Bei der telefonischen Verhandlung in Jackie Brown ist Geld nicht das einzige Argument: Auch das Bild einer Frau, die bereit zu sein scheint nachzugeben, spielt eine Rolle. Jackie muss Ordell glauben machen, dass er zurückbekommen kann, was er verloren hat. Max tritt als Vermittler auf und liefert eine Erklärung, die mit dem Stolz des Drogenhändlers vereinbar ist: Sie hat Angst und will den Konflikt beilegen. Diese Vermittlung gehört zur Vorbereitung des abschließenden Treffens.
Die Angst, die hier ins Spiel gebracht wird, hängt mit Ordell und den Folgen zusammen, die es hätte, in seine Verbrechen verwickelt zu werden. Das Versprechen einer Einigung muss als glaubwürdige Reaktion auf diese Drohungen erscheinen. Die Szene behandelt eine konkrete Frage: Was kann Jackie einem Mann weismachen, der ihr misstraut und sein Geld zurückhaben will? Das Gespräch bietet ihm einen scheinbar vorteilhaften Ausweg, während die Protagonistin das Treffen auf Bedingungen lenken muss, unter denen sie überleben kann.
Die Gespräche, die das abschließende Treffen in Quentin Tarantinos Jackie Brown (1997) vorbereiten, sind Teil einer Vereinbarung, in der Max eine eigene Funktion hat. Das Angebot, das Geld zurückzugeben, wird von einer Erklärung zu Jackies Angst begleitet. Um die Situation zu verstehen, sollte man darauf achten, wer welches Argument vorbringt und was damit bei Ordell erreicht werden soll.
Was Max vorschlägt und was Ordell braucht
Charles J. Rzepka hebt in seinem Essay „Putting the Punch in Elmore Leonard’s Rum Punch: Jackie Brown as Homage“, erschienen in Sympos, Ordells Bereitschaft hervor, weiterzuverhandeln, um sein Geld zurückzubekommen. Max erzählt ihm, Jackie habe Angst, dass Ordell sie als Komplizin hineinzieht oder sie tötet, bevor sie sich erklären kann. Die angebotene Rückgabe gibt dem Drogenhändler einen Grund, zum Büro des Kautionsvermittlers zu kommen.
Das Argument hat zwei Wirkungen. Zum einen erscheint Jackies Rückzug als Reaktion auf den Druck, den Ordell ausgeübt hat. Zum anderen kann er sich die Rückgewinnung des Geldes als eigenen Sieg vorstellen. Die Verhandlung setzt auf seinen Wunsch, sich durchzusetzen: Eine Erklärung kann ihn gerade deshalb ansprechen, weil sie ihm wieder die Rolle des Mannes gibt, dem andere gehorchen müssen.
Das Misstrauen gegenüber Ordell Robbieist weiterhin von Bedeutung. Er hat die Kontrolle über die Übergabe verloren und muss das nicht ausblenden, um einem Gespräch zuzustimmen. Die Aussicht, sein Geld zurückzubekommen, steht seinen Vorbehalten gegenüber. Dieses Zusammenspiel verhindert, dass sich das Ende auf reine Leichtgläubigkeit reduzieren lässt: Die dramatische Gefahr entsteht daraus, dass er misstrauisch sein und sich dennoch entscheiden kann, weiterzumachen.
Der Taschentausch in Del Amoerklärt, wie der Konflikt entstanden ist. Das Geld ist der Anlass für das Treffen. Max liefert eine Deutung des Geschehenen, die Ordell eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung einräumt. Seine Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass man sich die Erklärung anhören kann, bevor der Drogenhändler gewaltsam reagiert.
