Tarantinos Besetzung: Ein Star wird neu entdeckt

Die Formel von der Rettung vergessener Stars beschreibt einen Teil der öffentlichen Wirkung mancher Besetzungen, vereinfacht aber Karrieren, die bereits ihre eigene Geschichte, Arbeit und ihr eigenes Publikum hatten.

Was das Wort Rettung verschleiert

Tarantinos Philosophie bei der Besetzung seiner Filme wird oft mit einem einprägsamen Bild zusammengefasst: Der Regisseur entdeckt einen vergessenen Star und gibt ihm seinen Platz zurück. Diese Erzählung kann eine wiedergewonnene Sichtbarkeit beschreiben, lässt aber auch vieles unter den Tisch fallen. John Travolta, Pam Grier, Robert Forster, David Carradine und Kurt Russell befanden sich beruflich nicht in derselben Situation. Und sie hatten ihre Fähigkeiten auch nicht verloren, während sie auf einen Anruf warteten. Jeder brachte Erfahrung, ein öffentliches Image und eine eigene Beziehung zum Publikum mit.

Treffender ist es, von einer neuen Gelegenheit zu sprechen, jemanden wieder anzusehen. Eine Rolle kann verändern, woran man sich bei einem Schauspieler erinnert, auch wenn sie keine Rückkehr nach einer tatsächlichen Auszeit ist. Sie kann ihm eine zentrale Position geben, ihm ermöglichen, in einem anderen Fach zu arbeiten, oder ihn einem Publikum vorstellen, das nur wenig von seiner Filmografie kennt. Diese Wirkungen sind nicht gleich und lassen sich nicht allein an Preisen oder Einspielergebnissen messen. Die künstlerische Frage ist, was der Film mit den Erinnerungen macht, die den Darsteller begleiten.

Die Unterscheidung zwischen Filmstar und Schauspieler in Tarantinos Überlegungenhilft, das Problem einzuordnen. Ein Star bringt Assoziationen mit, die über die jeweilige Figur hinausgehen: Bewegungen, frühere Rollen, Erwartungen an sein Charisma. Eine Darstellung kann diese Assoziationen nutzen, ihnen widersprechen oder sie in den Hintergrund rücken. Mit der Wahl eines vertrauten Gesichts ist das Casting nicht abgeschlossen. Interessant wird es, wenn dieses Gesicht eine dramatische Funktion erhält, die seine Präsenz über den ersten Wiedererkennungseffekt hinaus rechtfertigt.

Das Alter fügt eine Dimension hinzu, mit der die Rhetorik der Rettung oft wenig behutsam umgeht. Ein Körper, der sich verändert hat, ist keine mangelhafte Version seines jüngeren Abbilds. Er kann Erfahrung, Erschöpfung, Begehren oder Unsicherheit auf eine Weise ausdrücken, die eine jüngere Besetzung nicht bieten würde. Tarantino nutzt diese Erinnerung, die der Körper trägt, auf unterschiedliche Weise. Durch die Besetzung kann die Vergangenheit des Darstellers präsent sein, ohne dass die Figur eine entsprechende Lebensgeschichte erzählen muss.

Travolta, Grier und Forster: zentrale Rollen mit unterschiedlichen Akzenten

Vincent Vega spielt mit der Vertrautheit des Publikums mit Travolta, besonders wenn er tanzt, macht ihn aber nicht jederzeit zum kompetenten Helden. Er ist gesellig, abgelenkt und begeht folgenschwere Fehler. Der Tanz kann die Erinnerung an einen Star wecken, während die Handlung sein berufliches Selbstvertrauen erschüttert. Diese Kombination lässt uns den Darsteller wiedererkennen und zugleich eine andere Figur entdecken. Die Figur muss nicht bewundernswert sein, damit die Darstellung das Interesse am Schauspieler neu entfacht.

Pam Grier nimmt eine andere Position ein. Die Beziehung des Regisseurs zu ihren früheren Filmen wird im Beitrag über Pam Grier und Tarantinos Bewunderung für ihre Arbeitausgeführt. In Jackie Brown verlangt diese Erinnerung nicht, eine Actionheldin aus den Siebzigern zu wiederholen. Jackie muss aus einer wirtschaftlich prekären Lage heraus verhandeln und verstehen, was diejenigen von ihr erwarten, die sie kontrollieren wollen. Ihre Stärke zeigt sich in Beobachtung, Geduld und durchdachten Entscheidungen – ebenso wie in ihrer körperlichen Präsenz.

