Mia Wallace, gespielt von Uma Thurman in Pulp Fiction, tritt in die Geschichte ein, nachdem andere Männer bereits über sie gesprochen haben. Sie ist die Frau von Marsellus Wallace, und Vincent erhält den Auftrag, sie einen Abend lang zu begleiten. Diese Stellung prägt den Umgang mit ihr, noch bevor die beiden sich kennenlernen können. Als Mia zu sprechen beginnt, kommen ihre eigenen Interessen zum Vorschein: ausgehen, tanzen, sich an eine Erfahrung als Schauspielerin erinnern und ein anregendes Gespräch führen.
Ihr Selbstbewusstsein hat unterschiedliche Facetten. Sie kann den Plan bestimmen und darauf bestehen, ihn umzusetzen, fürchtet aber auch, dass eine Anekdote nicht komisch sein könnte, oder fragt, wie man gemeinsam schweigen kann, ohne sich unwohl zu fühlen. Diese Unsicherheiten helfen, eine Figur zu verstehen, deren Präsenz oft durch die Entschiedenheit ihrer Gesten auffällt.
Der Abend zeigt sowohl ihre Initiative als auch, wie sehr sie einem schweren Fehler ausgesetzt ist. Der Film lässt diese Handlungen mitverfolgen, ohne ihr eine geheime Absicht zu unterstellen, sich selbst zu schaden. Ihr Überleben und das anschließende Gespräch gehören ebenso zu ihrer Charakterzeichnung wie ein visuelles Erscheinungsbild, das Kostüm und Darstellung gemeinsam prägen.
Eine Gastgeberin, die die Initiative ergreift
Mias Stellung als Frau von Marsellus hat in Pulp Fiction (Quentin Tarantino, 1994) praktische Folgen. Vincent soll sie unterhalten und ist sich der Verantwortung bewusst, die sein Chef ihm übertragen hat. Sie genießt den Komfort des Hauses und kann selbst entscheiden, wie sie den Abend verbringen möchte. Diese Situation kann sie nutzen, um den Abend zu gestalten. Der Film verortet sie in einem konkreten Gefüge aus Geld, Ehe und beruflichem Gehorsam.
Zu Beginn der Vincent-und-Mia-Episode organisiert sie den Empfang, ohne sofort neben ihrem Gast aufzutauchen. Sie hinterlässt ihm eine Nachricht, beobachtet ihn über die Überwachungsmonitore im Haus und weist ihn über die Gegensprechanlage an. Vincent muss das Gerät finden und ihren Anweisungen folgen. Mia macht aus dem Warten ein kleines Spiel; mit ihrer Stimme und den Bedienelementen kann sie die Begegnung von einem anderen Zimmer aus lenken. Schon ihre Einführung zeigt, wie sie handelt.
Anschließend hält sie an ihrer Wahl von Jack Rabbit Slim's fest, obwohl Vincent zunächst dagegen ist. Als der Wettbewerb angekündigt wird, möchte sie teilnehmen und die Trophäe gewinnen. Um den Widerstand ihres Begleiters zu überwinden, erinnert sie ihn an den Auftrag von Marsellus. Der Tanz von Mia und Vincent entsteht aus ihrem beharrlichen Drängen. In dieser konkreten Situation weiß sie ihre Stellung zu nutzen: Vincent kann den Plan kaum ablehnen, ohne den Auftrag zu missachten.
Reden, zuhören und sich verletzlich zeigen
Beim Abendessen mit Vincent ist Mia ebenfalls auf die Mitwirkung ihres Gegenübers angewiesen. Indem sie von der Fernsehserie erzählt, an der sie mitgearbeitet hat, kann sie sich als jemand mit Erfahrung und eigenen Ambitionen präsentieren. Dennoch zögert sie, den Witz ihrer Figur zu erzählen, weil sie Angst hat, damit zu enttäuschen. Dieselbe Frau, die den Wettbewerb vorantreibt, kann sich angesichts einer viel kleineren Bewertung unwohl fühlen: der Reaktion einer einzigen Person auf einen Witz.
Ihre Bemerkung über das Schweigen deutet auf eine Vertrautheit hin, über die die beiden noch verhandeln. Mia sagt, sie würde gern mit jemandem zusammen sein können, ohne jede Gesprächspause füllen zu müssen; Vincent erinnert sie daran, dass sie sich kaum kennen. Sie hört seine Antwort und überlässt es ihm, das nächste Thema zu finden. Das Gespräch kommt voran, weil beide sich daran beteiligen. Mias Selbstbewusstsein macht es nicht überflüssig, auf das richtige Tempo und die Vorbehalte ihres Begleiters zu achten.
