In der Diskussion geht es darum, wie ein Film sein Publikum erreicht und zu einem gemeinsamen Ereignis wird – nicht nur um die Größe der Leinwand.
Die Kritik bei den Filmfestspielen von Cannes 2023
In seinem Interview mit Baz Bamigboye für Deadline während der Filmfestspiele von Cannes 2023 verteidigte Tarantino den Kinostart und hinterfragte den kulturellen Stellenwert von Produktionen, die direkt für Streamingplattformen bestimmt sind. Als Beispiel nannte er die Netflix-Filme mit Ryan Reynolds, von denen er nach eigener Aussage keinen gesehen hatte. Die Bemerkung brachte seine Distanz zu diesem Verbreitungsmodell zum Ausdruck, nicht eine auf der Sichtung jedes einzelnen Titels beruhende Rezension.
Diese Unterscheidung verhindert einen häufigen Fehler: die erklärte Unkenntnis eines Films als detaillierte Bewertung seiner Qualität darzustellen. Ebenso sollte man eine zugespitzte Aussage von einer wörtlichen Beschreibung des Publikums trennen. Dass ein Werk in Tarantinos eigener Erfahrung keinen Platz gefunden hat, bedeutet nicht, dass niemand es gesehen, in Erinnerung behalten oder diskutiert hat. Die Aussage bringt eine kulturelle Präferenz zum Ausdruck, liefert aber für sich genommen keine Messung der Zuschauerzahlen.
Seine Haltung lässt sich besser verstehen, wenn man zwei Zeitpunkte auseinanderhält: den Kinostart und das spätere Leben eines Films. Sich dafür auszusprechen, dass die erste Präsentation im Kino stattfindet, bedeutet nicht, zu bestreiten, dass man den Film später zu Hause ansehen kann. In der Diskussion geht es darum, welchen Platz die einzelnen Auswertungsfenster für die Identität und die öffentliche Verbreitung des Werks einnehmen.
Was sich verändert, wenn man das Erlebnis im Kino teilt
Bei einer Vorführung kommen Menschen zusammen, die sich denselben Zeitraum fürs Anschauen eines Films freigehalten haben. Anfang, Dauer und Ende stehen nicht jedem Zuschauer individuell zur Verfügung. Das kann die Konzentration fördern und dazu führen, dass eine lange Pause oder eine unangenehme Szene erlebt wird, ohne dass man sofort zum nächsten Titel wechseln kann. Perfekte Aufmerksamkeit ist damit nicht garantiert, aber es entsteht ein gemeinsamer Rahmen.
Auch die Reaktionen des Publikums gehören zu diesem Rahmen. Ein Lachen kann sich ausbreiten; eine Stille wird spürbar, wenn viele Menschen gleichzeitig aufhören, sich zu bewegen. Die Zuschauer behalten ihr eigenes Urteil, nehmen aber wahr, dass die Szene bei anderen Menschen etwas auslöst. Das Erlebnis besteht nicht allein darin, Bild- und Toninformationen aufzunehmen.
Der Kinostart schafft außerdem einen gemeinsamen zeitlichen Bezugspunkt. Ein Film findet zu einem erkennbaren Zeitpunkt Eingang in die Gespräche – mit Vorstellungen, Kritiken und Begegnungen, die sich um sein Erscheinen herum konzentrieren. Auch Plattformen können kollektive Ereignisse hervorbringen, doch ihre dauerhafte Verfügbarkeit gestaltet das Verhältnis zwischen Kinostart, Entdeckung und fortdauernder Präsenz anders. Wer diese Formen der Verbreitung gleichsetzt, kann ihre konkreten Vorteile und Grenzen nicht angemessen diskutieren.
Der Zugang zu Hause bietet echte Möglichkeiten, die bei einer Verteidigung des Kinos berücksichtigt werden müssen. Nicht jeder wohnt in der Nähe eines vielfältigen Filmangebots oder kann problemlos dorthin fahren. Die Verfügbarkeit zu Hause kann ein Werk einem Publikum zugänglich machen, das es beim Kinostart nicht hätte sehen können. Diese Funktion anzuerkennen bedeutet weder, die Erlebnisse für identisch zu halten, noch die Frage aufzugeben, was verloren geht, wenn eine Alternative verschwindet.
The Hateful Eight spricht gegen eine pauschale Ablehnung
2019 erklärte Tarantino gegenüber /Film seine Beteiligung an der Episodenfassung von The Hateful Eight für Netflix. Das ist eine entscheidende Nuance: Seine Kritik an Filmen, die für die Veröffentlichung auf Plattformen konzipiert sind, lässt sich nicht in die Behauptung umdeuten, er habe nie mit ihnen zusammengearbeitet. Der Film hatte bereits eine Kinoauswertung hinter sich, bevor er in dieser neuen Form präsentiert wurde.
Diese Unterscheidung macht zwei verschiedene Entscheidungen verständlich. Zum einen kann man ein Werk für den Kinostart konzipieren, zum anderen später seine Verbreitungsform überarbeiten. Dass beides nebeneinander bestehen kann, beweist nicht, dass der Regisseur alle Produktionsmodelle einer Plattform gutheißt. Es macht auch nicht automatisch jeden Vorbehalt, den er äußert, widersprüchlich. Um das Verhältnis zu beurteilen, muss man das konkrete Projekt und den Zeitpunkt seines Eingreifens berücksichtigen.
Ähnlich verhält es sich mit der Idee, fürs Fernsehen zu drehen. Eine Interessensbekundung, eine in einem Interview erörterte Möglichkeit und ein tatsächlich realisiertes Projekt sind unterschiedliche Stadien. Wer eines davon zu einem endgültigen Versprechen erklärt, kann künstliche Widersprüche erzeugen, wenn Gespräche verglichen werden, die Jahre auseinanderliegen. Die Haltung eines Filmemachers kann sowohl beständige Vorlieben als auch einzelne Entscheidungen umfassen, die zusätzlichen Kontext erfordern.
Der Ausdruck „Krieg gegen Netflix“ vereinfacht diese Komplexität und lenkt die Debatte auf eine persönliche Feindschaft. Zu untersuchen ist vielmehr, welche Bedingungen Tarantino für das Kino, das er machen möchte, als notwendig erachtet: ein erstes gemeinsames Erlebnis, eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit und eine Beziehung zur Erinnerung der Zuschauer. Anschließend lässt sich darüber diskutieren, ob diese Bedingungen nur im Kino erfüllt werden können oder auf andere Weise auch in anderen Umgebungen entstehen.
Die Verteidigung des Kinos wird konkreter, wenn es darum geht, die Wahlmöglichkeit zu bewahren. Ein Film kann lange zu Hause verfügbar sein und zuvor dennoch eine gemeinsame Leinwand gebraucht haben; ein anderer findet sein Publikum vielleicht vor allem außerhalb des Kinos. Tarantino räumt dem ersten Erlebnis Vorrang ein. Wer diesen Vorrang versteht, kann seine Argumente diskutieren, ohne sie automatisch als Abwertung von Zuschauern zu verstehen, die Filme über eine Plattform entdecken.
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