Cinema Speculation verbindet Erinnerung und Kritik. Tarantino kehrt zu Filmen zurück, die seine Entwicklung geprägt haben, um zu erörtern, wie sie funktionieren und wie sie anders hätten sein können.
Ein Filmbuch aus persönlicher Erfahrung
Cinema Speculation erschien am 1. November 2022 auf Englisch bei Harper. Es ist ein Sachbuch und unterscheidet sich von der Romanfassung von Once Upon a Time in Hollywood. Es ist nach amerikanischen Filmen gegliedert, vor allem aus den Siebzigerjahren, und verbindet persönliche Erinnerungen, kritische Urteile und Fragen zu den Entscheidungen, die diese Werke geprägt haben.
Das Inhaltsverzeichnis vermittelt einen Eindruck von der Bandbreite, ohne dass man das Buch mit einer umfassenden Geschichte des Jahrzehnts verwechseln sollte. Es enthält Kapitel über Bullitt, Dirty Harry, Deliverance, The Getaway, The Outfit, Taxi Driver und Rolling Thunder, neben weiteren Titeln. Der Zeitraum reicht von den späten Sechzigern bis zu The Funhouse aus dem Jahr 1981. Diese Eckdaten umreißen die Entwicklung eines Kinogängers und keinen starr abgegrenzten Zeitraum.
Dieser Unterschied ist für die Lektüre wichtig. Man kann von einer kritischen Erinnerung nicht verlangen, allen Strömungen des Weltkinos gleich viel Raum einzuräumen. Wohl aber kann man erwarten, dass Begeisterung auf Beobachtungen beruht und Hypothesen nicht an die Stelle von Fakten treten. Der Reiz des Buches liegt in diesem Zusammenspiel: Der Autor erzählt, wie ein Film ihn erreicht hat, und versucht anschließend zu erklären, warum es sich lohnt, weiter über ihn zu diskutieren.
Die Lektüre wird ergiebiger, wenn man zwei Zeitpunkte im Blick behält: die Begegnung des Kindes oder Jugendlichen mit einer Filmvorführung und den erwachsenen Filmemacher, der mit einer anderen beruflichen Erfahrung auf diese Erinnerung zurückkommt. Beide Perspektiven können sich gegenseitig erhellen, sind aber nicht gleichzusetzen. Eine erinnerte Reaktion steht nicht stellvertretend für das gesamte Publikum; eine spätere Erklärung gibt die ursprüngliche Wahrnehmung nicht unverändert wieder.
Schauspieler, Genres und Filme, die hätten entstehen können
David Bordwell hob in seiner Besprechung vom November 2022 hervor, welche Bedeutung Schauspieler, Figuren, Dialoge und die Reaktion des Publikums im Buch haben. Außerdem betonte er den Gegensatz, den Tarantino zwischen Filmemachern zieht, die Genres infrage stellen, und solchen, die sie aus Zuneigung erneuern wollen. Diese Beobachtung hilft zu verstehen, warum sich seine Kritik eher mit der Präsenz eines Schauspielers oder einer Dialogzeile befassen kann als mit einer technischen Beschreibung der Kamera.
Der Schauspieler erscheint nicht bloß als jemand, der den Plan des Regisseurs ausführt. Er bringt Erwartungen mit: eine bestimmte Art, sich zu bewegen, frühere Rollen und ein Bild, das das Publikum wiedererkennt. Bei Steve McQueen in Bullitt lässt sich fragen, wie sehr der Film davon abhängt, dass man ihn spielen sieht, ohne dass er alles erklären muss, was ihm durch den Kopf geht. Damit rückt die Darstellung ins Zentrum des Erlebens, statt als bloßes Beiwerk der Handlung zu gelten.
Der Titel des Buches findet seinen deutlichsten Ausdruck in dem Kapitel, das sich Taxi Driver unter der Regie von Brian De Palma statt Martin Scorseses vorstellt. Diese Alternative ist ein kritisches Gedankenspiel und kein Hinweis darauf, dass eine solche Fassung existiert. Ihr Nutzen liegt darin, genauer zu bestimmen, was den tatsächlichen Film ausmacht: Was würde sich an Ton, Verhältnis zur Hauptfigur oder Inszenierung ändern, wenn eine andere künstlerische Sensibilität ihn prägte?
Das Verfahren lässt sich auf eine imaginäre Besetzung oder eine Drehbuchentscheidung übertragen, muss aber als hypothetisch erkennbar bleiben. Eine Möglichkeit ist anregend, wenn sie etwas sichtbar macht, das zuvor unbemerkt blieb. Sie verliert an Kraft, wenn sie die Analyse durch den Wunsch nach einem nicht existierenden Film ersetzt. Das Buch aufmerksam zu lesen heißt auch, die Fantasie des Autors zu genießen, ohne seine Alternativen für Produktionsfakten zu halten.
Die Kapitel über Werke, die in den üblichen Bestenlisten weniger präsent sind, erweitern zudem den Blick des Lesers. Das Inhaltsverzeichnis stellt The Outfit und Paradise Alley neben wesentlich häufiger zitierte Titel. So lässt sich über Genrefilme sprechen, ohne zu erwarten, dass all ihre Leistungen die Form eines Meisterwerks annehmen. Eine schauspielerische Leistung, eine Beziehung zwischen Figuren oder eine Auflösung kann Aufmerksamkeit verdienen, die ihr der allgemeine Ruf bislang nicht eingeräumt hat.
Wie man Begeisterung und Widerspruch für sich nutzen kann
Das Buch eignet sich besonders gut als Begleiter zu Filmvorführungen. Liest man ein Kapitel nach dem Film, kann man Aussagen mit Szenen abgleichen, die einem noch präsent sind. Vorher gelesen, kann es die Aufmerksamkeit lenken, aber auch Einzelheiten der Handlung vorwegnehmen. Es ist keine Sammlung, die systematisch alle Überraschungen für Leser bewahren soll, die die besprochenen Werke noch nicht kennen.
Auch sein persönlicher Ton verlangt keine Zustimmung. Ein zugespitzter Satz kann unterhaltsam sein und dennoch Widerspruch verdienen. Man kann die Beschreibung eines Stilmittels teilen und zugleich anderer Meinung darüber sein, welchen Wert Tarantino ihm beimisst. Diese Möglichkeit unterscheidet Kritik von einer bloßen Konsumanweisung: Entscheidend ist, was sie sichtbar macht – selbst wenn sie nicht restlos überzeugt.
Der Bezug zu Pauline Kael als kritischer Referenz hilft, diese Stimme einzuordnen, während seine Filmkritiken das kritische Arbeiten in Texten eines anderen Formats zeigen. Cinema Speculation bietet mehr Raum, um Erinnerungen, Filme und Argumente miteinander zu verbinden. Sein größter Nutzen liegt nicht darin, Tarantinos Geschmack zum verbindlichen Kanon zu erheben, sondern ein konkretes Gespräch über Bilder anzustoßen, die weiterhin Freude, Unbehagen und Widerspruch auslösen.
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