Gibt es Erlösung bei Tarantino? Bögen, Veränderungen und widerständige Figuren

Nicht alle Hauptfiguren müssen zu besseren Menschen werden, damit eine Geschichte ihren Abschluss findet. Bei Tarantino stehen moralische Veränderungen neben praktischem Lernen, gefestigten Identitäten und Gewohnheiten, die ins Verderben führen.

Ein Figurenbogen kann mehr verändern als nur die Moral

Von einem Figurenbogen zu sprechen bedeutet, eine Veränderung im Verlauf der Erzählung zu betrachten. Diese Veränderung kann beeinflussen, was jemand weiß, sich wünscht, glaubt oder zu tun vermag. Sie ist nicht immer gleichbedeutend mit Erlösung. Eine Hauptfigur kann Macht gewinnen, ohne mitfühlender zu werden, oder einen Verlust begreifen, ohne ihn zu überwinden. Wer diese Möglichkeiten auseinanderhält, kann Tarantinos Filme analysieren, ohne einen einzigen Maßstab für Entwicklung anzulegen.

Zudem lohnt es sich, verschiedene Strukturmodelle voneinander zu unterscheiden. Die mit Drehbuchratgebern verbundene Drei-Akt-Struktur und die Heldenreise sind unterschiedliche Modelle, auch wenn sie in populären Analysen manchmal miteinander kombiniert werden. Keines davon verlangt für sich genommen, dass alle Figuren am Ende moralisch geläutert sind. Zu behaupten, Tarantino lehne diese Modelle ab, weil seine Hauptfiguren gewalttätig sind, verwechselt die Form der Erzählung mit einer bestimmten ethischen Erwartung.

Ein Film kann eine relativ unveränderte Figur zeigen und zugleich die Welt um sie herum verändern. Ebenso kann er nach und nach Eigenschaften offenlegen, die bereits vorhanden waren, sodass sich eher unsere Wahrnehmung als die Person selbst verändert. Dieser Unterschied ist besonders nützlich bei Geschichten mit Zeitsprüngen. Eine Identität erst spät zu entdecken bedeutet nicht, dass die Figur diese Identität erst in dem Moment angenommen hat, in dem das Publikum sie kennenlernt.

Reservoir Dogs veranschaulicht diese Trennung zwischen Enthüllung und Veränderung. Die Entdeckung, dass Mr. Orange ein Polizist ist, ordnet unsere Sicht auf seine früheren Handlungen neu. Der Film zeigt nicht, dass er während des Versteckens zum Polizisten wird. Vielmehr verändert er die verfügbaren Informationen und zwingt uns, eine Vertrauensbeziehung neu zu bewerten. Der emotionale Bogen und der Umgang mit dem Geheimnis sind nicht dasselbe.

Jules eröffnet ausdrücklich die Möglichkeit der Erlösung

Jules widerlegt die absolute Behauptung, dass bei Tarantino niemand versucht, sich zu ändern. Nachdem er eine Situation überlebt hat, die er als außergewöhnlich deutet, beschließt er, sein Leben zu überdenken. Der Film verlangt nicht, dass das Publikum seine religiöse Erklärung teilt, um die Konsequenz zu verstehen: Jules schreibt dem Ereignis eine Bedeutung zu und nutzt sie, um die Gewalt infrage zu stellen, die er ganz selbstverständlich ausgeübt hat.

Die Begegnung im Café macht diese Absicht zur Bewährungsprobe. Jules ist weiterhin in der Lage, andere zu beherrschen und zu töten, versucht aber, die Bedrohung auf andere Weise zu lösen. Seine Veränderung besteht weder darin, jede Stärke zu verlieren, noch darin, sich nicht mehr verteidigen zu können. Sie besteht darin, zu hinterfragen, was er mit der Macht anstellt, über die er noch immer verfügt. Die Szene zeigt eine moralische Entscheidung in einer konkreten Situation.

Das garantiert nicht, dass er nie wieder einen Fehler macht. Die Erzählung endet, ohne sein weiteres Leben zu zeigen. Erlösung erscheint als eingeschlagene Richtung und erster Schritt in der Praxis, nicht als vollständiges Gütesiegel. Diese Einschränkung ermöglicht eine genauere Deutung: Der Film zeigt jemanden, der versucht, ein Verhalten nicht länger zu wiederholen, obwohl die Umstände, unter denen er es wiederholen könnte, fortbestehen.

