
Schauspieler, die in Tarantinos Filmen wiederkehren, finden sich oft in Figuren wieder, die innerhalb der Geschichte unterschiedliche Positionen einnehmen. Ein Darsteller kann in einem Film Autorität ausüben und im nächsten von den Entscheidungen anderer abhängig sein. Beim Vergleich dieser Rollen werden Veränderungen sichtbar, die eine Liste von Auftritten nicht zeigt: Wer braucht Hilfe, wer gibt die Bedingungen vor und was geschieht, wenn jemand die Kontrolle verliert.
Die Kontinuität der Besetzung zieht sich durch Filme aus verschiedenen Genres und Epochen. Dasselbe Gesicht kann in einer zeitgenössischen Kriminalgeschichte vertraut wirken und später in einem Western auftauchen. Diese Vertrautheit beeinflusst den ersten Eindruck, doch jede Figur muss ihre eigenen Beziehungen etablieren. Den Schauspieler wiederzuerkennen, ermöglicht den Vergleich seiner Rollen; die Verbindungen zwischen den fiktionalen Figuren erschließen sich erst aus den Geschichten.
Auch das Gewicht eines Auftritts variiert. Eine Rolle kann den gesamten Film tragen, Teil eines Hauptdarstellerduos sein oder nur in einer kurzen Episode vorkommen. Die Dauer allein sagt wenig aus: Eine Nebenfigur kann ein Problem lösen, mit dem sich die Hauptfiguren beschäftigen, oder eine Schwierigkeit einführen, die den weiteren Verlauf der Geschichte verändert.
In den Angaben von Cannes zu Pulp Fiction werden Darsteller aufgeführt, die erneut mit Tarantino zusammenarbeiteten, darunter Samuel L. Jackson und Uma Thurman. An ihren späteren Kooperationen lässt sich mehr vergleichen als nur, welche Namen wiederkehren: Die Figuren verändern sich ebenso wie die Menschen, zu denen sie in Beziehung stehen, und ihre Position im Konflikt.
Rollen, in denen sich das Verhältnis zur Macht verändert
Christoph Waltz spielt Hans Landa in Inglourious Basterds und King Schultz in Django Unchained, wie aus den Angaben von Cannes und Sony hervorgeht. Landa nutzt Gespräche, um die von ihm Befragten zu verhören und zu unterwerfen. Schultz setzt sein Verhandlungsgeschick ein, um ein Bündnis mit Django einzugehen. Die Höflichkeit hat unterschiedliche Auswirkungen: Im einen Fall verlängert sie eine Bedrohung, im anderen ermöglicht sie, den Zugang zu einem Ort auszuhandeln oder ein Geschäft vorzuschlagen.
Leonardo DiCaprio wechselt vom Plantagenbesitzer Calvin Candie in Django Unchained zum Schauspieler Rick Dalton in Once Upon a Time … in Hollywood. Sony führt beide Rollen auf. Candie erwartet, dass Besucher sich seinen Bedingungen anpassen; Rick muss andere davon überzeugen, dass er noch immer eine Rolle spielen kann. Der Unterschied zeigt sich in ihrem Verhältnis zu Anerkennung: Der eine hat Menschen zur Verfügung, die ihm zu gefallen haben, während der andere auf Besetzungsentscheidungen angewiesen ist, die er nicht kontrolliert.
Das BFI führt Samuel L. Jackson als Ordell Robbie in Jackie Brown auf. Sony nennt ihn als Stephen in Django Unchained. Ordell versucht, ein kriminelles Geschäft zu schützen; Stephen überwacht, was im Haus von Candie vor sich geht. Wie sie Einfluss ausüben, hängt von ihrer unterschiedlichen Stellung ab. Der eine erteilt als Verantwortlicher eines Unternehmens Anweisungen; der andere kennt die Abläufe in einem Haus und nutzt dieses Wissen, um dort einzugreifen.
Keitel und Madsen in unterschiedlichen Rollen
Harvey Keitel spielt Mr. White in Reservoir Dogs, wie der Katalog des AFI festhält, und Mr. Wolf in Pulp Fiction. White setzt sich für den Schutz eines verletzten Komplizen ein und lässt sich in seinem Urteilsvermögen von dieser Beziehung beeinflussen. Mr. Wolf kommt, um die Lösung eines praktischen Problems zu organisieren. Beide sprechen aus einer Position der Erfahrung heraus, doch Whites emotionale Beteiligung beeinträchtigt eine Autorität, die Mr. Wolf mit größerer Distanz ausüben kann.
