Eine andere Reihenfolge der Ereignisse verändert, was wir erwarten, wem wir glauben und wie wir eine Entscheidung interpretieren. Tarantinos nichtlineare Erzählweise funktioniert auf verschiedene Arten und sollte nicht mit jedem Wechsel zwischen Figuren verwechselt werden.
Die Reihenfolge der Ereignisse und die Reihenfolge im Film
Eine Geschichte lässt sich chronologisch rekonstruieren, auch wenn der Film sie nicht in dieser Reihenfolge erzählt. Der Unterschied zwischen beiden Reihenfolgen ermöglicht es, Informationen zurückzuhalten, zu einem Ereignis zurückzukehren oder eine Entscheidung wegen ihres emotionalen Gewichts ans Ende zu stellen. Bei Tarantino verändert diese Anordnung die Beziehung des Publikums zu den Figuren. Etwas erst spät zu erfahren ist nicht dasselbe, wie es von Anfang an zu wissen – selbst wenn sich die Ereignisse, die wir schließlich erfahren, nicht ändern.
Reservoir Dogs beginnt im Umfeld eines Raubüberfalls, den der Film nicht als große zentrale Sequenz zeigt. Die Gegenwart der Überlebenden wird durch frühere Episoden unterbrochen, die Beziehungen und Vorbereitungen erklären. Weil der Überfall selbst ausgespart bleibt, richtet sich die Aufmerksamkeit auf seine Folgen: Verletzungen, Verdächtigungen und widersprüchliche Darstellungen. Die Struktur ist kein Rätsel, das einzig dazu dient, eine Lösung zu verbergen; sie lässt uns zuerst die Krise erleben und anschließend die Grundlagen des Vertrauens neu bewerten.
Mr. Oranges Rolle ist entscheidend. Die Information über seine Identität verändert, wie wir seine Beziehung zu Mr. White wahrnehmen. Eine Szene, die berufliche Solidarität zu zeigen schien, erhält eine andere Bedeutung, sobald wir von seiner verdeckten Ermittlungsarbeit erfahren. Die Erzählreihenfolge von Reservoir Dogsbewirkt diese Veränderung: Das Publikum verfügt während des gesamten Films nicht über denselben Wissensstand wie alle Figuren.
Ein Rückblick muss die Vergangenheit auch nicht umfassend erklären. Er kann die Episode auswählen, die eine bestimmte Beziehung verändert, und andere Lebensjahre auslassen. Diese Auswahl hält die Erzählung fokussiert. Es geht nicht darum, Biografien zu vervollständigen, sondern die Informationen zu liefern, die verändern, wie wir das Geschehen vor uns wahrnehmen. Die Chronologie dient als Mittel der Perspektivgestaltung.
Pulp Fiction und Kill Bill: zwei unterschiedliche Arten, die Handlung neu anzuordnen
In Pulp Fiction sehen wir Vincent, nachdem wir seinen Tod miterlebt haben, weil die Schnittfolge zu einem früheren Zeitpunkt zurückkehrt. Innerhalb der Geschichte wird er nicht wieder zum Leben erweckt. Durch die Verschiebung in der Zeit fallen die Position einer Szene im Film und ihre chronologische Position auseinander. So kann sich der Schluss auf Jules und die Möglichkeit einer Veränderung stützen, statt zwangsläufig mit dem letzten Ereignis im zeitlichen Ablauf zu enden.
Auch die Rückkehr ins Restaurant verändert unsere Wahrnehmung einer bereits begonnenen Episode. Zu Beginn lernen wir das Paar kennen, das den Überfall vorbereitet; am Ende wissen wir mehr über die Menschen, die an einem anderen Tisch sitzen. Die chronologische Reihenfolge von Pulp Fictionkann den tatsächlichen Ablauf verdeutlichen, doch die Filmerfahrung hängt gerade davon ab, dass wir ihn nicht als durchgehende Linie präsentiert bekommen. In der Begegnung verdichten sich emotionale Informationen, die sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten angesammelt haben.