Die telefonische Überprüfung
Ordell vergewissert sich am Telefon, dass Jackie wartet. Dieser kurze Moment im Dialog des Films ist wichtig, weil es einen Unterschied macht, ob man eine Information überprüft oder die gesamte Vereinbarung kennt. Das Gespräch kann eine unmittelbare Frage beantworten und andere offenlassen. Entscheidend ist, was Ordell für ausreichend hält, um weiterzumachen, während das Publikum über einen größeren Zusammenhang verfügt.
Am Telefon kann er seine Gesprächspartnerin und deren Umgebung nur eingeschränkt wahrnehmen. Die Stimme stellt den Kontakt her, zwingt ihn aber dazu, die Lage anhand von Worten und Reaktionen einzuschätzen. Innerhalb dieser Verhandlung hilft die Distanz, das Bild der Verletzlichkeit, das dem Drogenhändler vermittelt wird, von den tatsächlichen Bedingungen des geplanten Treffens zu trennen.
Jackies InitiativeJackie Brownbesteht darin, mit den Erwartungen ihres Gegners zu arbeiten. Einerseits einer Drohung gewachsen zu sein und andererseits den anderen glauben zu lassen, man habe nachgegeben, sind zwei unterschiedliche Mittel. Das Angebot, das Geld zurückzugeben, wirkt überzeugend, wenn Ordell es dem Druck zuschreiben kann, den er selbst ausgeübt hat. So macht die Protagonistin ein Machtgefälle zum Material für ihre Inszenierung vor ihm.
Das Warten lässt die Gefahr bestehen
Clinton Barney untersucht in „Chekhov’s Gun that Never Goes Off“ (Mise-en-scène, 2023) Jackies Vorbereitungen mit der Waffe im Büro und ihr Unbehagen, während der Schnitt Max und Ordell unterwegs zeigt. Diese Wartezeit macht deutlich, dass ein Plan keine Sicherheitsgarantie ist. Der Film hält die Möglichkeit offen, dass die Situation denen entgleitet, die sie organisiert haben.
Der Bundesbeamte Ray Nicolette hält sich in einem Hinterzimmer des Büros auf. Dadurch wird das Treffen zu einer Falle für Ordell. Die während der Verhandlung geschilderte Angst hilft dabei, ihn zum Kommen zu bewegen, doch der Ausgang hängt auch von einem Eingreifen ab, das er nicht kontrolliert.
Jackies Vorbereitungen lassen erkennen, dass ihr dieselbe Drohung zugleich als Teil eines Täuschungsmanövers dienen und sie tatsächlich belasten kann. Diese Spannung verleiht dem Warten seine Bedeutung: Dass sie das Angebot annehmbar gemacht hat, schützt sie nicht vor dem, was geschehen kann, wenn Ordell eintrifft.
Robert Forsters Darstellung verleiht der Vermittlung eine besondere Nuance. Rzepka hebt Max’ knappe Sprechweise und sein professionelles Auftreten hervor. Dank dieser Zurückhaltung lassen sich seine Beiträge als ernst zu nehmende Vermittlung verstehen, selbst wenn er eine interessengeleitete Erklärung überbringt. Max muss nicht mit Ordells Intensität konkurrieren, um im Gespräch seinen Platz einzunehmen. Sein Ton kann das Angebot tragen, während der Drogenhändler versucht, seine Position als derjenige zu behaupten, der entscheidet.
Durch diese unterschiedlichen Ausdrucksweisen wirkt die Verhandlung beklemmend: Die Figuren können einander genau verstehen und trotzdem unvereinbare Ziele verfolgen. Eine offene Auseinandersetzung ist für einen Konflikt nicht immer nötig. Max muss dafür sorgen, dass das Treffen zustande kommt; Ordell muss das Gefühl haben, weiterhin Bedingungen durchsetzen zu können. Die Ruhe des einen und der Widerstand des anderen lassen beide Positionen im Gespräch bestehen. Die Szene bezieht ihre Spannung aus diesem vorläufigen Nebeneinander, bevor der gemeinsame Raum die Annahmen eines jeden von ihnen zunichtemacht.
