Tarantinos Kindheit: von Knoxville in die Kinos von Los Angeles

Vor der Videothek und den ersten Drehbüchern gab es eine Kindheit, in der Filme gemeinsam mit Erwachsenen erlebt wurden. Tarantino hat später auf diese Erfahrungen zurückgeblickt und erklärt, wie er zu sehen lernte.

Ein Anfang vor der Videotheken-Legende

Quentin Tarantino wurde 1963 in Knoxville geboren und wuchs nach einem Umzug nach Kalifornien in seiner Kindheit im Großraum Los Angeles auf. Diese beiden Orte erfüllen in seiner Biografie unterschiedliche Funktionen: Der eine steht für seine Geburt, der andere für einen großen Teil des Umfelds, in dem er sich als Zuschauer entwickelte. Seine spätere Vertrautheit mit den Straßen, Autos und Kinos von Los Angeles entstand nicht erst, als er begann, beim Film zu arbeiten.

Seine Mutter Connie, die auch unter dem Nachnamen Zastoupil bekannt ist, nimmt in seinen öffentlichen Erinnerungen einen wichtigen Platz ein. In einem Interview mit Hot Press aus dem Jahr 2007 wurde ihr Einfluss als Teil des kulturellen Alltags beschrieben, der sowohl mit dem Lesen als auch mit Kinobesuchen verbunden war. Dieses Bild geht über das eines Kindes hinaus, das Filme ganz allein entdeckt. Erwachsene suchten Filme aus, begleiteten ihn und teilten diese Erlebnisse mit ihm – auch wenn sie nicht ahnen konnten, woran er sich Jahrzehnte später erinnern würde.

Das Lesen bildet einen nützlichen Kontrast zu einer Biografie, die sich ausschließlich um Bildschirme dreht. Einer Geschichte zuzuhören bedeutet, einer Stimme zu folgen, sich Räume vorzustellen und auf Ereignisse zu warten, ohne ein fertiges Bild zu erhalten. Ein Kinobesuch bringt Körper, Geräusche und die Reaktionen anderer Zuschauer hinzu. Das sind miteinander verbundene Erfahrungen, doch keine von ihnen erklärt für sich genommen den Stil eines späteren Autors. Die Kindheit liefert Stoff; die spätere Arbeit entscheidet, wie er verwendet wird.

Zugleich sollte man der Versuchung widerstehen, jede Episode als Zeichen eines unausweichlichen Schicksals darzustellen. Das Wissen, dass dieser Junge später Pulp Fiction inszenieren würde, lenkt unseren Blick auf seine frühen Vorlieben, macht aber nicht jede seiner Entscheidungen zu einer bewussten Vorbereitung auf diesen Film. Erinnerungen helfen dabei, eine Beziehung zum Kino nachzuzeichnen – sie beweisen nicht, dass seine Laufbahn von Geburt an vorbestimmt war.

Filme mit Erwachsenen sehen

In Fresh Air erklärte Tarantino in einem im Dezember 2012 aufgezeichneten und im Januar 2013 ausgestrahlten Gespräch, dass seine Mutter bei der Entscheidung, was er sehen durfte, zwischen Fiktion und Realität unterschied. Außerdem erinnerte er sich an ein schulisches Umfeld mit vielen schwarzen Mitschülern und an Kinobesuche mit Erwachsenen aus dem Umfeld seiner Familie. Seine Erinnerungen an begeisterte Zuschauer und Exploitationfilme gehören zu diesem sozialen Kontext ebenso wie zu einer Sammlung von Filmtiteln.

Die Begleitung ist wichtig, weil ein Kind einen Film nicht unbedingt so deutet wie die Menschen, die neben ihm sitzen. Es kann einem Abenteuer folgen, ohne einen Teil der Anspielungen zu verstehen, ein Lachen bemerken, ohne dessen Grund ganz zu begreifen, oder sich eher an die Präsenz eines Schauspielers als an den Aufbau der Handlung erinnern. Bei einer Vorführung erreichen einen die Eindrücke zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Sieht man denselben Film Jahre später wieder, kann sich zeigen, was man damals verstanden hatte und was noch außerhalb der eigenen Reichweite lag.