Vincent bildet einen Kontrast, weil er demselben Ereignis keine vergleichbare Bedeutung beimisst. Dass er sich nicht verändert, ist kein Mangel der Figurenzeichnung. Dadurch gewinnt der Unterschied zwischen den beiden an Bedeutung. Zwei Menschen können dieselbe Erfahrung machen und unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen. Der Schnitt von Pulp Fiction verstärkt diese Trennung, indem das Publikum Folgen erfährt, die den Figuren noch unbekannt sind.

Jackie Brown erweitert ihren Handlungsspielraum

Jackie steckt zu Beginn in einem Netz von Abhängigkeiten: prekäre Arbeit, das Geld anderer, polizeiliche Überwachung und kriminelle Drohungen. Ihr Weg besteht darin, eine Möglichkeit zu finden, auf diese Bedingungen einzuwirken. Die Intelligenz, die sie beweist, taucht nicht erst am Ende aus dem Nichts auf. Der Film lässt das Publikum nach und nach eine Fähigkeit erkennen, die andere unterschätzen oder für ihre eigenen Zwecke einzusetzen versuchen.

Ihr Erfolg muss nicht als moralische Läuterung dargestellt werden. Sie täuscht, kalkuliert und geht Risiken ein, um sich einen Ausweg zu schaffen. Die dramatische Frage ist, wie viel Kontrolle sie über ihr Leben zurückgewinnen kann und welche emotionalen Kosten damit verbunden sind. Die Beziehung zu Max lässt sich nicht einfach durch Geld oder einen Sieg über einen Gegner lösen. Eine Chance zu erhalten bedeutet nicht, alle gewünschten Beziehungen bewahren zu können.

Max wiederum wird nicht durch eine spektakuläre Wandlung zu einem anderen Menschen. Der Film zeigt Aufmerksamkeit, Verlangen und Zögern innerhalb einer zurückhaltenden Persönlichkeit. Seine letzte Entscheidung lässt sich als Grenze oder als Wahl deuten, sollte aber nicht darauf reduziert werden, dass er gescheitert sei, weil er ein allgemeingültiges Heldenmodell nicht erfüllt. Auch Zurückhaltung kann eine dramatische Handlung sein.

Beatrix und Django verbinden Kontinuität mit Lernen

Während eines Großteils von Kill Bill hält Beatrix an ihrem Rachewillen fest, während die Informationen über ihre Mutterschaft und ihre Beziehung zu Bill die Tragweite dieses Willens verändern. Ihr Weg lässt sich nicht allein als Entwicklung von böse zu gut erklären. Dazu gehört auch, eine Identität und eine Beziehung wiederzugewinnen, die sie verloren glaubte, und sich den Folgen ihres früheren Lebens zu stellen.

Django gewinnt Fähigkeiten, Selbstvertrauen und Eigeninitiative, doch sein emotionales Ziel bleibt im Wesentlichen dasselbe. Die Veränderung liegt in seiner Stellung gegenüber der Welt und in den Mitteln, mit denen er handeln kann. Diese Entwicklung ermöglicht eine Erzählung persönlicher Emanzipation, ohne zu behaupten, sein Sieg löse das historische System der Sklaverei, das der Film darstellt, von selbst auf.

Tarantino verzichtet nicht auf Figurenbögen, sondern gestaltet sie unterschiedlich. Jules versucht, sein Verhalten zu ändern, Jackie gewinnt mehr Selbstbestimmung, Django lernt, aktiv einzugreifen, und Vincent hält an gefährlichen Gewohnheiten fest. Diese Unterschiede anzuerkennen ist ergiebiger, als von allen Erlösung zu verlangen oder sie allen abzusprechen. Eine Figur versteht sich aus dem, was sie verändert, dem, was sie beibehält, und dem Preis, den sie dafür zahlt, innerhalb einer bestimmten Geschichte zu handeln.

Siehe den Leitfaden zu Tarantinos Dialogen und Erzählstruktur.