Film noir ist nicht allein durch Detektive und Schatten definiert. Er kann sich auch um eine fragile Identität, eine Bedrohung oder trügerische Respektabilität drehen.
Vom konkreten Lob zu einer Filmempfehlung
In seinem Interview mit Kim Morgan aus dem Jahr 2009, das New Beverly 2017 wiederveröffentlichte, lobte Tarantino Nightfall und die Modernität seiner Dialoge. Außerdem hob er die weiblichen Figuren in den Filmen von Samuel Fuller hervor, darunter die Figur aus The Naked Kiss. Das sind konkrete Ausgangspunkte, um den Film noir zu erkunden, ohne dass damit behauptet wird, jeder müsse diese Filme unbedingt gesehen haben.
Die Reihe lässt sich um Last Embrace von Jonathan Demme erweitern. In Five Things äußerte Tarantino sich 2020 positiv über den Film, allerdings mit Vorbehalten wegen seiner Sprödigkeit. Der Unterschied zwischen uneingeschränkter Begeisterung und einem differenzierten Urteil sollte erhalten bleiben. Die Vorlieben eines Zuschauers lassen sich nicht treffender beschreiben, indem man seine Einwände ausblendet und so tut, als seien alle Titel gleichermaßen gefeiert worden.
Die Auswahl umfasst Werke, die ganz unterschiedliche Arten von Spannung bieten. Eine von der Vergangenheit geprägte Flucht, der Eintritt einer Frau in eine Gemeinschaft und eine von Paranoia durchzogene Ermittlung führen verschiedene Formen der Unsicherheit vor Augen. Gemeinsam ist ihnen die Kluft zwischen dem äußeren Anschein eines Ortes oder einer Person und den Kräften, die dahinter wirken.
Nightfall: Die Vergangenheit in der offenen Landschaft
Nightfall, 1956 von Jacques Tourneur inszeniert, hat Aldo Ray in der Hauptrolle. Seine Figur steht unter dem Druck von Ereignissen, die der Film nach und nach aufklären muss. Die Bedrohung hängt nicht ausschließlich davon ab, dass das Publikum nicht weiß, was geschehen ist. Entscheidend ist auch, wie eine Erklärung unser Verhältnis zu jemandem verändert, dessen Verhalten wir bereits erlebt haben.
Die Handlung lässt die Vergangenheit in die scheinbare Stabilität der Gegenwart einbrechen. Ein alltägliches Gespräch kann ein anderes Gewicht bekommen, sobald wir wissen, dass unser Gegenüber eine gefährliche Geschichte verschweigt. Die Spannung entsteht sowohl durch die körperliche Gefahr als auch durch die Schwierigkeit, zu entscheiden, wann man jemandem vertrauen kann. Die Wahrheit zu sagen mag notwendig sein, setzt die Figur aber auch Folgen aus, die sie nicht kontrollieren kann.
Der Kontrast zwischen städtischen Räumen und offenen Landschaften erweitert das visuelle Repertoire des Film noir. Die Bedrohung muss nicht in einer dunklen Gasse lauern. Ein heller oder weitläufiger Ort kann die Möglichkeiten, sich zu verstecken, einschränken und die Verletzlichkeit eines Körpers deutlicher hervortreten lassen. Ein weiter Bildausschnitt bedeutet nicht Freiheit, genauso wenig wie ein klares Bild Sicherheit garantiert.
Die Wortwechsel verhindern, dass die Figuren zu bloßen Funktionen der Handlung werden. Eine bestimmte Art zu antworten kann Humor, Erschöpfung, Misstrauen oder eine entstehende Vertrautheit erkennen lassen. Diese Lebendigkeit der Dialoge erklärt, warum der Film noch immer nahbar wirkt, ohne dass seine Zeit aktualisiert werden müsste. Die Gefahr gewinnt an Intensität, wenn sie Menschen trifft, die über den Mechanismus des Verbrechens hinaus ein eigenes Leben zu haben scheinen.
Fuller und Demme: Respektabilität, Misstrauen und das Erbe des Film noir
The Naked Kiss, 1964 von Samuel Fuller inszeniert, stellt seine Hauptfigur einer Gemeinschaft gegenüber, deren geordnetes Erscheinungsbild nicht ausreicht, um sie wirklich zu kennen. Ob ein neues Leben beginnen kann, hängt davon ab, wer die Macht hat, jemanden aufzunehmen, zu verurteilen oder auszuschließen. Der Film lenkt den Blick auf die Kluft zwischen einem sichtbaren Ruf und einem Verhalten, das verborgen bleiben kann.
Um den Film mit dem Film noir in Verbindung zu bringen, braucht es keinen konventionellen Detektiv. Das Misstrauen kann sich um eine Frau drehen, die einen Platz für sich sucht, und um die Maßstäbe, nach denen andere ihre Vergangenheit beurteilen. Fuller setzt auf harte Kontraste, um die Bequemlichkeit moralischer Kategorien infrage zu stellen: Wer respektabel erscheint, profitiert womöglich von einer nachsichtigen Betrachtungsweise, die einer anderen Person verwehrt bleibt.
Besonders interessant ist der Film, wenn man darauf achtet, wie sich die Position der Hauptfigur in den verschiedenen Räumen verändert. Empfangen, beobachtet oder befragt zu werden sind unterschiedliche Situationen, auch wenn sie im selben Umfeld stattfinden. Wie eine Gemeinschaft Vertrauen und Misstrauen verteilt, wird so zum Teil der Handlung. Die Spannung macht diese Verteilung sichtbar, statt sich darauf zu beschränken, ein Rätsel aufzulösen.
Last Embrace, 1979 in die Kinos gekommen, verlagert die Instabilität auf eine von Roy Scheider gespielte Figur, die Zeichen entschlüsseln muss, während ihre eigene Sicherheit schwindet. Die Spannung verbindet Ermittlungsarbeit mit Verletzlichkeit. Es reicht nicht, Informationen zusammenzutragen: Man muss auch entscheiden, was sie bedeuten und ob die Person, die sie zu verstehen versucht, überhaupt in der Lage ist, eine echte Bedrohung zu erkennen.
Diese Verschiebung ermöglicht es, über Neo-Noir als Beziehung zu einer Tradition zu sprechen und nicht als Rezept für düstere Bildgestaltung. Das Genre kann Misstrauen, die wiederkehrende Vergangenheit oder die Fragilität der Identität aufgreifen und unter anderen historischen Bedingungen neu ordnen. Die Auseinandersetzung mit Neo-Noir und Verbrechen in Los Angeles führt eine dieser Entwicklungslinien weiter, ohne alle geografischen Möglichkeiten des Begriffs auszuschöpfen.
Die Filmsitzung eröffnet drei Perspektiven auf Gefahr: Man begleitet jemanden, den seine Vergangenheit verfolgt, misstraut einer scheinbar respektablen Gemeinschaft und erlebt eine Ermittlung mit, die das Sicherheitsgefühl der ermittelnden Person untergräbt. Diese Unterschiede sind wichtiger, als Detektive, Waffen und Schatten zu einer Liste von Merkmalen zusammenzufassen. Tarantinos dokumentiertes Lob bietet den Einstieg in die Reihe; jeder Film entfaltet sein eigenes Interesse durch den Umgang mit Informationen, Raum und Vertrauen.
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