Der weiße Dodge Challenger ist ein cineastischer Traum der Protagonistinnen, bevor er zum Mittelpunkt der Verfolgungsjagd wird. Sie bekommen ihn für eine Probefahrt, nicht durch eine Anmietung.
Der Film, den die Protagonistinnen selbst erleben wollen
Zoë möchte einen Dodge Challenger fahren wie den aus Vanishing Point, in Spanien bekannt unter dem Titel Punto límite: cero. Der Verweis fällt im Dialog und spiegelt ihre Begeisterung für das Auto wider. Es ist kein versteckter Hinweis, den das Publikum durch den Vergleich von Bildern entdecken muss: Die Figur spricht ihn aus und macht die Suche nach dem Wagen zu einem gemeinsamen Vorhaben mit ihren Freundinnen.
Das weiße Modell von 1970 ist mit einem früheren Kinoerlebnis verbunden. Sein Reiz beschränkt sich nicht auf Geschwindigkeit oder technische Daten. Für Zoë ermöglicht das Fahren, einem Film, den sie kennt, ganz nah zu kommen. Death Proof macht diese Beziehung zwischen Zuschauerin und Auto zum Handlungsmotiv, bevor Mike den Angriff beginnt.
Die Frauen entdecken ein zum Verkauf angebotenes Auto und handeln mit seinem Besitzer eine Probefahrt aus. Dieser Zusammenhang ist wichtig: Es handelt sich weder um ein Fahrzeug, das sie bei einer Autovermietung geliehen haben, noch um einen abgeschlossenen Kauf. Die Situation gewährt ihnen eine begrenzte Erlaubnis, die sie für eine Fahrt nutzen, über deren Einzelheiten der Besitzer nicht vollständig Bescheid weiß. Die Szene enthält Täuschung und Humor, aber auch ein unangenehmes Machtgefälle, wenn Lee warten muss.
Den Wagen als exakte Replik des Autos aus Vanishing Point zu bezeichnen, würde eine Überprüfung sämtlicher Komponenten voraussetzen. Die belegbare Verbindung ist visuell und wird im Dialog ausdrücklich benannt: Modell, Farbe und cineastische Identifikation. Für die Hommage muss nicht jedes während der Dreharbeiten verwendete Fahrzeug Teil für Teil mit den Autos aus dem Film von 1971 übereinstimmen.
Ein Raum der Freundschaft wird zum Ort der Gefahr
Die Fahrt bringt Kim am Steuer, Abernathy und Zoë in einer Situation zusammen, die Vertrauen und Uneinigkeit verbindet. Nicht alle verfügen über dieselbe Berufserfahrung oder reagieren gleich begeistert auf den Vorschlag. Das Gespräch darüber, was sie vorhaben, macht ihre Unterschiede deutlich, bevor die äußere Gefahr ihnen die Möglichkeit nimmt, in Ruhe zu verhandeln.
Das Spiel namens Ship’s Mastnutzt die Motorhaube als Ort der Zurschaustellung. Seine Funktion in der Handlung besteht darin, das vorherige Vertrauen zwischen den Beteiligten sichtbar zu machen und anschließend zu zeigen, wie ein Angreifer die Bedingungen dieses Vertrauens verändert. Die Sequenz muss nicht als Anleitung zur Ausführung erläutert werden: Entscheidend ist, dass eine Person außerhalb des üblichen Schutzes des Fahrzeuginnenraums bleibt.
Durch die weiße Karosserie hebt sich Zoës Körper deutlich von der Fahrzeugoberfläche ab. Als sich der Charger nähert, kann das Publikum die unmittelbare Gefahr erfassen, ohne dass sie erklärt werden muss. Die Bildkomposition verbindet Auto und Person in derselben konkreten Situation. Das Auto ist nicht länger nur ein kultureller Bezugspunkt, sondern wird zu einem Ort des Widerstands.
Kims fahrerisches Können erhält nun eine dramatische Dimension. Beim Fahren geht es nicht mehr darum, das bewunderte Objekt zu genießen, sondern auf Angriffe zu reagieren, die ihre Freundin unmittelbar treffen. Das Auto macht diese Verantwortung in der Bewegung sichtbar. Jedes Manöver hat Folgen für jemanden, der darauf ungeschützt bleibt.
Das Gespräch über den Challenger lässt das Publikum außerdem eine gemeinsame Leidenschaft kennenlernen, ohne dass die Figuren biografisch vorgestellt werden müssen. Der Verweis fällt zwischen Menschen, die darüber diskutieren und ihn einordnen können. Das Auto bietet so zunächst einen Gesprächsstoff für die Freundinnen, bevor es zu einer Frage des Überlebens wird. Selbst als sich das Ziel der Fahrt ändert, bleibt etwas von der anfänglichen Begeisterung erhalten.
Von der Hommage zur eigenen Antwort
Die Verbindung zu Vanishing Point bestimmt nicht den Ausgang von Death Proof. Tarantino greift ein bekanntes Fahrzeug auf und stellt es in einen anderen Zusammenhang zwischen den Figuren. Im Mittelpunkt steht nun nicht mehr ein einsamer Fahrer, den die übrigen Figuren von außen beobachten, sondern eine Gruppe von Frauen, deren Zusammenarbeit das Geschehen verändert. Der Verweis bildet den Ausgangspunkt für eine andere Situation.
In der abschließenden Verfolgungsjagdgeht der Challenger vom Ziel des Angriffs dazu über, an der Gegenwehr mitzuwirken. Diese Veränderung verleiht der anfänglichen Begeisterung eine neue Bedeutung. Die Leidenschaft für das Kino und die berufliche Erfahrung bleiben nicht bloße Gesprächsthemen: Sie helfen zu zeigen, wer die Menschen sind, die Mike angegriffen hat. Sein Fehler besteht darin, sie auf eine vermeintlich bekannte Opfergruppe zu reduzieren.
Der Machtwechsel bedeutet nicht, dass das Auto über magische Fähigkeiten verfügt. Es bleibt eine Maschine, die Stößen und Schäden ausgesetzt ist. Was sich ändert, ist die Initiative der Gruppe und ihre Bereitschaft, den Angreifer zu verfolgen. Eine ausführliche Betrachtung dieser Wendung gehört zum Ende von Death Proof, während das Auto die sichtbare Grundlage für diese Umkehr bildet.
Außerdem muss zwischen dem fiktiven Fahrzeug und den bei der Produktion verwendeten Wagen unterschieden werden. Die Actionszenen mit Fahrzeugen entstehen mithilfe von Profis, sorgfältiger Vorbereitung und Schnitt. Die Arbeit der Stuntleuteermöglicht eine Kontinuität, die nicht mit einer einzigen spontanen Aufnahme gleichzusetzen ist. Die Bewunderung für den Challenger erklärt vielleicht den Wunsch der Protagonistinnen; die Dreherfahrung erklärt, wie dieser Wunsch in Actionszenen umgesetzt wird.
Mehr dazu im Death-Proof-Guide.
