Wie Tarantino mit seinen Schauspielern arbeitet: Casting und Proben

Wie Tarantino mit seinen Schauspielern arbeitet: Casting und Proben

Tarantinos Arbeit mit Schauspielern verbindet die Besetzung mit den konkreten Anforderungen der jeweiligen Figur. Eine Stimme kann Autorität vermitteln, noch bevor eine Bedrohung erkennbar wird; eine Pause kann zeigen, dass jemand abwägt, wie viel er erzählen soll. Damit solche Wirkungen verständlich werden, muss das Spiel auf die Worte, den Körper und die Reaktionen der Mitspielenden achten. Die Persönlichkeit eines Stars weckt Erwartungen, die eine neue Rolle bestätigen oder verändern kann.

Castings und Proben helfen dabei, auszuloten, was geschieht, wenn der Text auf eine Stimme und einen Körper trifft. Bei einer gemeinsamen Leseprobe kann sich zeigen, dass die Reaktion eines Mitspielers die Absicht hinter einem Satz verändert. Eine Bewegung kann ein anderes Tempo oder einen anderen Abstand erfordern. So gewinnt die Figur Möglichkeiten, die im Zusammenspiel mit den Menschen und Gegenständen der Szene erprobt werden müssen.

Das Ergebnis beruht auf Zusammenarbeit: Wer zuhört, sich bewegt oder abseits des Geschehens wartet, bleibt trotzdem Teil der Szene. Die Vorbereitung sorgt dafür, dass sich diese Handlungen mit einem geschriebenen Dialog und den Bedingungen des Drehs vereinbaren lassen.

Die Arbeit mit einer Besetzung beginnt mit der Entscheidung, wer einer Figur Gestalt geben kann, und setzt sich bei Castings, Proben und Dreharbeiten fort. Die Berichte der Darsteller geben Einblick in die Entscheidungen, die dabei getroffen werden. Eine gemeinsame Leseprobe, eine Bewegungskorrektur oder eine Casting-Entscheidung betreffen unterschiedliche Herausforderungen des Schauspiels.

Eine passende Präsenz für die Figur auswählen

In einem Gespräch vom Januar 1998, das vom BFI dokumentiert wurde, erklärte Tarantino, dass er eine Jackie Mitte vierzig wollte und beim Schreiben an Pam Grier dachte. Die Besetzung von Grier als Jackie Brown verband die Präsenz der Schauspielerin mit einer Protagonistin, für deren Konflikt auch ihr Alter eine Rolle spielte.

Bei der Pressekonferenz zu Death Proof in Cannes im Jahr 2007 brachte Tarantino das Schreiben der Figur Zoë mit Zoë Bell selbst in Verbindung. Eine Rolle mit einer bestimmten Darstellerin im Hinterkopf schreiben kann es ermöglichen, erkennbare Fähigkeiten und Ausdrucksweisen einzubeziehen. Die Figur bleibt eine dramatische Konstruktion: Ihre Ziele, Beziehungen und Handlungen gehören zur Fiktion, auch wenn sie Eigenschaften der Darstellerin aufgreift.

Auch die Vertrautheit mit Tarantinos wiederkehrenden Schauspielern kann beeinflussen, wie eine Rolle wahrgenommen wird. Eine vertraute Stimme oder ein bekanntes Gesicht weckt Erwartungen beim Publikum. Das Casting kann diese Erinnerung nutzen und dann eine andere Reaktion verlangen: Verletzlichkeit, wo man Überlegenheit erwartet hat, Zurückhaltung, wo man einen Wortschwall erwartet hat. Die neue Interpretation muss sich in der konkreten Situation bewähren.

Casting und Probe als gemeinschaftliche Arbeit

Jennifer Jason Leigh erzählte der W Magazine im Dezember 2015, sie habe das Drehbuch zu The Hateful Eight ohne das letzte Kapitel gelesen und dieses Material beim Casting erhalten. Ihrem Bericht zufolge setzte Tarantino sich neben sie und las mit ihr. Das Beispiel zeigt ein Casting, bei dem die Interpretation des Textes im Mittelpunkt stand und das die Reaktion eines Gesprächspartners einbezog: Die Schauspielerin konnte auf eine andere Stimme reagieren, während sie die Szene entwickelte.

In einem Interview mit dem Observer im Februar 2016 erklärte Leigh, sie und Kurt Russell hätten zwei oder drei Wochen lang geprobt, um zu lernen, sich gemeinsam an einer Kette zu bewegen. Diese Probenzeit für The Hateful Eight diente einem konkreten Zweck. Der Abstand zwischen den beiden beeinflusste ihre Bewegungen, die Möglichkeit, sich umzudrehen, und das Timing einer Reaktion. Eine einzelne Handlung konnte eine unmittelbare Anpassung durch den Mitspieler erfordern.

