Der Einfluss der Nouvelle Vague auf Reservoir Dogs zeigt sich in filmischen Arbeitsweisen und im Umgang mit dem Gangsterfilm. Der Film eröffnet mit einem Gespräch, das das Thema des Raubüberfalls aufschiebt, macht die Stimmen der Gangster zum Teil des Spektakels und lässt ein attraktives Bild der Gruppe neben unangenehmem Verhalten bestehen. Diese Freiheit, den Schwerpunkt zu verlagern, hilft, die Verbindung zum französischen Kino zu verstehen.
Godard ist innerhalb dieses Zusammenhangs ein klarer Bezugspunkt. Die Verbindung ermöglicht es, zu untersuchen, wie Tarantino Gangstergeschichten mit Momenten verbindet, die sich der Dringlichkeit der Handlung zu entziehen scheinen. Eine Bemerkung über Musik, eine alltägliche Diskussion oder ein Witz können so viel Raum einnehmen, dass sich die Erwartungen daran verändern, was auf der Leinwand Platz verdient.
Diese Affinität ist von einer konkreten technischen Behauptung zu unterscheiden. Eine nicht chronologische Erzählweise und ein Kontinuitätssprung innerhalb einer Szene sind unterschiedliche Mittel. Die Kapitelstruktur und die zeitlichen Rückblenden in Reservoir Dogs machen den Schnitt des Films nicht automatisch zu einer Sammlung von Jump Cuts nach Godards Vorbild.
Godard als filmischer Bezugspunkt
À bout de souffle, im Deutschen bekannt als Außer Atem, wurde 1960 von Jean-Luc Godard inszeniert. Der Criterion-Katalog stellt den Film als Neuinterpretation amerikanischer Genres vor, die den Filmemacher interessierten. Dieser Ausgangspunkt hilft, den Vergleich einzuordnen: Der Gangsterfilm kann vertraute Figuren und Situationen liefern, während die Inszenierung verändert, wie sie präsentiert werden und wie viel Zeit ihnen eingeräumt wird.
Tarantino erklärte Gavin Smith, er habe Godards Kino als befreiend empfunden, weil es über Filme selbst sprechen könne, ohne die emotionale Verbindung zu verlieren: Film Comment, Juli–August 1994. Diese Aussage über seine Arbeitsweise hilft, Reservoir Dogs zu interpretieren. Die Figuren können an andere Fiktionen erinnern und ein hartes Image verkörpern, während der Film dazu auffordert, auf den Schmerz zu achten, den sie verursachen oder erleiden. Das Bewusstsein für die Künstlichkeit des Films besteht neben den Folgen, die sich auf die Beziehungen auswirken.
Zu Beginn diskutieren die Männer über Madonna und Trinkgeld, bevor der Auftrag vorgestellt wird, der sie zusammengeführt hat. Die Szene in Reservoir Dogs (Quentin Tarantino, 1992) stellt die Gruppe durch die Art vor, wie ihre Mitglieder sich ins Gespräch einbringen. Wer beharrlich bleibt, ein Gespräch unterbricht oder eine Regel nicht akzeptiert, nimmt eine bestimmte Position ein. Der Austausch könnte wie ein Umweg von der Planung des Raubüberfalls wirken, macht aber die Temperamente der Figuren erkennbar, bevor der Notfall sie auf die Probe stellt.
Ein Gespräch, das den Blick lenkt
Sekula schrieb die kreisende Kamerafahrt, die nach und nach die Gäste am Tisch zeigt, einem eigenen Vorschlag zu; Tarantino hatte geplant, zwischen verschiedenen Einstellungen zu wechseln. Das erzählte er Pizzello in American Cinematographer. Die Kamera kann das Publikum mitten in ein bereits laufendes Gespräch führen, ohne jede Person so vorzustellen, als wäre sie offiziell an der Reihe. Die Gruppe ist schon da, bevor wir wissen, wie wir sie einordnen sollen. Dieser Einstieg lenkt die Aufmerksamkeit gleichermaßen auf die sprechende Person und die Zuhörenden.
