Mr. Pinks Flucht zu Fuß ist in Reservoir Dogs als Rückblende zu sehen, die das Gespräch im Lagerhaus unterbricht. White will wissen, wie er entkommen ist, und der Film zeigt Pink, wie er durch die Straße rennt und von der Polizei verfolgt wird. Die Sequenz verleiht dem, was die Figur nach dem Überfall erzählt, eine körperliche Dimension.
Der Ortswechsel verändert auch die Art des Problems, das er lösen muss. Im Lagerhaus kann er stehen bleiben und eine Erklärung diskutieren. Während der Verfolgung muss er in Bewegung bleiben, einen Ausweg finden und auf Hindernisse reagieren. Seine Fähigkeit zu argumentieren weicht einer Dringlichkeit, die Steve Buscemis Körper sichtbar macht.
Der Lauf mündet schließlich in die Flucht mit einem Fahrzeug, doch seine Funktion in der Erzählung hängt von der Rückkehr zum Gespräch ab. Nachdem wir diesen Abschnitt gesehen haben, hören wir Pink mit anderen Informationen im Hinterkopf zu. Tarantinos Erinnerungen an die Dreharbeiten liefern einen anderen Kontext: die materiellen Bedingungen, unter denen diese Straßenaktion gefilmt werden musste.
Die Verfolgung setzt ein, als White Pink fragt, wie er dem Überfall entkommen konnte. Die veröffentlichte Schnittfassung von Reservoir Dogs — Quentin Tarantino, 1992 — verlässt vorübergehend das Lagerhaus und zeigt den Lauf. Der Übergang reagiert auf eine konkrete Frage. Der Film lässt den gesamten Ablauf des Raubüberfalls außerhalb des Bildes, zeigt aber einen Teil seiner unmittelbaren Folgen.
Von der mündlichen Erzählung zur Flucht in Bewegung
Auf der Straße muss Pink weiterlaufen, während er verfolgt wird. Die Umgebung ist kein Ort mehr, an dem die Männer stehen bleiben und diskutieren können, sondern eine Strecke, die er zurücklegen muss. Der Abstand zu den Polizisten, die Hindernisse und die Möglichkeit, ein Auto zu erreichen, lenken die Aufmerksamkeit. Jede Veränderung seiner Position hat unmittelbare Folgen für seine Flucht.
Der Lauf von Mr. Pink in Reservoir Dogs ermöglicht auch einen Vergleich zwischen zwei Arten, sich anderen gegenüber zu präsentieren. Im Lagerhaus betont er, wie professionell sich seine Komplizen verhalten. Während der Verfolgung sehen wir ihn eine Situation bewältigen, die er nicht vollständig unter Kontrolle hat. Seine späteren Ausführungen stehen so neben der Erinnerung an einen Körper unter Druck.
Steve Buscemi vermittelt diese Dringlichkeit durch seine Bewegungen und die Reaktionen, die ihm der Weg abverlangt. Die Szene muss uns einem Mann folgen lassen, der mit der Flucht beschäftigt ist und weniger Spielraum hat, um zu erklären, was er denkt. Die Bewegung verändert seine Wirkung: Die Figur, die einen Einwand in die Länge ziehen kann, muss nun Entscheidungen treffen, während sie weiterläuft.
Der Diebstahl eines Autos verändert die Form der Flucht. Ein Fahrzeug zu erreichen eröffnet eine Möglichkeit, die der Lauf zu Fuß nicht bot, doch um damit wegzukommen, ist eine weitere Handlung nötig. Die Sequenz reiht konkrete Erfordernisse aneinander, statt die Straße als austauschbare Kulisse zu zeigen. Die Flucht nimmt durch das Gestalt an, was Pink unterwegs gelingt.
Tarantinos Erinnerungen an die Drehbedingungen
In einem Interview in Cannes, das Positif im September 1992 veröffentlichte und das Blu-ray Downlow im Dezember 2022 wiedergab, erinnerte Tarantino an die Schwierigkeiten, den Verkehr bei den Dreharbeiten zu kontrollieren. Außerdem erzählte er, dass Buscemi mit größeren Produktionsbedingungen gerechnet hatte. Das ist ein Bericht über die Arbeit auf der Straße, keine Beschreibung dessen, was Pink während seiner Flucht weiß.
Die Zusammenarbeit von Steve Buscemi mit Tarantino lässt sich hier an einer ganz anderen Aufgabe erkennen als daran, eine Diskussion am Tisch zu tragen. Der Schauspieler muss die Dringlichkeit der Figur über wechselnde Situationen hinweg aufrechterhalten. Das sichtbare Ergebnis erlaubt es, die schauspielerische Leistung zu analysieren, ohne aus dem Tempo einer Einstellung abzuleiten, wie viele Takes es gab oder welches konkrete Equipment zum Einsatz kam.
Auch zwischen der Bewegung der Figur und der Bewegung der Kamera muss unterschieden werden. Pink kann durch ein Bild laufen und das Publikum dazu bringen, ihm mit den Augen zu folgen. Ein Schnitt kann die Aufmerksamkeit auf einen anderen Teil der Verfolgung lenken. Der Rhythmus der fertigen Szene hängt davon ab, wie diese Positionen aufeinander abgestimmt sind, und nicht nur davon, wie schnell der Darsteller läuft.
Was die Rückkehr ins Lagerhaus bewirkt
Die Rückkehr zum Gespräch hält die Verfolgung mit Pinks Aussage verknüpft. Die Szene zeigt Bilder seiner Flucht, macht die Figur aber nicht zu einer unfehlbaren Quelle für den gesamten Überfall. Das Gesehene entspricht einem konkreten Abschnitt seiner Erfahrung. Die Vorwürfe, die er anschließend erhebt, müssen weiterhin im Konflikt mit den anderen geprüft werden.
Diese Begrenzung erhält den Reiz der fragmentierten Erzählweise. Das Publikum erfährt etwas, das der Schnitt zeigt, verfügt aber weiterhin nicht über einen vollständigen Überblick über den Überfall. Der Film kann einen Ausweg ins Freie zeigen und zum Eingeschlossensein zurückkehren, ohne alle Fragen zu klären. Die Verfolgung erweitert unser Wissen, während zugleich die Notwendigkeit bestehen bleibt, auch anderen Versionen zuzuhören.
Die Beute in der Tasche stellt eine zusätzliche praktische Anforderung an die Flucht: Entkommen und das Gestohlene behalten gehören zu ein und derselben Strecke. Ein Gegenstand, der später als Ergebnis des Überfalls diskutiert werden kann, muss zunächst einen Mann begleiten, der versucht, einer gefährlichen Situation zu entkommen. Die Szene verbindet die Aussagen über den Überfall mit den Dingen, die während der Flucht transportiert werden müssen.
Das Fahrzeug erhält eine weitere Funktion. Sein unmittelbarer Nutzen besteht darin, Pink das Ende seines Laufs zu Fuß zu ermöglichen. Die Bedeutung des Autos hängt von diesem Moment der Flucht ab, ebenso wie die Straße durch die Möglichkeiten und Hindernisse bestimmt wird, die sie jemandem bietet, der sie zu durchqueren versucht. Die Dinge verändern ihren Wert je nachdem, was die Figur tun muss.
Diese Aufmerksamkeit für das Materielle hilft, die Sequenz zu verstehen, ohne sie auf Pinks späteres Schicksal auszuweiten. Die Frage, um die sich die Erinnerung dreht, lautet, wie er aus der Gegend des Überfalls entkommen konnte. Die Folgen anderer Entscheidungen gehören zu anderen Momenten des Films.