Michael Madsen verkörpert Mr. Blonde in Reservoir Dogs und Budd in Kill Bill Vol. 2; das AFI und Cannes führen diese Rollen auf. Blonde macht seine Gelassenheit für andere zur Bedrohung. Budd ist mit einer gewalttätigen Vergangenheit verbunden, die seine gegenwärtige Lage belastet. Mit dem vertrauten Darsteller lassen sich zwei Arten vergleichen, Gefahr zu vermitteln, ohne aus ähnlichen Gesten auf eine gemeinsame Identität der Figuren zu schließen.
Vom Mittelpunkt der Geschichte zur Ensemblearbeit
Uma Thurman nimmt als Mia Wallace in Pulp Fiction und als die Braut in Kill Bill sehr unterschiedliche Rollen ein. Mia prägt durch ihre Beziehung zu Vincent einen großen Teil einer Episode. Die Suche der Braut trägt beide Filme und bestimmt die Begegnungen mit ihren Gegnern. Der größere Umfang verlangt, über sehr unterschiedliche Situationen hinweg emotionale Kontinuität zu bewahren. Die Vorbereitung der Besetzung und die Schauspielerführung umfassen die Arbeitsentscheidungen, mit denen die einzelnen Rollen gestaltet werden.
Cannes führt Brad Pitt als Aldo Raine in Inglourious Basterds auf; Sony nennt ihn als Cliff Booth in Once Upon a Time … in Hollywood. Aldo führt eine Gruppe von Soldaten an und muss dafür sorgen, dass sie seinen Befehlen folgt. Cliff arbeitet als Stuntdouble von Rick Dalton und teilt einen großen Teil seines Alltags mit ihm. Die Position innerhalb des Duos oder der Gruppe verändert, was die Figur bewältigen muss, auch wenn beide Rollen auf die körperliche Präsenz des Darstellers setzen.
Tim Roth kehrt in The Hateful Eight als Oswaldo Mobray zurück, wie das BFI angibt, nachdem er in Reservoir Dogs Mr. Orange gespielt hatte. Orange ist einen großen Teil der Geschichte durch eine Verletzung bewegungsunfähig; Mobray beteiligt sich an den Gesprächen der Gruppe, die sich in Minnies Hütte versammelt hat. Die Möglichkeiten, in die Szene einzugreifen, unterscheiden sich. An wiederkehrenden Darstellern lassen sich solche Unterschiede in den Filmen von Quentin Tarantino verfolgen, ohne jede Rückkehr auf eine Wiederholung der vorherigen Arbeit zu reduzieren.
Wer Kooperationen zählt, muss festlegen, was gezählt wird. Ein Auftritt vor der Kamera, ein Stimmeinsatz und eine Tätigkeit als Stuntdouble sind unterschiedliche Formen der Mitwirkung. Die Credits geben Aufschluss über die jeweilige Funktion, während die Dauer einer Szene dabei hilft, den Umfang der Rolle zu beschreiben. All diese Tätigkeiten in einer einzigen Zahl zusammenzufassen, kann wichtige Unterschiede verdecken.
Kill Billwirft eine weitere Frage auf: Die Geschichte kam in zwei Teilen ins Kino. Eine Filmliste kann jeden Teil einzeln aufführen, während eine Beschreibung der Zusammenarbeit das Projekt als Ganzes behandelt. Der Vergleich ist klarer, wenn für alle Beteiligten dieselben Kriterien gelten und angegeben wird, in welchem Teil die jeweilige Rolle vorkommt.
Auch die Auswahl der Werke beeinflusst das Ergebnis. An einem von Tarantino geschriebenen, aber von einem anderen Filmemacher inszenierten Film mitzuwirken, ist eine andere Art der beruflichen Zusammenarbeit. Werden Filme, bei denen er Regie führte, Drehbücher für andere Regisseure und Produktionen voneinander abgegrenzt, lässt sich jeder Credit zuordnen, ohne Tarantino die Regie bei allen mit seinem Namen verbundenen Werken zuzuschreiben.
