Now You’re All Alone und die tatsächliche Schlussmusik von The Hateful 8

Bei der Suche nach der Musik am Ende werden häufig drei verschiedene Momente verwechselt. David Hess’ Song gehört zum Massaker vor Ruths Ankunft; Lincolns Brief wird von Morricone begleitet.

David Hess’ Song begleitet nicht den Brief

Now You’re All Alone ist ein Song von David Hess aus The Last House on the Left, dem 1972 von Wes Craven inszenierten Film. Tarantino setzt ihn in The Hateful 8 während des Rückblicks ein, der zeigt, wie Domergues Bande den Krämerladen in ihre Gewalt bringt. Der Song ist mit Charlys Tod durch Gage verbunden. Er ist weder das Streicherstück, das die abschließende Lesung von Lincolns Brief begleitet, noch darf er Ennio Morricone zugeschrieben werden.

Diese Unterscheidung betrifft zwei Szenen mit sehr unterschiedlichen Funktionen. Der Rückblick rekonstruiert eine Gewalt, von der das Publikum nichts wusste, und zeigt, wie die vorgetäuschte Gastfreundschaft vorbereitet wurde. Die Lesung des Briefes findet statt, nachdem die Identitäten und Bündnisse bereits offengelegt wurden. Wer die Musikstücke verwechselt, verwischt den Unterschied zwischen dem Aufdecken eines früheren Verrats und dem Betrachten dessen, was nach der Konfrontation übrig bleibt.

Auf dem offiziellen Album ist Now You’re All Alone David Hess zugeschrieben. Kurz vor Schluss finden sich La lettera di Lincoln in einer Instrumentalversion und einer Version mit Dialog sowie There Won’t Be Many Coming Home, gesungen von Roy Orbison. Dass diese Stücke auf einem Album nahe beieinanderstehen, kann zu Verwechslungen führen, macht sie aber nicht zu einem einzigen Schlussstück. Jedes hat seine eigene Urheberschaft, Herkunft und Platzierung.

Hess’ Song schafft zudem eine Verbindung zum Horrorkino, die weder von Morricone noch von The Thing abhängt. Seine Herkunft erweitert das Netz der Bezüge im Film. Der Western greift ein Stück aus einer anderen Geschichte voller Grausamkeit und Verletzlichkeit auf. Seine neue Verwendung sollte jedoch im Zusammenhang mit Charly betrachtet werden und nicht als automatische Wiederholung der Bedeutung, die der Song in Cravens Film hatte.

Charly und eine Einsamkeit, die der Song spürbar macht

Im Rückblick gehört Charly zum Alltag des Geschäfts. Die Ankunft der Reisenden wirkt zunächst wie eine gewöhnliche Arbeitssituation, in der Gäste bewirtet werden, bevor sie in ein Massaker umschlägt. Als ihr Überleben von Gage abhängt, ändern ihre Versuche, Gnade zu erlangen, nichts an der Entscheidung des Angreifers. Der Song lenkt den Blick auf dieses Missverhältnis: Ein Mensch bittet darum, weiterleben zu dürfen, während ein anderer seinen Tod als notwendige Maßnahme behandelt.

Die vergleichsweise sanfte Musik steht im Kontrast zum Geschehen. Sie macht die Szene nicht zu einer angenehmen Unterbrechung. Vielmehr kann sie die Verletzlichkeit deutlicher hervortreten lassen, die bei ausschließlich aggressiver Musik in den Hintergrund träte. Schon der Titel, ganz ohne den Liedtext wiederzugeben, deutet auf die Isolation eines Menschen hin, der jede Möglichkeit auf Hilfe verloren hat. Die Bande beherrscht den Ort, und das Opfer hat niemanden mehr, der es schützen könnte.

Die Wirkung hängt auch davon ab, was wir zu diesem Zeitpunkt der Geschichte über Gage wissen. Im ersten Teil hatte er das Bild eines zurückhaltenden Mannes vermittelt, der sich mit seinem Notizbuch beschäftigte und angeblich zu seiner Familie zurückkehren wollte. Der Rückblick ersetzt diese Fassade durch konkretes Verhalten. Der Song begleitet die Entdeckung einer Grausamkeit, die keinen theatralischen Ausbruch erfordert. Gage kann mit einer Ruhe handeln, die unvereinbar ist mit der beruhigenden Geschichte, die er Ruth erzählt hatte.

Diese Verwendung bereits existierender Musik muss nicht als dokumentierte Aussage des Regisseurs über Charlys Psyche erklärt werden. Die Beziehung zwischen musikalischer Klangfarbe und Szene ermöglicht für sich genommen eine kritische Deutung. Diese Unterscheidung sollte gewahrt bleiben: Man kann beschreiben, welche Wirkung der Schnitt erzeugt, ohne ein Interview zu erfinden, in dem Tarantino genau dieselbe Interpretation formuliert hätte.

Was bei der Lesung und im Abspann zu hören ist

Bei der Lesung des Briefes erklingt La lettera di Lincoln von Morricone. Die Musik verleiht der Stimmung nach der Gewalt eine neue Färbung, macht den Brief aber weder wahr noch spricht sie die Männer frei, die ihn hören. Das Publikum weiß, dass Warren seine Fälschung erkannt hatte. Die Musik begleitet ein gemeinsames Leseerlebnis, nicht die Echtheit eines Dokuments des Präsidenten.

Dadurch bleibt die Emotion am Ende zwiespältig. Die Worte können ein Bild von Respekt und Zusammenleben zeichnen, das im Gegensatz zu den Ereignissen im Krämerladen steht. Zugleich stammen sie aus einer Erfindung, mit der man unter rassistischen Menschen überleben wollte. Das Stück kann die Intimität des Augenblicks tragen, ohne diesen Widerspruch aufzulösen. Die Gefühle, die eine Geschichte weckt, hängen nicht immer davon ab, ob ihr Ursprung wahr ist – auch wenn die Lüge weiterhin Folgen hat.

Mit Roy Orbison im Abspann wird ein weiterer Ton angeschlagen. There Won’t Be Many Coming Home hält an einer Verlustperspektive fest, die mit dem Ausgang der Geschichte in Dialog tritt. Der Song sollte weder rückwirkend der gesamten Lesung zugeordnet noch mit Hess’ Stimme verwechselt werden. Der Film verwendet nacheinander eine Instrumentalkomposition, die mit dem Dokument verbunden ist, und einen Song, der den Ausklang der Geschichte begleitet.

Die Filmmusik und Musikauswahl von The Hateful 8 lässt sich am besten verstehen, wenn man diese drei Momente auseinanderhält: Hess bei Charly, Morricone während des Briefes und Orbison im Abspann. So lässt sich die gesuchte Aufnahme leichter finden – und vor allem werden drei verschiedene Arten erkennbar, Musik mit Gewalt in Beziehung zu setzen: sich einem Opfer anzunähern, eine gemeinsam getragene Fiktion aufrechtzuerhalten und sich von einer Welt zu verabschieden, von der kaum Überlebende übrig sind.

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