Leonardo DiCaprio nimmt in seinen beiden Tarantino-Spielfilmen sehr unterschiedliche Positionen ein. Calvin Candie muss von allen als mächtig anerkannt werden; Rick Dalton fürchtet, dass die anderen sein Talent nicht mehr erkennen. Dadurch verändert sich die Bedeutung jeder Selbstdarstellung.
Zwei Rollen, die das Bild eines Stars neu ordnen
In Django Unchained spielt DiCaprio Calvin Candie, den Besitzer von Candyland. Der Film besetzt einen äußerst bekannten Star mit einer Rolle, die verlangt, Grausamkeit und Eitelkeit aufrechtzuerhalten. Die Ausstrahlung des Schauspielers ist keine moralische Garantie. Sie kann das Unbehagen sogar noch verstärken, wenn sie zeigt, wie der Anschein von Geselligkeit mit einem gewaltsamen System einhergeht.
In Once Upon a Time ... in Hollywood verkörpert der Schauspieler Rick Dalton, eine fiktive Fernsehpersönlichkeit, die fürchtet, ihren Platz im Beruf zu verlieren. DiCaprios Bekanntheit entfaltet hier eine andere Wirkung: Ein etablierter Star spielt jemanden, der an seinem eigenen Wert zweifelt. Das Publikum muss Ricks Verletzlichkeit erkennen können und zugleich glauben, dass er einst eine Serie tragen konnte.
Der Abstand zwischen diesen beiden Rollen macht eine Zusammenarbeit sichtbar, die über die Vorliebe für intensive Darstellungen hinausgeht. Candie und Rick können die Stimme erheben, Aufmerksamkeit fordern oder sich gekränkt fühlen, doch solche Gesten gehen auf unterschiedliche Positionen zurück. Der eine verfügt über materielle Macht über andere; der andere versucht, ein berufliches Selbstvertrauen wieder aufzubauen, das er bedroht sieht.
Auch im erzählerischen Zentrum stehen sie nicht gleichermaßen. Candie ist ein entscheidendes Hindernis auf dem Weg von Django und Schultz. Rick ist eine der Hauptfiguren einer Geschichte, die seinen Tag, seine Routinen und seine Stimmungsschwankungen begleitet. Im einen Fall muss DiCaprio den Eindruck bündeln, im anderen darf er sich durch alltägliche Situationen nach und nach aufbauen.
Calvin Candie: die gesellschaftliche Inszenierung des Besitzers
DiCaprios Darstellung von Calvin Candieberuht auf einem Widerspruch zwischen zur Schau gestellter Kultiviertheit und Brutalität. Die Figur möchte als kultiviert wahrgenommen werden, doch ihre Stellung hängt davon ab, andere Menschen wie Eigentum zu behandeln. Die Darstellung muss diesen Widerspruch nicht auflösen, denn er gehört zu Candies Selbstverständnis.
Gastfreundschaft kann zu einem Mittel der Machtausübung werden. Einladen, sich unterhalten oder eine Regel vorgeben – all das erlaubt der Figur, die Bedingungen einer Begegnung festzulegen. DiCaprio setzt Tonwechsel ein, damit scheinbare Freundlichkeit in Druck umschlagen kann. Die Bedrohung beginnt nicht erst, wenn eine Waffe auftaucht: Sie steckt bereits in der Fähigkeit zu bestimmen, was die anderen hinnehmen müssen.
Die Beziehung zu Stephen setzt dieser Autorität eine Grenze. Candie kann zwar sichtbar im Mittelpunkt stehen und dennoch darauf angewiesen sein, dass eine andere Figur Informationen für ihn deutet, die er selbst nicht verstanden hat. DiCaprio muss diese Abhängigkeit erkennbar machen, ohne seine Macht unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Der Besitzer verliert seine gesellschaftliche Stellung nicht dadurch, dass das Publikum seine Eitelkeit oder seine Fehler bemerkt.
Das Ergebnis verlangt, Intensität von mangelnder darstellerischer Kontrolle zu unterscheiden. Candie kann die Beherrschung verlieren, doch der Schauspieler muss genau gestalten, wann und vor wem das geschieht. Der Wechsel wirkt gerade deshalb stark, weil ihm zuvor eine ruhige Gesprächsatmosphäre vorausgeht. Würde Candie stets mit derselben Lautstärke auftreten, könnte keine Veränderung etwas Neues über sein Bedürfnis verraten, sich durchzusetzen.
Rick Dalton: jemanden spielen, der versucht, gut zu spielen
Bei Rick Daltonmuss DiCaprio mehrere Ebenen des Schauspiels gestalten. Da ist Rick im Alltag, Rick bei der Vorbereitung auf eine Rolle und Rick innerhalb einer Fernsehfiktion. Durch die Unterschiede zwischen diesen Ebenen kann das Publikum einschätzen, wann sich die Figur sicher fühlt und wann sie sich bemüht, die Kontrolle zurückzugewinnen. Nicht jede Unsicherheit muss vor der Kamera der Serie auf dieselbe Weise zum Ausdruck kommen.
Der Drehtag bei Lancer macht dieses Problem greifbar. Einen Satz zu vergessen, ist für Rick kein bloßes Missgeschick: Es droht, sein Bild vom eigenen Scheitern zu bestätigen. DiCaprio verbindet Frustration und Scham mit dem Willen, sich zu korrigieren. Die Szene wirkt wie eine nachvollziehbare berufliche Erfahrung, obwohl sie in einer Branche spielt, die Leistung besonders sichtbar zur öffentlichen Schau stellt.
In einem gefilmten Gespräch mit Tarantino für Vanity Fair sprach DiCaprio über die Entwicklung von Rick und die Vorgeschichte, die der Figur zugrunde lag. Diese Vorbereitung hilft, seine Reaktionen in einem vorgestellten Leben zu verorten. Das Publikum muss nicht all diese Hintergründe kennen, um zu spüren, dass Ricks Unsicherheit eine Geschichte hat und nicht nur dann auftaucht, wenn das Drehbuch einen bewegenden Moment braucht.
Die Beziehung zu Cliff ermöglicht eine weitere Nuancierung. Rick kann sich jemandem gegenüber, der seine Routinen kennt, abhängig, liebevoll, herrisch oder dankbar zeigen. DiCaprio gibt sich bei ihm anders als gegenüber einem Produzenten oder einer Schauspielkollegin. Der Wechsel des Gegenübers zeigt, dass ein professioneller Schauspieler auch außerhalb des Filmsets gesellschaftliche Rollen spielt.
Das Lob, das Rick während der Arbeit erhält, wirkt so stark, weil es auf einen konkreten Kampf mit den eigenen Fähigkeiten folgt. Der Film macht ihn nicht plötzlich zu einem Menschen, der keine Angst mehr kennt. Er gibt ihm die vorübergehende Bestätigung, dass er sein Handwerk noch immer gut beherrschen kann. DiCaprio trägt diese Emotion, ohne dass die Figur begreifen muss, was die Zukunft für sie bereithält.
Bei Candie geht es darum, zu beobachten, wie ungerechte Macht zur Schau gestellt wird; bei Rick darum, wie berufliches Selbstwertgefühl wieder aufgebaut wird. Die Zusammenarbeit mit Tarantino nutzt DiCaprios Bekanntheit, um beide Fragen aufzuwerfen. Die Darstellungen unterscheiden sich nicht nur durch Kostüme oder den historischen Kontext, sondern auch dadurch, was jeder der beiden Männer aus den Blicken der anderen gewinnen muss.
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