Tarantinos Verehrung für Corbucci lässt sich präzise fassen: Er bezeichnet ihn als zweitgrößten Regisseur des italienischen Westerns, hinter Leone.
Was der zweite Platz wirklich bedeutet
In der Dokumentation Django & Django, unter der Regie von Luca Rea und 2021 vorgestellt, spricht Quentin Tarantino ausführlich über seine Bewunderung für Sergio Corbucci. Die Formulierung, die der Verleih Shameless Films aufgreift, bezeichnet ihn als zweitbesten Regisseur italienischer Western. Das Adjektiv ist wichtig: Es handelt sich weder um eine belegte Rangliste aller Westernregisseure der Welt noch um eine Aussage, die ihn automatisch über jeden US-amerikanischen Regisseur stellt.
Diese Vorliebe zeigt sich auch schon früher. Auf der Liste, die Tarantino im Januar 2009 bei The Spaghetti Western Database einreichte, stand Django auf Platz drei und Leichen pflastern seinen Weg auf Platz vierzehn. Beide Entscheidungen zeugen von anhaltendem Interesse an Corbucci, auch wenn die Platzierung eines Films auf einer persönlichen Liste für sich genommen nicht erklärt, worin die Bewunderung begründet liegt. Um das zu verstehen, lohnt es sich, darauf zu achten, welche Art von Westen seine Bilder entwerfen.
Corbucci führt in ein Gebiet, in dem Gewalt in Institutionen, in der Wirtschaft und im Alltag verankert sein kann. Der Protagonist kommt nicht immer in eine Gemeinschaft, die schon dadurch wieder ins Gleichgewicht findet, dass ein Schurke beseitigt wird. Manchmal ist die Gemeinschaft so organisiert, dass sich Grausamkeit auszahlt. Dieser Unterschied verändert die Erwartungen, mit denen man den Auftritt eines Revolverhelden verfolgt.
Django: Der Held kommt mit einem Sarg im Schlepptau
Django, 1966 in die Kinos gekommen, zeigt Franco Nero, wie er mit einem Sarg durch eine schlammige Landschaft zieht. Das Bild schafft eine seltsame Verbindung von Bewegung und Last: Die Figur schreitet voran, trägt aber etwas mit sich, das zur Welt der Toten gehört. Noch bevor wir seine Absichten kennen, wirft seine Gegenwart bereits eine Frage auf. Das Geheimnis hängt nicht von einer sofortigen Erklärung ab, sondern steckt in einer sichtbaren Handlung und einem Gegenstand, den man nicht übersehen kann.
Der Schlamm verändert zudem die Beschaffenheit des Westerns. Der Boden erschwert das Vorankommen, beschmutzt die Körper und nimmt jeder Bewegung ihre Erhabenheit. Die Orte wirken abgenutzt und feindselig. Die Landschaft ist kein Versprechen grenzenloser Freiheit, sondern ein Stoff, der auf denen lastet, die ihn zu durchqueren versuchen. Diese körperliche Erfahrung bereitet auf eine Geschichte vor, in der auch die Überlegenheit des Helden nicht als selbstverständlich gelten kann.
Die Gewalt der verfeindeten Gruppen bringt den Protagonisten in ein System aus Herrschaft und Opportunismus. Eingreifen bedeutet nicht, eine moralisch eindeutige Seite zu finden, der man vorbehaltlos beitreten kann. Das Publikum muss den Bündnissen folgen und unterscheiden, was die Figur sagt und was sie zu erreichen versucht. Die einsame Figur bleibt faszinierend, doch ihr Weg ist von Interessen durchzogen, die auch durch eine Demonstration ihrer Fähigkeiten nicht verschwinden.
Die Verletzlichkeit des Körpers ist entscheidend. Ein Revolverheld wird gewöhnlich durch Schnelligkeit und Geschick seiner Hände definiert; sie zu bedrohen, stellt die Identität infrage, die ihm das Genre verleiht. Corbucci zeigt, dass Gewalt unmittelbar die Handlungsmöglichkeiten einschränkt. Die Spannung besteht nicht nur darin, auf das nächste Duell zu warten, sondern auch darin, sich zu fragen, was von einem Helden bleibt, wenn er einen Teil dessen verliert, was ihn so gefährlich gemacht hat.
Leichen pflastern seinen Weg und die Zerbrechlichkeit der Gerechtigkeit
Das Verhältnis von Landschaft und Körper ermöglicht einen Vergleich der beiden Filme, ohne sie auf ihre Handlung zu reduzieren: Durch Schlamm zu gehen oder sich durch Schnee voranzuarbeiten, bringt jeweils andere, sichtbare Widerstände mit sich.
Leichen pflastern seinen Weg, von 1968, tauscht den Schlamm gegen Schnee und stellt Jean-Louis Trintignant Klaus Kinski gegenüber. Die Kälte ist keine gefällige Kulisse für die Handlung. Sie bestimmt Bewegung, Isolation und die Abhängigkeit von wenigen Unterschlupfmöglichkeiten. Auch das Weiß der Landschaft sorgt nicht für entsprechende moralische Klarheit: Ein makelloser Anschein kann eine zutiefst grausame Ordnung verbergen.
Das Kopfgeldsystem macht den Tod zu einer entlohnten Tätigkeit. Das Gesetz kann denen als Deckmantel dienen, die davon profitieren, schutzbedürftige Menschen zu verfolgen. Dadurch lässt sich der Konflikt schwerer durch eine einfache Gegenüberstellung von Vertretern des Gesetzes und Kriminellen lösen. Das Publikum muss darauf achten, wer durch die Regeln Macht gewinnt und wer ihnen schutzlos ausgeliefert ist.
Der schweigsame Protagonist lenkt die Aufmerksamkeit auf Gesten, Blicke und die Beziehungen, die er zu anderen aufbaut. Seine Zurückhaltung nimmt dem Film nicht die Gefühle, zwingt aber dazu, sie ohne die ständige Hilfe erklärender Reden wahrzunehmen. Ihm gegenüber wirkt die Selbstsicherheit des Gegenspielers beunruhigend, denn sie scheint sich auf etwas Stärkeres als dessen persönliche Fähigkeiten zu stützen: ein Umfeld, das sein Verhalten duldet und belohnt.
Ohne das Ende zu verraten, lässt sich an dem Film ermessen, wie sehr der Western versprechen muss, dass Gerechtigkeit möglich ist. Corbucci stellt diese Erwartung infrage und zwingt dazu, den Abstand zwischen dem Wunsch nach Wiedergutmachung und den Mitteln, sie zu erreichen, anzuerkennen. Tarantinos Bewunderung gilt hier einem Kino, das spektakulär und rau sein kann, als Abenteuer erkennbar bleibt und sich doch nur schwer als Trost begreifen lässt. Django zusammen mit Leichen pflastern seinen Weg zu sehen, lässt zwei Spielarten dieser Härte erkennen, ohne den Regisseur auf ein einziges Bild der Gewalt zu reduzieren.
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