Als das Gerücht über die Fußmassage zur Sprache kommt, weist Mia Vincents Version zurück. Sie erklärt, dass Antwan ihr bei ihrer Hochzeit lediglich die Hand geschüttelt habe, und überlässt es Marsellus und Antwan, den Grund für den Angriff zu kennen. In der Beziehung zwischen Mia und Vincent lässt sich diese Antwort als Aufforderung verstehen, ihr direkt zuzuhören. Vincent muss einsehen, dass er eine kursierende Geschichte mit verlässlichen Informationen über sie verwechselt hatte.
Zurück zu Hause genießt Mia weiterhin die Musik, während Vincent sich zurückzieht. Dann kommt es zur Verwechslung von Heroin und Kokain und zur Überdosis. Der Vorfall schränkt ihre Handlungsfähigkeit abrupt ein: Sie ist nun auf die Hilfe anderer angewiesen. Die Suche nach Vergnügen, die sie im Laufe des Abends gezeigt hat, erklärt diesen Fehler nicht von selbst und rechtfertigt es auch nicht, ihn als Todeswunsch zu deuten.
Mia überlebt und fährt mit Vincent nach Hause. Anschließend erzählt sie aus eigenem Antrieb den Witz, den sie noch offen hatte. Das lässt sich als bescheidene Wiederaufnahme des Gesprächs deuten: Sie kann noch immer entscheiden, was sie erzählt und wann. Die Szene gibt Mia das Wort zurück, nachdem andere eine Weile über ihren bewusstlosen Körper gesprochen und Entscheidungen getroffen hatten.
Eine Präsenz, geprägt von Gesten und Kostüm
In Fashionista (6. August 2014) erklärte Betsy Heimann gegenüber Cheryl Wischhover, sie habe Mia als weibliche Version der Figuren aus Reservoir Dogs entworfen. Wischhover erinnerte sich daran, sich 1994 zu Halloween als Mia verkleidet zu haben. Der Bericht verbindet eine Designabsicht mit einem individuellen Beispiel dafür, wie die Figur aufgenommen wurde. Das weiße Hemd und die dunkle Hose prägen den visuellen Kontrast der Figur.
Das Kostüm von Mia Wallace schafft eine Silhouette, die auch dann klar erkennbar bleibt, wenn sie ihre Haltung ändert oder zu tanzen beginnt. Die Kontur ihrer Haare rahmt das Gesicht ein und lenkt den Blick auf ihre Augen. Diese Elemente wirken mit Thurmans Darstellung zusammen: eine Frage im Raum stehen lassen, auf eine Antwort warten oder die Hand heben, um am Wettbewerb teilzunehmen – solche kurzen Handlungen machen ihre Art, eine Szene einzunehmen, unverwechselbar.
Die Geste, mit der sie Vincents Einwand gegen das Restaurant zurückweist, wird sogar grafisch fortgeführt: Der Film ergänzt die Figur, die sie in die Luft zeichnet, um eine gepunktete Linie. Dieser Eingriff verbindet Mia mit einer sehr direkten visuellen Komik. Ihr spielerischer Umgang mit ihrem Gegenüber verlagert sich vom Dialog ins Bild, ohne dass sie erklären muss, warum sie gerade an diesen Ort möchte.
Wenn die Situation verletzlich wird, verändert die Darstellung auch diese Präsenz. Ihr Interesse an Vincents Reaktion auf den Witz und die Schwere der späteren Krise verhindern, dass sie den ganzen Abend über eine einzige Haltung beibehält. Die Kleidung sorgt für Kontinuität zwischen diesen Momenten, während sich Stimme, Bewegung und ihre Fähigkeit zu antworten verändern. So bleibt die visuelle Figur unverwechselbar, während die Figur unterschiedliche Zustände durchlebt.
Mias Auftritt vor dem Publikum im Restaurant verrät ein charakteristisches Detail: Sie nimmt das Mikrofon, nennt ihren Namen und stellt auch Vincent vor. Der Abspann von Pulp Fiction (Words in Pictures, 25. Juli 1994) zeigt diesen Auftritt vor dem Tanz. Sie übernimmt es, für das Tanzpaar zu sprechen – eine kurze öffentliche Ausweitung der Initiative, die sie schon bei der Wahl des Plans gezeigt hatte.
Ihr Name wird dort zusammen mit ihrem Familienstand genannt. Diese Art der Vorstellung hält Marsellus auch dann in der Situation präsent, wenn er nicht anwesend ist. Das Kapitel hatte sie bereits über ihre Ehe eingeführt; auf der Bühne nimmt Mia diese Identifikation auf und spricht selbst zum Publikum. An der Geste lässt sich beobachten, wie ihre gesellschaftliche Stellung und ihre Freude daran, sich einzubringen, nebeneinander bestehen. Für kurze Zeit macht sie aus einem Ausflug, den der Angestellte ihres Mannes begleiten sollte, eine Darbietung, die sie selbst angestoßen hat.
