Seine kritischen Texte ermöglichen es, einer vollständigen Argumentation zu folgen – mit Begeisterung, Einwänden und Vergleichen, die eine Liste von Lieblingsfilmen nur andeutet.
Ein Archiv gezeichneter Texte, nicht bloß eine Summe von Schlagzeilen
Der Bereich Tarantino’s Reviews von New Beverly versammelt von Quentin Tarantino gezeichnete Filmkritiken. Dazu gehören ausführliche Essays und kürzere Formate, deren Datums- und Autorenangaben erhalten bleiben sollten. Nicht alles, was auf der Website des Kinos veröffentlicht wird, stammt aus seiner Feder: Nachrichten, Programmankündigungen und Beiträge von anderen Autoren erfüllen unterschiedliche Funktionen. Den Autor zu identifizieren, ist der erste Schritt, um zu wissen, was man gerade liest.
Ein Beispiel ist American Graffiti, veröffentlicht am 29. Juni 2022. Tarantino stellt Lucas’ Film neben The Last Picture Show und Summer of ’42 und untersucht verschiedene Formen der Nostalgie. Außerdem betrachtet er Curts Widerstand dagegen, seine Gemeinschaft zu verlassen, und äußert Vorbehalte gegenüber der Besetzung mit Bo Hopkins. Seine allgemeine Bewunderung hält ihn nicht davon ab, eine konkrete Entscheidung zu hinterfragen.
Der Text eröffnet eine Möglichkeit, die verloren geht, wenn nur ein einzelner Satz die Runde macht: eine Bewertung mit dem Filmelement in Verbindung zu bringen, das sie auslöst. Leser können prüfen, ob das Beispiel überzeugt, ob die Argumentation ihre Reichweite beibehält und ob der Einwand das Urteil über das Ganze tatsächlich verändert. Eine Rezension ist nicht nur wegen der Bekanntheit ihres Verfassers wertvoll, sondern auch wegen dieses Gedankengangs.
Vom ausführlichen Essay bis zu kurzen Notizen
Zum Archiv gehören auch Grindhouse Mini Reviews, eine Sammlung von Kommentaren zu Exploitationfilmen. Bei den Autorenangaben ist besondere Aufmerksamkeit geboten: Es finden sich Texte von Tarantino, von Jim oder James Sheldon sowie gemeinsam gezeichnete Beiträge. Die allgemeine Überschrift einer Seite sollte diese Unterscheidungen nicht verwischen. Die Zuordnung zu Sheldon hat zu widersprüchlichen Zuschreibungen geführt; bei der Suche nach einem Text sollte man die veröffentlichte Autorenangabe beibehalten, statt diese Frage durch eine Vermutung zu entscheiden.
Der unterschiedliche Umfang verändert die Erwartungen. Eine kurze Notiz kann eine denkwürdige schauspielerische Leistung, ein Tempoproblem oder den Reiz einer Prämisse benennen. Ein Essay kann Vergleiche ausführen und sich mit einer Szene näher befassen. Keines der beiden Formate ist grundsätzlich überlegen; entscheidend ist, ob der verfügbare Raum ausreicht, um die Behauptung zu stützen. Für eine pointierte Aussage braucht es weniger Worte als für ihren Beleg.
Auch der Kontext des New Beverly Cinema beeinflusst die Lektüre. Eine Rezension kann den Wunsch wecken, einen Film zu entdecken oder ihn in einer bestimmten Kopie erneut anzusehen. Diese Verbindung zur Vorführung macht nicht jeden Text zu Werbung. Filmkritik kann das Publikum orientieren und sich zugleich die Freiheit bewahren, eine misslungene Interpretation oder eine nicht ganz überzeugende Konstruktion zu benennen.
Auch zwischen einer schriftlichen Rezension und einem Interviewtranskript sollte man unterscheiden. Im ersten Fall bestimmt der Autor den Gedankengang des Textes; im zweiten können eine Frage, eine Unterbrechung oder der Gesprächsrhythmus einen Themenwechsel erklären. Beide sind wertvolle Quellen, sollten aber nicht so dargestellt werden, als seien sie auf dieselbe Weise entstanden. Die Überschrift einer späteren Nachricht fügt eine weitere Auswahlstufe hinzu.
Wie man seine Filmkritik nutzen kann
Die Rezension zu The Lady in Red, die von New Beverly verbreitet und im Februar 2020 erneut veröffentlicht wurde, bietet einen weiteren Einstieg. Tarantino würdigt John Sayles’ Drehbuch für Lewis Teagues Film und zählt es zu den ambitioniertesten Beispielen des Exploitationkinos. Sein Blick auf andere Drehbuchautoren und Filme zeigt, dass diese Bewertung eine Vergleichstradition voraussetzt und nicht nur ein begeistertes Adjektiv.
Das Beispiel lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Bereich, den Regisseurlisten in den Hintergrund rücken können: Wer einen Film geschrieben hat und wie seine Struktur die Figuren trägt. Die gemeinsame Lektüre mit American Graffiti ermöglicht den Vergleich zweier Themenschwerpunkte: der Gestaltung kollektiver Erinnerung und dem Anspruch einer Erzählung, die innerhalb des Exploitationkinos entstanden ist. Es geht um konkrete Filme, nicht nur um das Ansehen ihrer Urheber.
Zum Archiv gehört auch der Essay Wang Yu: Superstar! Super Director!, datiert auf den 23. April 2020. Anhand des Titels lässt sich ein Beitrag über eine Persönlichkeit finden, die Schauspiel und Regie vereint. Zusammen mit Lucas und Teague erweitert er den Blick auf unterschiedliche Industrietraditionen und Formen des Actionkinos. Die Vielfalt des Archivs wird deutlicher, wenn man einzelne Texte identifiziert, statt es in eine undifferenzierte Empfehlungsliste zu verwandeln.
Einwände in einer positiven Rezension sind besonders aufschlussreich. Sie zeigen, was für die Bewertung des Autors am meisten zählt. Eine fragwürdige schauspielerische Leistung muss das Gesamtwerk nicht ruinieren, während ein scheinbar kleines Detail die Glaubwürdigkeit einer Szene beeinträchtigen kann. Wer nur negative Kritiken liest, macht aus einer Bewertungspraxis ein Verzeichnis von Verrissen; die Seite über Filme, die Tarantino kritisiert hat gehört zu diesem enger gefassten Bereich.
Hilfreich ist es auch, nach der Lektüre zum Film zurückzukehren. Die Argumentation kann unsere Aufmerksamkeit auf eine Reaktion, einen Übergang oder eine räumliche Beziehung gelenkt haben, die uns zuvor entgangen war. Dafür muss man die Meinung des Kritikers nicht übernehmen. Manchmal bestätigt ein zweiter Blick die Beobachtung und führt zu einer anderen Bewertung, weil das, was für den einen ein Mangel ist, für den anderen zum Reiz gehört.
Seine in Cinema Speculation versammelten Essays bieten ein weiteres Format für diesen Austausch – mit eigener Entwicklung und Gliederung. Die digitalen Rezensionen sind als einzelne, durch Titel, Verfasser und Datum identifizierbare Beiträge weiterhin wertvoll. Am besten nutzt man das Archiv, indem man von der Meinung zum Film und mit einer präziseren Frage wieder zurückgeht, ohne die Autorität eines bewunderten Regisseurs als Verpflichtung zu verstehen, ihm zuzustimmen.
Hier geht es zum Leitfaden über Tarantinos Bücher, Filmkritiken und Filmprojekte.