Ein gemeinsamer Kinobesuch bietet außerdem ein Erlebnis, das nicht allein in der Filmkopie steckt. Lachen, Kommentare und die Spannung im Saal können mit der Erinnerung an eine Szene verknüpft bleiben. In Tarantinos Erzählungen über seine ersten Kinobesuche spielt das Publikum eine wichtige Rolle als aktive Präsenz. Es geht nicht nur darum, einen bestimmten Film gesehen zu haben, sondern ihn gemeinsam mit Menschen erlebt zu haben, die intensiv darauf reagierten.

Vorführungen mit mehreren Filmen boten Anlass zu unerwarteten Vergleichen. Ein Film konnte auf den nächsten einstimmen oder einen starken Kontrast zu ihm bilden. Eine solche Programmgestaltung folgte nicht unbedingt den Wertmaßstäben, die später in einer akademischen Filmgeschichte auftauchen würden. Eine Komödie, ein Thriller oder ein Exploitationfilm konnten am selben Nachmittag gezeigt werden und in der Erinnerung miteinander verbunden bleiben, weil man sie direkt nacheinander gesehen hatte.

Dieses Nebeneinander hilft, sein späteres Interesse an Filmen mit sehr unterschiedlichem Ansehen einzuordnen. Es beweist nicht, dass ihm seine Kindheit eine fertige Theorie der Genres vermittelte. Es macht aber verständlich, warum eine Biografie, die sich ausschließlich auf große Klassiker konzentriert, unvollständig wäre: Auch populäre Vorführformen und die Reaktionen des Publikums finden sich in dem wieder, woran er sich zu erinnern entschieden hat.

Erinnerungen erklären seine Filme nicht vollständig

Erzählungen über Connie werden häufig herangezogen, um starke Frauenfiguren in seinem Kino zu erklären. Der Zusammenhang mag einleuchtend sein, berechtigt aber nicht dazu, Jackie Brown oder Beatrix Kiddo als verschlüsselte Porträts seiner Mutter zu lesen. Jede Figur gehört zu einer Fiktion und wird durch ihre Beziehungen sowie die Arbeit einer Darstellerin geprägt. Die familiäre Erfahrung kann zum Fundus eines Autors gehören, ohne eine direkte biografische Entsprechung herzustellen.

Dasselbe gilt für Gewalt. Dass er als Kind Filme für Erwachsene gesehen hat, belegt keinen einfachen ursächlichen Zusammenhang mit allem, was er später schrieb. Seine Werke wechseln zwischen verschiedenen Tonlagen, Genres und historischen Kontexten. Um diese Unterschiede zu analysieren, muss man konkrete Szenen betrachten. Die Kindheitserinnerung gibt Einblick darin, wie er seine Bildung als Zuschauer in Erinnerung hat; sie ersetzt nicht die kritische Betrachtung der Entscheidungen, die während einer späteren Filmproduktion getroffen wurden.

Die Unterscheidung zwischen Erinnerung und Dokument verhindert auch falsche Genauigkeit. Interviews rufen Empfindungen und Ereignisse aus einer späteren Phase der Laufbahn ins Gedächtnis. Ein Geburtsdatum lässt sich anders überprüfen als die Gefühle, die man während einer Vorführung erlebt hat. Beide Arten von Informationen getrennt zu halten, schmälert den Wert der persönlichen Erzählung nicht. So lässt sich ihr zuhören, ohne ihr eine Genauigkeit abzuverlangen, die sie gar nicht beansprucht.

Tarantinos Kindheit erscheint so als eine Zeit, in der er früh Zugang zu vielfältigen Geschichten hatte und mit erwachsenen Kinopublika in Kontakt kam. Connie und andere Menschen aus seinem Umfeld ermöglichten Begegnungen, die ihm wichtig erschienen. Das Greifbarste an dieser Prägung ist keine Liste unvermeidlicher Einflüsse, sondern eine Praxis: ins Kino gehen, zuhören, Reaktionen beobachten und das Gesehene gedanklich wieder aufgreifen. Noch bevor er selbst zum Autor wurde, lernte er, dass ein Film auch zwischen der Leinwand und den Menschen geschieht, die sich davor versammelt haben.

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