Narrative Vorausdeutung funktioniert, wenn ein früheres Element die Art und Weise verändert, wie ein späteres Ereignis verstanden wird. Bei Tarantino kann sie in einer praktischen Vorbereitung, einer Wiederholung oder einer Erwartung bestehen, die der Film bewusst enttäuscht.
Vorbereitung bedeutet nicht, etwas wörtlich anzukündigen
Eine Vorausdeutung kann subtil sein. Der Film führt eine Fähigkeit, einen Gegenstand oder eine Beziehung ein und lässt das Publikum dies im Gedächtnis behalten, bevor es entscheidend wird. Wenn es wieder auftaucht, wirkt der Ausgang vorbereitet, ohne vollständig erklärt worden zu sein. Die Wirkung beruht auf einem gewissen Abstand: groß genug, damit die Information nicht mehr im Mittelpunkt steht, aber nicht so groß, dass sie unmöglich wiederzuerkennen ist.
Kill Bill bietet mit Beatrix’ Training ein klares Beispiel. Die Trainingsszenen zeigen Ausdauer, Disziplin und Techniken, die später eine praktische Funktion erhalten. Das Publikum bekommt nicht nur die Biografie der Protagonistin vermittelt. Es erfährt, wozu ihr Körper unter extremen Bedingungen in der Lage ist. Die Vorbereitung macht bestimmte spätere Lösungen zu Folgen früherer Erfahrungen, auch wenn sie bewusst spektakulär inszeniert sind.
Auch die Episode mit Pai Mei zeigt, dass eine Vorausdeutung von Konflikten umgeben sein kann. Die Fähigkeit wird dem Publikum nicht wie ein Datenblatt präsentiert, sondern durch eine anspruchsvolle und demütigende Beziehung vermittelt. Das Lernen ist schon für sich genommen interessant, bevor es einer anderen Szene dient. Diese Doppelfunktion verhindert, dass die Vergangenheit nur dazu da zu sein scheint, ein späteres Manöver zu rechtfertigen.
Es lohnt sich, sichtbare Vorbereitung von einer nachträglichen Erklärung zu unterscheiden. Manchmal zeigt ein Film zuerst ein überraschendes Ergebnis und liefert erst später Informationen, die es verständlich machen. Beide Strategien verknüpfen zeitlich getrennte Momente, erzeugen aber unterschiedliche Erfahrungen. Im einen Fall kann das Publikum den Einsatz eines Mittels erwarten; im anderen ordnet es das Gesehene neu ein, sobald es eine Information erhält, die ihm zuvor noch fehlte.
Brandy und der Flammenwerfer in Once Upon a Time in Hollywood
Brandys Anwesenheit an Cliffs Seite etabliert ihr Zusammenleben und ihre Routinen, bevor es zum finalen Angriff kommt. Der Hund taucht nicht erst dann zum ersten Mal auf, wenn die Handlung eine Bedrohung abwenden muss. Die Beziehung zu Cliff gehört bereits zur häuslichen Welt des Films. Diese Vertrautheit lässt ihren späteren Einsatz als Intensivierung einer zuvor gezeigten Bindung erscheinen.
Ricks Flammenwerfer wird anders vorbereitet. Seine Verbindung zu einer früheren Filmarbeit führt einen außergewöhnlichen Gegenstand in das Leben eines Schauspielers ein. Später taucht der Gegenstand außerhalb der Dreharbeiten wieder auf und verändert das Ausmaß der Gewalt. Die Verbindung von Beruf, Requisite und häuslicher Handlung lässt das Ende verschiedene Ebenen miteinander kreuzen, die der Film von Anfang an eng beieinander gehalten hat.
Die Vorbereitung bedeutet nicht, dass der Ausgang als unvermeidlich gelten muss. Beim ersten Sehen kann das Publikum die Waffe als Scherz im Zusammenhang mit Ricks Beruf in Erinnerung behalten, nicht als striktes Versprechen. Wenn sie wieder auftaucht, ändert sich ihre Funktion. Dieser Wandel vom komischen Detail zum entscheidenden Mittel gehört zum Vergnügen des Wiedererkennens, kann wegen der Unverhältnismäßigkeit der Gewalt aber auch Unbehagen auslösen.
