Bevor Stallone auf seine großen Filmreihen reduziert wurde, schrieb und inszenierte er Filme über das Leben im Viertel, Brüder und Menschen mit großen Träumen – Werke, die einen eigenen Blick verdienen.
Stallone, bevor er auf seine Ikonen reduziert wurde
Quentin Tarantinos Plädoyer für Sylvester Stallone misst Paradise Alley, seinem Regiedebüt von 1978, besondere Bedeutung bei. In Cinema Speculation, das 2022 erschien, widmet er dem Film ein Kapitel. Die am 22. Oktober 2023 in Momentary Cinema veröffentlichte Rezension des Buches hebt hervor, dass Tarantino Stallones Gespür als Autor und die eigenständige Vision des Films würdigt – und zugleich dessen Schwächen anerkennt. Im Mittelpunkt steht ein konkretes Werk, nicht die Behauptung, die gesamte Laufbahn des Schauspielers sei makellos.
Um diese Wahl zu verstehen, lohnt es sich, Stallones oft wiederholtes Image für einen Moment beiseitezuschieben. Sein Körper und seine späteren Figuren nahmen schließlich einen großen Teil der öffentlichen Diskussion ein. Doch eine Szene aus dem Viertel zu schreiben und einen Actionfilm zu inszenieren, erfordert nicht dieselben Entscheidungen. Paradise Alleylässt den Schöpfer erkennen, der Beziehungen ordnet, Figuren eigene Stimmen verleiht und eine Atmosphäre rund um drei Brüder entstehen lässt. Körperliche Stärke gehört zu dieser Welt, erklärt sie aber nicht vollständig.
Auch die Credits der Filme sollte man auseinanderhalten. Stallone schrieb das Drehbuch zu Rockyvon 1976 und spielte die Hauptrolle; Regie führte John G. Avildsen. Bei Rocky II, der 1979 in die Kinos kam, übernahm Stallone zusätzlich die Regie. Dazwischen liegt Paradise Alley. Diese Abfolge zeigt, dass seine Laufbahn als Regisseur nicht einfach daraus entstand, eine bereits etablierte Marke fortzuführen: Zuvor erprobte er eine andere Geschichte mit anderen Figuren und einem anderen Verhältnis zwischen Humor, Spektakel und Melodram.
Paradise Alley: Worte, Brüder und ein Ring
Der Film erzählt von den Carboni-Brüdern im New York der 1940er-Jahre. Cosmo, gespielt von Stallone, bringt eine Wortgewandtheit mit, die im Kontrast zu Victors körperlicher Kraft steht. Lenny vervollständigt ein Dreieck aus Interessen und Zuneigung, die nicht immer in dieselbe Richtung weisen. Wrestling bietet eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, verändert aber auch den Blick der Brüder aufeinander. Was ihnen einen Ausweg verschaffen soll, kann zu einer Art werden, einander auszunutzen.
Das Viertel erfüllt eine eigene dramaturgische Funktion. Begegnungen, Gespräche und kleine Geschäfte verleihen einer Geschichte, die sich auch auf die Vorbereitung von Kämpfen hätte beschränken können, einen menschlichen Maßstab. Der Film widmet den Menschen im Umfeld der Protagonisten Aufmerksamkeit, auch wenn nicht alle Handlungsstränge gleich ausführlich entwickelt werden. Diese Fülle vermittelt Lebendigkeit und sorgt zugleich für einige der Unebenheiten des Films. Seine Eigenart entsteht zum Teil dadurch, dass die Atmosphäre über die Haupthandlung hinauswächst.
Cosmo eignet sich besonders gut, um Stallone als Autor zu betrachten. Seine Autorität beruht nicht allein darauf, sich körperlich durchzusetzen. Er versucht, andere zu überzeugen, ihnen eine Möglichkeit zu verkaufen und sie in die Geschichte hineinzuziehen, die er ihnen erzählt. Worte sind für ihn ein Mittel zum Überleben. In ein und demselben Gespräch kann die Figur unterhaltsam und nervig wirken: Ihre Fantasie geht mit Eigennutz einher, und sie kann die Folgen ihrer Einfälle ganz offensichtlich nur schwer einschätzen.
