Holdaway ist der Polizist, der Freddy Newandyke darauf vorbereitet, eine Verbrecheridentität aufrechtzuerhalten in Reservoir Dogs. Randy Brooks spielt diesen Mentor, dessen Beziehung zu Mr. Orange sich um dessen Ausbildung dreht. Er gibt ihm Übungsmaterial und hört ihm zu, während er es vorträgt. Seine Autorität zeigt sich in diesen konkreten Aufgaben.
Das Interessante an der Figur ist die Vorarbeit, die es einem anderen Mann ermöglicht, die Szene zu beherrschen. Holdaway muss Freddy mit Übungen, die er einstudieren kann, beibringen, überzeugend zu wirken. Seine Anwesenheit gibt der Vorbereitung ein Gegenüber: Der Agent hat jemanden, vor dem er das Gelernte erproben und mit dem er das Ziel der Darstellung teilen kann.
Zwischen beiden besteht ein für die Probe hilfreicher Positionsunterschied. Holdaway kennt den Ursprung der Geschichte und kann sich darauf konzentrieren, wie sie erzählt wird. Sein Schüler muss vor Menschen sprechen, die nichts von dieser Vorbereitung wissen. Der Mentor arbeitet genau an diesem Übergang: von einer gemeinsamen Übung zu einem Auftritt, der für sich allein bestehen muss.
Der Text, mit dem Freddy vorbereitet wird
Holdaway gibt Freddy einen vierseitigen Text und vergleicht die Arbeit eines Undercover-Agenten mit der von Marlon Brando. Der konkrete Verweis auf die Schauspielerei macht deutlich, was er verlangt: Der Agent muss einer Person, die nur als Tarnung existiert, Präsenz verleihen. Das schriftliche Material bildet für beide einen gemeinsamen Ausgangspunkt; es überzeugend vorzutragen, ist die Aufgabe des Schülers.
In der Besetzung von Reservoir Dogsspielt Randy Brooks die andere Seite dieser Beziehung. Seine Figur kennt die Täuschung und wirkt an ihrer Konstruktion mit. Während der Schüler versucht, die Geschichte zum Leben zu erwecken, behält der Mentor eine Position, von der aus er sie beurteilen kann. In der Interaktion müssen sowohl die Anstrengung des einen als auch die Fähigkeit des anderen, ihn anzuleiten, gleichzeitig spürbar sein.
Die Probe vor Holdaway
Bilge Ebiri hob am 16. Mai 2017 in The Village Voiceden Übergang hervor: Freddy lernt zunächst seine Seiten und spielt dann vor Holdaway an einer mit Graffiti bedeckten Wand. Durch diesen Wechsel kommt ein konkreter Zuhörer ins Spiel. Die Erzählung verlässt die einsame Arbeit und erhält eine Kommunikationssituation.
In seinem Essay für The New Yorker vom 8. Oktober 2017 deutete Tom Shone Holdaways Unterricht als Ausdruck von Tarantinos Ästhetik. Er betonte, wie wichtig es sei, sich die Details anzueignen und das Geschehene aus einer persönlichen Perspektive zu schildern.
Diese Anweisung zwingt dazu, Informationen und Charakter miteinander zu verbinden. Eine Angabe kann einen Ort beschreiben; zugleich kann ihre Auswahl zeigen, was dem Sprecher wichtig ist. Der Mentor verlangt eine Erfahrung, die von jemandem erzählt wird, den man wiedererkennt und der eigene Maßstäbe dafür hat, woran er sich erinnert und wie er es beschreibt.
Als erster Gesprächspartner nimmt Holdaway eine besonders anspruchsvolle Position ein: Er kennt die Täuschung bereits. Seine Aufmerksamkeit kann der Wirkung der Erzählung gelten, ohne dass er sie mit der Wahrheit verwechselt. Diese Distanz gibt der Probe ihren Sinn. Bei der Übung kann man innehalten und das Erzählte weiter ausarbeiten, denn beide verfolgen dasselbe Ziel; vor den Kriminellen würde es die Tarnung gefährden, wenn diese Zusammenarbeit auffiele.
Virginia Rodríguez Herrero ging in ihrer 2012 veröffentlichten Studie über das Publikum und den fiktionalen Pakt auf die Beziehung zwischen Holdaway und Freddy ein. Sie erschien in OBETS. Revista de Ciencias Sociales. Die Autorin ordnet das Beispiel einer Betrachtung der Glaubwürdigkeit zu: Ein Film muss eine Wirklichkeit schaffen, die das Publikum während der Vorführung annehmen kann.
An diesem Beispiel lassen sich zwei Arten der Akzeptanz unterscheiden. Die Kriminellen müssen Freddys Geschichte als Episode aus seiner Vergangenheit annehmen. Das Filmpublikum hingegen kann sich für diese Darstellung interessieren, obwohl es weiß, dass sie vorbereitet wurde. Seine Anteilnahme hängt davon ab, dass es die Funktionsweise der Szene akzeptiert und zugleich um die Täuschung weiß.
Holdaway macht die Arbeit sichtbar, die nötig ist, um diesen Effekt zu erzeugen. Wer beobachtet, wie eine Geschichte konstruiert wird, kann dem Erzähler mehr Aufmerksamkeit schenken: Wir wissen, was er erreichen will, und können beurteilen, ob seine Worte diesem Ziel gerecht werden. Die Fiktion behält ihre Wirkung, selbst wenn sie einen Teil ihrer Vorbereitung erkennen lässt.
