Tim Roth: gespielte Identitäten von Reservoir Dogs bis The Hateful Eight

Tim Roth kann einem in einer Szene vertraut vorkommen und zugleich schwer zu durchschauen sein. Tarantino hat diese Fähigkeit für Figuren genutzt, die improvisierte Lösungen finden, eine Identität verkörpern oder feststellen, dass ihre zur Schau gestellte Sicherheit nicht zum Überleben reicht.

Vier Begegnungen mit unterschiedlichen Aufgaben

Tim Roths Zusammenarbeit mit Tarantino beginnt mit Reservoir Dogs, in dem er Mr. Orange spielt. Weiter geht es mit Pumpkin in Pulp Fiction und mit Ted, dem Hotelpagen, der in Four Rooms auftritt. In diesem Episodenfilm führt Tarantino bei The Man from Hollywood Regie, dem letzten Segment. Nach diesem frühen Zyklus kehrt Roth als Oswaldo Mobray in The Hateful Eight zurück.

Die Einordnung von Four Rooms ist wichtig: Roth spielt in einem Film mit, an dem vier Regisseure beteiligt sind, während die gemeinsame Arbeit mit Tarantino auf eine bestimmte Episode beschränkt ist. Seine Figur muss über unterschiedliche Stile hinweg glaubwürdig bleiben. Im letzten Segment wird diese Kontinuität durch eine Gruppe von Gästen auf die Probe gestellt, die ihn in eine extravagante Wette hineinzieht.

In einem Interview mit William Bibbiani aus dem Jahr 2015 erklärte Roth, dass ihn das Drehbuch von Reservoir Dogs zu dem Projekt bewogen habe. Außerdem hob er die Möglichkeit hervor, längere Monologe zu spielen, wie sie bei anderen Aufträgen eher selten seien. Die berufliche Verbundenheit zeigt sich in dieser Aufmerksamkeit für Sprache, auch wenn sich seine Rollen nicht allein als Vehikel für brillante Sätze beschreiben lassen.

Der Körper verändert sich ebenso wie die Stimme. Mr. Orange ist einen großen Teil des Films verletzt; Pumpkin verbindet Gespräche mit Unruhe; Ted macht Bewegung zu einem komischen Mittel; Mobray zeigt eine kalkulierte Gelassenheit. Die Vielfalt beweist, dass ein Regisseur mit den Fähigkeiten eines Schauspielers im Sinn schreiben kann, ohne von ihm zu verlangen, stets dieselbe Präsenz zu wiederholen.

Eine Rolle innerhalb einer Rolle spielen

In Reservoir Dogs, hat Roths Spiel mehrere Identitätsebenen. Mr. Orange muss gegenüber den Kriminellen, mit denen er zu tun hat, glaubwürdig wirken. Der Schauspieler spielt einen Mann, der schauspielern lernt, eine Geschichte einübt und sie anschließend so erscheinen lassen muss, als hätte er sie selbst erlebt. Die Schwierigkeit besteht darin, die Vorbereitung sichtbar zu machen, ohne dass jede spätere Geste den Betrug offen verrät.

Der körperliche Zustand der Figur stellt eine weitere Herausforderung dar. Der Schmerz schränkt ihre Fähigkeit ein, das eigene Bild zu kontrollieren, während die Nähe zu Mr. White die Lüge komplizierter macht. Roth muss unmittelbare Not, Schuld und Wachsamkeit miteinander verbinden. Die Beziehung lässt sich nicht allein als geistiges Kräftemessen verstehen, denn ein verletzter Körper zwingt dazu, um Hilfe zu bitten, bevor sich alle Beweggründe ordnen lassen.

Die Figur Mr. Orange zeigt, wie das Spiel ungleich verteilte Informationen vermitteln kann. Andere Figuren sehen das eine, während das Publikum je nach Zeitpunkt der Handlung etwas anderes weiß oder vermutet. Ein Schweigen erhält eine neue Bedeutung, sobald mehr bekannt ist. Roth hält diese doppelte Lesart aufrecht, ohne sein Verhalten jedes Mal grundlegend zu verändern, wenn sich unser Wissen ändert.

Oswaldo Mobray greift das Interesse an einer gespielten Identität wieder auf, allerdings mit einem anderen Auftreten. Die geschliffene Aussprache und die ausgefeilten Manieren dienen als Visitenkarte. Die Figur scheint die Welt mithilfe von Kategorien und Erklärungen zu ordnen. Roth macht diese Leichtigkeit innerhalb der Fiktion als Darstellung erkennbar, auch wenn sich das Ausmaß des Kunstgriffs erst im weiteren Verlauf der Geschichte beurteilen lässt.

Komik braucht Präzision, nicht bloß Übertreibung

Pumpkin bringt eine weniger zeremonielle Energie ins Spiel. In Pulp Fiction muss Roth den Übergang von einem Paargespräch zu einer kriminellen Entscheidung glaubhaft machen. Intimität und Verbrechen teilen sich einen Tisch, bevor sich die Lage verändert. Das Spiel funktioniert, weil der Vorschlag für denjenigen, der ihn macht, eine alltägliche Logik hat, auch wenn das Ergebnis von außen leichtsinnig wirken kann.

Als Pumpkin die Kontrolle über die Begegnung verliert, verändert sich das Spiel. Die anfängliche Sicherheit weicht der Einschätzung einer echten Gefahr. Roth lässt die Figur nicht zu einer bloßen komischen Idee verkommen: Ihre Reaktionen müssen spürbar machen, dass sie lebend herauskommen will. Die Komik entsteht aus einem Selbstvertrauen, das ins Wanken gerät, nicht daraus, dass der Schauspieler die Situation nicht mehr ernst nimmt.

In Four Rooms erlaubt Ted eine körperlich ausladendere Spielweise. Haltung, Gang und Schnelligkeit der Antworten gehören zu einer Komödie, in der die Betreuung der Gäste zu einer Folge von Problemen wird. Tarantinos Segment nutzt diese professionelle Bereitschaft, um eine konkrete Entscheidung aufzuwerfen. Der Hotelpage muss nicht die gesamte Philosophie seiner Gäste verstehen, um abzuwägen, was sie ihm anbieten.

Roths Rückkehr in The Hateful Eight verbindet sprachliche Präzision und Freude am Spiel innerhalb eines großen Ensembles. Seine Figur muss sich abheben, ohne das Zusammenspiel im Bild zu stören. Ihre Gelassenheit kann Aufmerksamkeit auf sich ziehen, muss aber zugleich anderen Figuren Raum für den Austausch lassen. Der Schauspieler dosiert die Übertreibung, statt durchgehend dieselbe Intensität beizubehalten.

Zwischen Mr. Orange und Mobray besteht eine klare thematische Verbindung durch ihre vorgetäuschten Identitäten, aber weder eine moralische Gleichwertigkeit noch eine automatische Verbindung zwischen den Figuren. Pumpkin und Ted sind beide unruhig, reagieren jedoch auf unterschiedliche Umstände. Die Zusammenarbeit ist wertvoll, weil sie diese Unterschiede auslotet: Roth bietet ein Repertoire an Stimmen und Bewegungen, mit denen Tarantino neue Probleme in den Blick nimmt. So bleibt etwas Vertrautes erhalten, ohne dass es zur Pflicht wird, sich zu wiederholen.

Zurück zu den wiederkehrenden Tarantino-Schauspielern.