Im Ring werden diese familiären Spannungen zum öffentlichen Spektakel. Der Körper, der die Schläge einsteckt, gehört einem Menschen, während andere kalkulieren, was sich aus diesen Schlägen machen lässt. So stellt der Film der Spannung des Kampfes eine weniger bequeme Frage gegenüber: Wer entscheidet, und wer zahlt den Preis? Die Brüder müssen keine eindeutigen Symbole sein, damit das Ungleichgewicht zwischen ihnen sichtbar wird, sobald die Aussicht auf Geld scheinbar alles rechtfertigt.
Rocky II und die Verantwortung, eine Fortsetzung zu inszenieren
In Five Things, veröffentlicht von W im April 2020, bezeichnete Tarantino Rocky II als seinen persönlichen Lieblingsfilm des Jahres 1979 und lobte Stallones Darstellung. Diese Aussage unterstreicht auch sein Interesse an der Fortsetzung.
Rocky IIstellt ein anderes Problem. Das Publikum kennt Rocky und erwartet, ein vertrautes emotionales Erlebnis wiederzufinden. Die Fortsetzung muss diese Vertrautheit bewahren und zugleich erklären, warum die Figur weiterkämpfen muss. Stallone arbeitet nun mit einer Figur, deren Art zu sprechen, Ungeschicklichkeit und Sturheit für das Publikum bereits Bedeutung haben. Sie zu inszenieren heißt zu entscheiden, wie sehr sie sich verändern kann, ohne das zu verlieren, was sie den Menschen nahegebracht hat.
Das Leben außerhalb des Rings ist für diese Aufgabe entscheidend. Arbeit, Geld, die Beziehung zu Adrian und die Schwierigkeiten, sich anzupassen, sorgen dafür, dass die Rückkehr in den Ring nicht bloß eine Genrekonvention erfüllt. Rocky muss sich in einer Welt zurechtfinden, deren Regeln sich nicht um körperliche Ausdauer drehen. Seine Würde hängt von mehr ab, als Schläge einzustecken. Die Figur bleibt verwundbar, auch wenn kein sichtbarer Gegner da ist, dem sie sich stellen kann.
Der Vergleich der beiden Filme zeigt zwei unterschiedliche Arten, mit populärem Melodram zu arbeiten. Paradise Alleyverteilt die Aufmerksamkeit auf die Brüder und ein weitläufigeres Umfeld; Rocky IIbündelt einen großen Teil seiner Energie in einer zentralen Figur, die die Erinnerung an den vorherigen Film mit sich trägt. In beiden Filmen braucht die körperliche Anstrengung eine emotionale Geschichte, um Bedeutung zu gewinnen. Ein Kampf kann für sich genommen spektakulär sein, doch Folgen hat er erst, wenn klar ist, welche Beziehung, welcher Wunsch oder welches Versprechen auf dem Spiel steht.
Tarantinos Plädoyer lädt dazu ein, diese Arbeit als Autor und Regisseur neu zu betrachten. Es verlangt nicht, einen weniger bekannten Film über einen Erfolg zu stellen oder all seine Schwächen zu entschuldigen. Vielmehr schlägt es vor, Stallone dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken wie anderen populären Filmschaffenden: zu beobachten, wie er Figuren gestaltet, welchen Ton er anstrebt und welche Welt zwischen einer Szene und der nächsten entsteht. Paradise Alleybietet einen besonders aufschlussreichen Einstieg, weil der Film Ambitionen erkennen lässt, die das spätere Image seines Hauptdarstellers möglicherweise in den Hintergrund gedrängt hat.
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