Diese Elemente beweisen nicht, dass jeder Gegenstand in einem Haus später zum Einsatz kommen wird. Ein Film braucht auch Dinge, die eine Atmosphäre schaffen, ohne zu Handlungsmitteln zu werden. Würde man alles als Versprechen deuten, verlöre die Welt an Weite und schrumpfte zu einem Verzeichnis noch ausstehender Lösungen. Vorausdeutung funktioniert inmitten dieser Mischung aus nützlichen und atmosphärischen Details.
Wiederholung, Ironie und Zufall
Vincents Abwesenheiten im Badezimmer in Pulp Fiction lassen ein wiederkehrendes Muster erkennen, das mit Ereignissen verbunden ist, die eintreten, wenn er seine unmittelbare Umgebung nicht im Blick hat. Das Motiv lässt sich als Ironie über seine Abkopplung von seiner Umgebung lesen. Eine Wiederholung ist jedoch nicht zwangsläufig eine im Film angelegte Prophezeiung, die die Figuren hätten entschlüsseln können. Die Gestaltung gehört zur Erzählung, nicht zu einem innerhalb der Geschichte bestätigten übernatürlichen Gesetz.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil das Publikum einen Gesamtüberblick hat, den keine Figur vollständig teilt. Es kann Szenen, die der Schnitt voneinander trennt, miteinander in Beziehung setzen und ein Muster erkennen. Diese Lesart beweist nicht, dass eine Figur dazu bestimmt ist, immer auf nur eine Weise zu handeln. Das Motiv lenkt unsere Wahrnehmung und kann die Ironie verstärken, ohne den Handlungen ihre Zufälligkeit zu nehmen.
Ähnliches gilt für Farbdeutungen. Die Verbindung zwischen der Farbe Orange und Mr. Orange mag naheliegend erscheinen, doch Gegenstände einer bestimmten Farbe zu entdecken, reicht nicht aus, um einen bewussten Hinweis auf seine Identität nachzuweisen. Um eine konkrete Absicht zu unterstellen, bräuchte es Dokumentation oder eine besonders konsequente visuelle Gestaltung. Bei der Interpretation eines Bildes sollte man zwischen einer überprüfbaren Beobachtung und einer Vermutung darüber unterscheiden, was der Autor ankündigen wollte.
Beim zweiten Sehen verändert sich die Bedeutung der Details
Wenn man den Ausgang kennt, verändert sich die Aufmerksamkeit. Ein zunächst beiläufig wirkender Satz kann bedeutsam werden, weil wir nun wissen, wohin er führt. Das bedeutet nicht, dass das erste Sehen falsch war. Der Film kann so gestaltet sein, dass ein Detail zunächst Teil einer Szene ist und später als erkennbare Vorbereitung dient. Gerade weil es beide Erfahrungen ermöglicht, wird es nützlicher.
Es gibt auch enttäuschte Erwartungen. Eine Bedrohung einzuführen verpflichtet den Film nicht dazu, sie wahr werden zu lassen, und ein vorbereitetes Mittel garantiert nicht, dass eine Figur es einsetzen kann. Spannung kann gerade aus dem Abstand zwischen Möglichkeit und Ergebnis entstehen. Erkennt das Publikum eine Vorbereitung, beginnt es, Vermutungen anzustellen; der Film kann sie bestätigen, hinauszögern oder in eine andere Richtung lenken, ohne dass dies ein Fehler wäre.
Die wirksamste Vorausdeutung verlangt nicht, in jeder Einstellung geheime Botschaften zu suchen. Entscheidend ist, darauf zu achten, wie Informationen im Verlauf der Erzählung neue Funktionen erhalten. Beatrix’ Training, das Zusammenleben mit Brandy oder Ricks Waffe sind konkret, weil sie Charakter, Handlung und Erinnerung miteinander verknüpfen. Ihre Wiederkehr ist bedeutsam aufgrund dessen, was wir bereits gesehen haben, nicht weil jedes Detail bei Tarantino eine Vorhersage verbergen muss.
Siehe den Leitfaden zu Dialogen und Erzählstruktur bei Tarantino.