Kill Bill gestaltet die Rache mit Zeitsprüngen, die Ziele, Teilergebnisse und Vorgeschichten in einer bewusst fragmentierten Abfolge zeigen. Die Liste gibt eine grundlegende Orientierung, während die Erzählung die Reihenfolge der Auseinandersetzungen verändert. Das Publikum kann dem Ziel der Protagonistin folgen, obwohl es noch nicht alle Einzelheiten ihrer Vergangenheit kennt. Dieses Ziel bietet einen festen Bezugspunkt innerhalb einer Erzählung, die Zeit und Erzählweise wechselt.
Das Training bei Pai Mei zeigt eine weitere Funktion der Rückblende. Ein früher erworbenes Wissen kann an der Stelle eingeführt werden, an der es hilft, eine spätere Fähigkeit oder Entscheidung zu verstehen. Die Chronologie von Kill Billund die Reihenfolge der Darstellung erfüllen unterschiedliche Aufgaben: Die eine erklärt, wann das Training stattfand; die andere bestimmt, wann wir davon erfahren sollen. Die Wirkung einer Fähigkeit hängt auch davon ab, zu welchem Zeitpunkt ihre Vorbereitung enthüllt wird.
Dieselbe Zeitspanne erneut durchlaufen, um andere Informationen zu entdecken
The Hateful Eight kehrt innerhalb desselben Schauplatzes zu früheren Ereignissen zurück, um zu zeigen, was bestimmte Figuren verheimlicht haben. Der Ort ändert sich nicht unbedingt, wohl aber unsere Sicht auf ihn. Menschen, die zufällig zusammengetroffen zu sein schienen, erweisen sich als durch frühere Ereignisse miteinander verbunden. Die Vergangenheit macht Details der Gegenwart zu Hinweisen, die wir zuvor nicht genau deuten konnten, und lässt das Publikum die bereits gesehenen Szenen gedanklich erneut durchgehen.
Die Reihenfolge der Kapitel von The Hateful Eightverbindet diesen Rückblick mit einer Situation, in der die Figuren eingeschlossen sind und die sich weiter zuspitzt. Die Rückblende schmälert die Bedeutung der Gegenwart nicht, sondern steigert sie, weil sie die Überlebens- und Täuschungsmöglichkeiten verändert. Die Enthüllung macht einen Plan verständlich, garantiert aber nicht, dass wir wissen, wie alles ausgeht. Zusätzliche Erkenntnisse können die Spannung erhöhen, statt sie vollständig aufzulösen.
Andere Filme erfordern eine weniger extreme Beschreibung. Zwischen Figuren zu wechseln, die denselben Tag erleben, ist Parallelmontage und bedeutet nicht unbedingt eine Abweichung von der chronologischen Reihenfolge. Once Upon a Time in... Hollywood verbindet gemeinsame Tage mit Erinnerungen und Ellipsen, doch seine Grundstruktur folgt einer erkennbaren Entwicklung. Auch Django Unchained bewegt sich größtenteils vorwärts, obwohl der Film Rückblicke einbezieht. Die gesamte Filmografie auf ein einziges Modell festzulegen, würde diese Unterschiede verwischen.
Die Kreisstrukturist eine weitere, verwandte, aber eigenständige Möglichkeit. Ein Film kann zu einer Anfangsszene zurückkehren und trotzdem einen komplexen zeitlichen Verlauf enthalten; er kann aber auch nichtlinear erzählt sein, ohne dort zu enden, wo er begonnen hat. Entscheidend ist, darauf zu achten, was sich durch die Neuordnung verändert: unsere Sympathie, ein Verdacht, die Bedeutung einer Handlung oder die Emotion des Schlusses. Bei Tarantino entfaltet die Zeit ihre Wirkung, wenn ihre Anordnung diese Beziehungen verändert und das Publikum zugleich dazu auffordert, die Ereignisse in eine Reihenfolge zu bringen.
Lies den Leitfaden zu Dialogen und Tarantinos Erzählstruktur.