Die Kette macht eine Abhängigkeit sichtbar, die in anderen Szenen weniger greifbar ist. Aufzustehen, sich einem Tisch zu nähern oder nach einem Gegenstand zu greifen, kann die Position einer anderen Person verändern. Bei den Proben lassen sich diese Folgen erkennen und Handlungen aufeinander abstimmen, die später wie Reaktionen der Figuren wirken sollen. Die gewonnene Präzision lässt Raum, während der Bewegung auf den Mitspieler zu achten.

Das Verhältnis zwischen Auswendiglernen und Improvisation setzt voraus, dass man die geschriebenen Worte von ihrer Umsetzung unterscheidet. Einen Satz beizubehalten, legt sein Tempo, seine Lautstärke oder seine Absicht nicht vollständig fest. Je nach Situation kann eine Pause Überlegung, Überraschung oder Widerstand ausdrücken. Die sprachliche Vorbereitung ermöglicht es, diese Unterschiede auszuarbeiten, ohne dass die Anstrengung des Erinnerns im Schauspiel sichtbar im Mittelpunkt steht.

Schauspielen heißt auch zuhören und reagieren

In einer Ensembleszene verteilt sich die Aufmerksamkeit auf diejenigen, die sprechen, und diejenigen, die ihnen zuhören. In der Stille kann eine Entscheidung, ein Verdacht oder ein Loyalitätswechsel liegen. Tarantinos Arbeit mit Schauspielern muss diese Beziehungen verständlich machen, damit ein Gespräch dramatisch lebendig bleibt. Die Reaktion eines Mitspielers kann den Sinn eines Satzes verändern, der für sich genommen sicher oder überzeugend klang.

Figuren, die vorgeben, jemand anderes zu sein stellen eine zusätzliche Herausforderung dar: Der Darsteller entwickelt ein Verhalten, mit dem er jemanden innerhalb der Fiktion täuschen soll. Das Publikum kann dieses Vorhaben kennen und auf Hinweise achten, die den anderen Figuren entgehen. Ein Zögern oder übertriebene Selbstsicherheit bekommt dann je nach Beobachter eine doppelte Bedeutung. Das Schauspiel dosiert, wie viel von der Anstrengung sichtbar wird, die angenommene Identität aufrechtzuerhalten.

Auch die körperliche Arbeit trägt zu dieser Gestaltung bei. Leigh beschrieb gegenüber dem W Magazine die Abstimmung mit Russell als Choreografie. Aufschlussreich an ihrem Bericht ist das Verhältnis zwischen Vorbereitung und Reaktion: Die Handlung des einen beeinflusste die des anderen. Die Spannung, die das Publikum wahrnimmt, entsteht dadurch, wie dieser Austausch gestaltet ist. Die Intensität der Figur und die konkreten Bedingungen der Ausführung müssen getrennt voneinander beschrieben werden.

Die Interpretation, die auf der Leinwand zu sehen ist, hängt auch davon ab, wie das gedrehte Material ausgewählt und präsentiert wird. In einer langen Einstellung lässt sich die Entwicklung einer Reaktion beobachten; ein Schnitt kann den Eindruck erwecken, ein Blick antworte unmittelbar auf einen Satz. Das Schauspiel bietet Ausdrucksmöglichkeiten, die der Schnitt innerhalb der Szene ordnet.

Wenn ein Gespräch zwischen Gesichtern wechselt, trägt die Kontinuität zwischen den Einstellungen dazu bei, eine ununterbrochene Begegnung wahrzunehmen. Die Position der Hände, die Blickrichtung und der Zeitpunkt einer Reaktion halten die Beziehungen zwischen den Beteiligten erkennbar. Durch diese Kontinuität lassen sich unterschiedliche Takes zusammenfügen: Die endgültige Reihenfolge präsentiert im Schnitt ausgewähltes Material als einen einzigen Austausch.

Eine Antwort kann einsetzen, während wir noch die Person sehen, die gerade gesprochen hat. Diese Überlagerung kann dazu führen, dass eine Stimme die Bedeutung des weiterhin sichtbaren Gesichts verändert. So bewahrt die Szene gleichzeitige Handlungen, auch wenn der Bildausschnitt nur eine Person zeigt. Die Wirkung hängt vom Zusammenspiel des Schauspiels, des Tons und der Wahl der Einstellung ab.