Die Analyse von Jackie Brown als Figurzeigt, warum dieser Unterschied wichtig ist. Ihre Arbeit, ihr Alter und das Risiko, das Wenige zu verlieren, das sie besitzt, gehören zur Fiktion. Sie dürfen nicht als Diagnose von Griers Leben herangezogen werden. Eine Schauspielerin kann prekäre Verhältnisse darstellen, ohne damit eine persönliche Situation offenzulegen. Wer diese beiden Ebenen verwechselt, reduziert die schauspielerische Leistung auf eine vermeintliche Autobiografie und macht aus dem Mitgefühl für Jackie eine fremde Geschichte über die Darstellerin.

Robert Forster bildet als Max Cherry mit Aufmerksamkeit und Zurückhaltung einen Gegenpol. Seine Schweigsamkeit lässt Raum, Jackie zu beobachten, und sein romantisches Interesse hebt seine berufliche Vorsicht nicht auf. Die Nominierung für den Oscar als bester Nebendarsteller für Jackie Brown, die bei der Verleihung 1998 bekannt gegeben wurde, ist ein überprüfbarer Hinweis auf die Anerkennung, die er erhielt. Sie erklärt die Darstellung aber nicht von selbst: Entscheidend ist weiterhin, wie ein zurückhaltendes Zuhören das emotionale Zentrum des Films verändert.

Grier und Forster funktionieren zudem als gemeinsames Leinwandpaar. Der Film lässt eine Beziehung erahnen, ohne sie zur obligatorischen Belohnung dafür zu machen, dass beide die Intrige überstanden haben. Ihre Rhythmen finden zueinander und entfernen sich wieder. Das Publikum kann sich wünschen, dass sie zusammenbleiben, und zugleich verstehen, dass ihre Entscheidungen nicht übereinstimmen. Diese Komplexität wäre schwer aufrechtzuerhalten, wenn die Besetzung nur die Rückkehr zweier bekannter Namen feiern wollte.

Carradine und Russell: Ein Image nutzen und umlenken

David Carradine bringt mit Bill Assoziationen an Martial-Arts-Filme und -Fernsehserien mit, doch seine Figur beherrscht einen großen Teil der Erzählung durch ihre Stimme und das Warten. Dass man ihn erst spät zu sehen bekommt, macht seine Präsenz zu einem erzählerischen Versprechen. Wenn er schließlich ganz erscheint, treffen Bedrohlichkeit, häusliche Umgangsformen und liebevoll vorgetragene Erklärungen aufeinander. Die Besetzung nutzt eine vertraute Autorität und stellt sie anschließend in den Dienst eines Kontrollverhältnisses, das keine ständigen Kampfszenen braucht.

Kurt Russell macht die Vorstellung vom vergessenen Star besonders unzureichend. Seine Rolle als Stuntman Mike spielt mit dem Charisma eines Mannes, der zunächst sympathisch und vertraut wirken will, bevor er seine Gewalt offenbart. Das Publikum kann seine Präsenz anfangs genießen und sich später daran stoßen, wie bereitwillig es ihn akzeptiert hat. Die Laufbahn von Kurt Russell und Walton Goggins bei Tarantinozeigt weitere gemeinsame Arbeiten, ohne jede neue Besetzung auf eine berufliche Wiederbelebung zu reduzieren.

In The Hateful 8 nimmt Russell als John Ruth eine andere Position ein. Seine körperliche Autorität, seine Sturheit und sein Verhältnis zu seiner Gefangenen erzeugen eine andere Art von Bedrohung. Dasselbe Schauspieler-Gesicht bedeutet nicht dieselbe Figur. Dieser Wechsel veranschaulicht eine Stärke wiederkehrender Besetzungen: Das Publikum erkennt ein Ausdrucksmittel und kann wahrnehmen, wie es neu eingesetzt wird, statt immer nur eine Variation der Rolle zu bekommen, die ihm bereits gefallen hat.

Das Besondere an diesen Besetzungen liegt weniger darin, Menschen zu retten, als darin, Möglichkeiten neu zu betrachten. Ein Film kann einem Darsteller wieder Aufmerksamkeit verschaffen und zugleich von ihm profitieren. Wer diese Gegenseitigkeit anerkennt, stellt den Regisseur nicht als alleinigen Urheber des Werts seiner Mitwirkenden dar. Frühere Karrieren liefern Material, aber die neue Rolle muss es in einer konkreten Situation zum Leben erwecken. Daran entscheidet sich, ob die Begegnung eine lebendige Präsenz hervorbringt oder eine nostalgische Anspielung bleibt.

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