Steve Buscemi bei Tarantino: Mr. Pink und der Buddy-Holly-Kellner

Zwischen Reservoir Dogs und Pulp Fiction wechselt Buscemi davon, die Logik der Gruppe infrage zu stellen, zu einem Tisch in einem Restaurant voller Imitatoren.

Eine Zusammenarbeit, die im Independent-Kino begann

Steve Buscemi spielt Mr. Pink in Reservoir Dogs und den als Buddy Holly auftretenden Kellner in Pulp Fiction. Der unterschiedliche Umfang der beiden Rollen bedeutet weder eine emotionale Rangordnung noch lässt sich daraus ableiten, wie Tarantino den Schauspieler einschätzte. Es handelt sich um verschiedene Aufgaben in Filmen, die unterschiedlich aufgebaut sind: eine konzentrierte Besetzung rund um einen Raubüberfall und eine Erzählung, die mehrere Milieus durchquert.

Buscemi arbeitete bereits vor Reservoir Dogs im Independent-Kino. Seine Zusammenarbeit mit Tarantino ist Teil einer umfassenderen Laufbahn und nicht der Beginn einer Karriere mit Mr. Pink. Das Gespräch, das die beiden 1993 für BOMB führten, vermittelt einen Eindruck vom Austausch zwischen Filmschaffenden, die sich für Schauspiel und die Bedingungen des Filmemachens interessieren.

Dieser Hintergrund hilft, die Wirkung seiner Präsenz zu verstehen. Buscemi versteht es, Widerspruch ausdrucksstark zu machen, zu zeigen, wie jemand beim Zuhören abwägt, und von Ironie zu Unruhe zu wechseln, ohne die Kontinuität der Figur aufzulösen. Diese Qualitäten sind bei Mr. Pink sichtbar, bedeuten aber nicht, dass der Schauspieler im wirklichen Leben dem Mann ähnelt, den er spielt.

Die erste Zusammenarbeit verlangt, lange Wortwechsel innerhalb einer Gruppe von Männern zu tragen, die darum konkurrieren, das Geschehene zu deuten. Der zweite Auftritt ist kurz und an den Service am Tisch gebunden. In beiden Fällen muss das Spiel sofort verständlich sein, auch wenn nur eine der Figuren genug Zeit bekommt, eine Haltung gegenüber den anderen zu entwickeln.

Mr. Pink: Reden als Überlebensstrategie

In Reservoir Dogs versucht Mr. Pink, sich als Profi zu präsentieren, der Gefühl und Arbeit voneinander trennen kann. Buscemi spielt diesen Anspruch nicht als unerschütterliche Gelassenheit. Das schnelle Sprechen, die wechselnde Tonlage und die Aufmerksamkeit für das Verhalten der anderen lassen erkennen, wie viel Mühe es kostet, diese Haltung aufrechtzuerhalten. Die Figur möchte möglichst vernünftig wirken und kann zugleich nervös und streitlustig erscheinen.

Die anfängliche Diskussion über Trinkgeld macht diese Haltung erkennbar, noch bevor der Raubüberfall gescheitert ist. Buscemi macht aus einer alltäglichen Meinung eine Möglichkeit, sich mit der Gruppe anzulegen. Das schauspielerische Interesse liegt darin, wie er sein Argument gegen Unterbrechungen und den Druck der Gruppe verteidigt – nicht darin, anzunehmen, der Film mache sich automatisch seine moralische Haltung zu eigen.

Als sich die Lage ändert, bekommt dieselbe sprachliche Fähigkeit ein anderes Gewicht. Die Figur muss Ereignisse rekonstruieren, misstrauisch sein und andere überzeugen. Buscemis Spiel schafft eine Kontinuität zwischen dem Mann, der im Restaurant diskutiert, und dem, der danach ums Überleben kämpft. Die Umstände verschärfen sich, doch sein Versuch, durch Worte die Kontrolle zu behalten, bleibt wiedererkennbar.

Die Analyse von Mr. Pink hilft, seine Entscheidungen innerhalb der Erzählung nachzuvollziehen. In Buscemis Spiel fällt auch sein Zuhören auf: Sein Blick kann eine Reaktion beobachten, noch bevor die verbale Antwort kommt. Diese Aufmerksamkeit macht jemanden glaubwürdig, der Fehler in den Darstellungen anderer aufspüren will und doch nicht alle Teile der Situation unter Kontrolle hat.

Seine Präsenz hilft dabei, das Ensemble zu strukturieren. Während andere Figuren körperliche Autorität, Schmerz oder persönliches Vertrauen verkörpern, bringt Mr. Pink ein Argument über Vorgehensweise und Zweckmäßigkeit ein. Buscemi verleiht dieser Haltung menschliche Züge – Gereiztheit und Angst –, statt sie zu einer abstrakten Stimme zu machen, die allen erklärt, wie sie sich verhalten sollten.

Buddy Holly: ein kurzer Auftritt mit eigener Identität

In Pulp Fiction ist Buscemi als Kellner bei Jack Rabbit Slim’s zu sehen, der im Stil von Buddy Holly auftritt. Die Figur gehört zur menschlichen Kulisse des Restaurants, in dem die Angestellten bekannte Persönlichkeiten aus der Popkultur verkörpern. Er spielt nicht den historischen Musiker in einer biografischen Nachstellung, sondern jemanden, der bei der Arbeit dieses Image verwendet.

Diese Unterscheidung macht den Cameo-Auftritt interessant. Das Publikum kann den Schauspieler, den imitierten Sänger und zugleich einen Angestellten erkennen, der Mia und Vincent bedient. Diese drei Ebenen passen zusammen. Die Szene muss nicht innehalten, um eine davon zu erklären, denn Kostüm, Brille und Situation machen das Spiel sofort verständlich.

Buscemi passt seine Energie der Servicefunktion an. Der Kellner muss nicht mit den Gästen um den Mittelpunkt der Erzählung konkurrieren, wird aber auch nicht unsichtbar. Die Art, wie er Bestellungen entgegennimmt und darauf reagiert, trägt dazu bei, dass das Lokal wie ein Ort wirkt, der von Regeln und Routinen geprägt ist – und nicht nur wie ein Katalog von Anspielungen.

Wer sich an die Diskussion über Trinkgeld erinnert, mag eine ironische Verbindung zu Mr. Pink sehen. Das beweist jedoch weder, dass beide dieselbe Person sind, noch dass es eine geheime Fortsetzung gibt. Die sichere Verbindung ist der Schauspieler. Tarantino besetzt ein bekanntes Gesicht erneut in einer anderen Funktion und überlässt es dem Publikum, seine Erinnerungen einzubringen, ohne dass diese zum Verständnis der Szene nötig wären.

Die beiden Auftritte zeigen, dass eine fortgesetzte Zusammenarbeit nicht davon abhängt, die Hauptrolle zu behalten. Buscemi kann einen entscheidenden Teil eines Ensembles tragen oder wenigen Minuten Präzision verleihen. In beiden Fällen besteht seine Arbeit darin, der Figur eine konkrete Art zu geben, mit anderen umzugehen – selbst wenn das Publikum bereits mit der Erinnerung an einen früheren Film in die Szene kommt.

Zurück zu wiederkehrenden Schauspielern in Tarantino-Filmen.