Die Dauer lässt einer Aussage Raum für eine Antwort, die wiederum die Stimmung verändern kann. In einer Vorstellung, die sich darauf beschränkte, die Rollen beim Überfall zu erklären, würde jeder Beitrag dazu dienen, Aufgaben zu verteilen. Hier ist auch wichtig, wer das Thema bestimmen kann und wer die anderen verärgert. Das Publikum lernt, die Stimmen auseinanderzuhalten, auch wenn es die Lebensgeschichten der Figuren noch nicht kennt. Die Lockerheit entsteht dadurch, dass diese Spannungen Raum bekommen; später werden sie ins Gewicht fallen, wenn die Figuren versuchen, sich abzustimmen.
Der Effekt setzt sich fort, wenn die Gangster unter Druck geraten. Ein Gespräch kann einen Verletzten beruhigen, eine Erklärung infrage stellen oder eine Entscheidung hinauszögern. So verändert ein Gespräch, wozu jemand bereit ist. Der Film lässt den Antworten Zeit, denn eine Weigerung, eine Anschuldigung oder ein Wandel des Vertrauens kann ebenso entscheidend sein wie eine körperliche Handlung. Diese Lesart der Szenen macht es möglich, formale Freiheit und dramatische Gestaltung miteinander in Beziehung zu setzen, ohne jeden Austausch auf einen konkreten französischen Vorläufer zurückzuführen.
Gangsterstil und Erwartungen des Publikums
Betsy Heimann brachte die Kostüme mit dem Wunsch in Verbindung, der Nouvelle Vague Tribut zu zollen und die Gangster anonym wirken zu lassen. Die Ausschnitte, die Tarantino ihr zeigte, gaben die Kombination aus dunklen Jacken, weißen Hemden und Krawatten vor: Interview in „Reservoir Dogs: Gangster Silhouette“, Clothes on Film, veröffentlicht 2017. Dieses einheitliche Erscheinungsbild steht den sehr unterschiedlichen Stimmen gegenüber. Die Bande wirkt organisiert, bis ihre Diskussionen zeigen, wie schwierig es ist, als Einheit zu handeln.
Die Vorstellung der Männer lässt einen Filmtypus erkennen, noch bevor wir die Menschen hinter den Figuren kennen. Der Kontrast wird unangenehm, als Orange verletzt auftaucht und Hilfe braucht: Der harte Gangster hat einen verletzlichen Körper. Der Wechsel verlangt, von der Bewunderung einer Pose dazu überzugehen, einer Bitte zuzuhören. Man kann darin eine Art sehen, das Gangsterbild mit einer Erfahrung zu konfrontieren, die sich durch dieses Bild allein nicht erklären lässt.
Der Einfluss der Nouvelle Vague auf Tarantinos Regie bietet einen Kontext für dieses Nebeneinander von Stilisierung und Nähe. In Reservoir Dogs besteht eine besonders sichtbare Entscheidung darin, den Überfall auszusparen und seine Folgen zu zeigen. Das Publikum erlebt eine Krise, bevor es ihre Hintergründe vollständig kennt. Der Film bewahrt die Spannung der Gangstergeschichte und verändert zugleich, welche Momente er ausführt, welche Informationen er zurückhält und welche Figuren eine Szene mit ihrer Stimme tragen können.
Die Wahl der Decknamen ist ein weiteres Beispiel dafür, wie der Film eine Genre-Konvention in eine komische Situation verwandelt. Die Farbnamen sollen die Organisation der Gruppe vereinfachen. Sie lösen jedoch Proteste und Vergleiche aus, weil jeder Mann sich auch darum sorgt, welches Bild sein Name vermittelt. Aus einer praktischen Regel wird eine Szene über Stolz. Dieser Kunstgriff lässt sich mit einem Blick auf den Gangsterfilm verbinden, der sich an ihm erfreut und zugleich seine Rituale komisch findet.
Die Anekdote, die Orange einstudiert, um glaubwürdig zu wirken, wirft eine andere Frage auf: Eine Figur muss erst lernen, wie man eine Geschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht die Konstruktion einer Darbietung innerhalb der Fiktion selbst. Diese kleine Geschichte ist für denjenigen, der sie erzählt, nützlich und hat Folgen für diejenigen, die sie glauben. Im Zusammenhang mit der Affinität zu Godard ist diese Verbindung von Künstlichkeit und emotionaler Wirkung präziser, als jedem auffälligen Schnitt einen französischen Ursprung zuzuschreiben. Der Bezug ist dann produktiv, wenn er beschreiben hilft, was eine Szene bewirkt, statt nur eine Referenz zu erkennen.
