schauspieler einer Generation dasselbe Schicksal erlitten, noch macht sie aus jedem Karriereknick dieselbe Geschichte des Hinausgedrängtwerdens.
Der Wandel lässt sich auch anhand der Figuren verstehen, die eine Branche für begehrenswert hält. Zu bestimmten Zeiten scheint ein Held körperliche Selbstsicherheit und wenige Erklärungen mitbringen zu müssen; zu anderen wird eine nervösere, redseligere oder offen widersprüchliche Figur attraktiv. Die Darsteller verlieren nicht zwangsläufig ihre Fähigkeiten, wenn sich diese Vorliebe ändert. Es kann sich vielmehr ändern, welchen Platz die verfügbaren Geschichten ihren Fähigkeiten einräumen.
Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, zu den Filmen zurückzukehren und sich nicht mit dem Etikett des vergessenen Schauspielers zufriedenzugeben. Vergessen hängt davon ab, wer hinsieht, welche Titel im Umlauf sind und wie die Geschichte des Kinos erzählt wird. Nightfall und Kiss Me Deadly ermöglichen es, konkrete Arbeiten wiederzuentdecken, ohne ihre Hauptdarsteller zu bloßen Opfern einer späteren Epoche zu machen. Eine Würdigung überzeugt mehr, wenn sie eine schauspielerische Leistung zeigt, statt lediglich eine Karriere zu beklagen.
In seinem Interview mit Kim Morgan von 2009, das New Beverly 2017 erneut veröffentlichte, beklagte Tarantino Rays Niedergang und brachte ihn mit Alkohol und schlecht bezahlten Arbeiten in Verbindung. Das ist seine rückblickende Einschätzung dieser Laufbahn. Sie sollte ihm zugeschrieben werden, ohne sie zur umfassenden Erklärung für das ganze Leben des Schauspielers zu machen.
Auch im Umgang mit dem Privatleben ist Vorsicht geboten. Das tragische Bild, das sich um einen Darsteller formen lässt, berechtigt weder dazu, jede Rolle mit seiner Biografie zu erklären, noch dazu, Tarantino eine vollständige Diagnose seines Niedergangs zuzuschreiben. Sein Zeugnis der Bewunderung reicht als Ausgangspunkt. Von dort aus können Zuschauer selbst nachvollziehen, wie Ray und Meeker Spannung erzeugen, welche Beziehungen sie zu ihren Mitspielern aufbauen und wie eine scheinbar gefestigte Präsenz Verletzlichkeit erkennen lässt.
Entdecke die Auswahl an Filmemachern und Schauspielern, die Tarantino bewundert.
