Bei Tarantino erscheint der Stuntman als jemand, der an körperliche Risiken gewöhnt ist und in der Nähe von Filmstars lebt. Cliff Booth und Stuntman Mike setzen diese Erfahrung auf sehr unterschiedliche Weise ein.
Zwei Stuntmen in unterschiedlichen Geschichten
Cliff Booth, gespielt von Brad Pitt in Once Upon a Time in Hollywood, arbeitet als Stuntdouble für Rick Dalton und übernimmt für ihn auch alltägliche Aufgaben. Stuntman Mike, gespielt von Kurt Russell in Death Proof, wird als Veteran des Stuntgeschäfts vorgestellt und fährt ein speziell präpariertes Auto, das Unfälle aushalten soll. Der Beruf bietet einen klaren Vergleichspunkt, begründet aber für sich genommen keine persönliche Beziehung zwischen den beiden.
Die Filme behaupten nicht, dass sie verwandt sind, gemeinsam gedreht haben oder verschiedene Versionen derselben Person darstellen. Ebenso wenig zeigen sie ein Gespräch, in dem Mike sich an Cliff erinnert oder Rick Russells Figur erwähnt. Verbindungstheorien können sich aus dem Beruf und einer Ähnlichkeit in ihrer Haltung ergeben, sollten aber als Vermutungen des Publikums gelten, solange es keine konkrete Bestätigung gibt.
Auch die Zeiträume unterscheiden sich. Cliff gehört zum Hollywood des Jahres 1969, während Death Proof in einem Umfeld spielt, das seiner Entstehungszeit entspricht. Ein zeitlicher Abstand, mit dem die Existenz von Stuntprofis verschiedener Generationen vereinbar wäre, beweist nicht, dass sich ihre Lebenswege kreuzen. Die Chronologie lässt Möglichkeiten zu, macht sie aber nicht zu Ereignissen.
Kurt Russell tritt in Once Upon a Time in Hollywood außerdem als Randy auf, einer anderen Figur als Stuntman Mike. Diese erneute Besetzung desselben Schauspielers sollte nicht dazu dienen, die Verbindung künstlich herzustellen. Tarantino arbeitet mit wiederkehrenden Darstellern und gibt ihnen eigenständige Rollen; das Wiedererkennen eines Gesichts kann filmische Erinnerungen wecken, ohne eine gemeinsame Identität zu schaffen.
Sichtbare Arbeit und erzählter Ruf
Cliff ist durch konkrete Handlungen mit Rick verbunden. Er fährt ihn, begleitet ihn und erledigt Aufgaben, die über seine Arbeit als Stuntdouble in einer gefährlichen Szene hinausgehen. Ihre Beziehung verbindet Arbeitsverhältnis, Freundschaft und Abhängigkeit. Seine Stellung in der Branche wird auch daran deutlich, wie schwer es ihm fällt, Arbeit zu finden, und welchen Ruf er bei anderen Profis bereits hat.
Mike nutzt Gespräche, um seine Erfahrung darzustellen. Er erwähnt frühere Arbeiten und erklärt Menschen, die seine Anspielungen nicht unbedingt verstehen, dass er Stuntman ist. Diese Distanz zwischen den Generationen trägt zu seiner Charakterisierung bei. Seine berufliche Vergangenheit besteht vor allem aus Geschichten, die er selbst erzählt; in der Gegenwart lässt sich beobachten, wie er Charme und Selbstsicherheit einsetzt, um Frauen näherzukommen.
Der Unterschied beeinflusst, wie sehr das Publikum den Figuren vertraut. Bei Cliff erleben wir eine beständige Beziehung und sehen, welche Aufgaben er übernehmen kann, auch wenn Teile seiner Biografie im Dunkeln bleiben. Bei Mike ist die Selbstdarstellung Teil einer Strategie, sich anderen anzunähern. Sein Beruf prägt das Bild, das er vermitteln möchte, bevor der Einsatz des Autos seine kriminelle Absicht offenbart.
Beide Figuren wissen, wie wertvoll ein Körper ist, der Schläge und Risiken aushalten kann. Stuntarbeit erfordert normalerweise jedoch eine Koordination, die unter kontrollierten Bedingungen bestimmte Bilder erzeugen soll. Mike verdreht dieses Prinzip, indem er einen technischen Vorteil auf Situationen überträgt, an denen andere weder freiwillig teilnehmen noch über denselben Schutz verfügen.
Gewalt erhält je nach erzählerischer Perspektive eine andere Bedeutung
Cliff ist von Mehrdeutigkeit umgeben. Die Geschichte vom Tod seiner Frau und sein gewalttätiges Verhalten machen es unmöglich, ihn zu einer moralisch durchschaubaren Figur zu erklären. Der Film lässt ihn Rick nahestehen und für das Publikum attraktiv wirken, ohne alle Fragen über ihn zu beantworten. Seine körperliche Stärke kann in einer bedrohlichen Situation Erleichterung verschaffen und zugleich Zweifel an seiner Vergangenheit wecken.
In Death Proof nimmt Mike eine deutlich stärker räuberische Rolle ein. Er sucht sich Opfer aus und macht sein Fahrzeug zu einer Waffe. Der Gegensatz zwischen der Sicherheit des Fahrers und der Gefährdung der Menschen in seiner Umgebung ist Teil des Schreckens. Seine Erfahrung dient dazu, ein bewusstes Machtgefälle zu schaffen, nicht dazu, Kollegen bei Dreharbeiten zu schützen.
In der zweiten Hälfte von Death Proof gerät dieser Vorteil ins Wanken, als Mike auf Frauen trifft, die sich wehren können. Dass einige von ihnen Stuntprofis sind, ist bedeutsam: Das Wissen um Risiken gehört nun nicht mehr allein ihm. Der Film wandelt die Verfolgungsjagd um und zeigt Mikes Verletzlichkeit, sobald die Gefahr nicht mehr so organisiert ist, dass sie seine Kontrolle garantiert.
In Once Upon a Time in Hollywood fügt sich Cliffs Verhältnis zur Gefahr in eine Geschichte über Freundschaft, Arbeit und den Wandel einer Branche ein. Seine Fähigkeiten tragen eine Überlebensfantasie in einer veränderten Vergangenheit. Das unterscheidet ihn von dem Mörder, dessen Macht zusammenbrechen muss, damit Death Proof zu seinem Ende gelangen kann.
Der Vergleich macht Tarantinos gemeinsames Interesse an den Arbeitern sichtbar, die das Spektakel körperlich erzeugen und meist hinter einer anderen Figur zurücktreten. Er zeigt auch, dass derselbe Beruf dramatisch entgegengesetzte Figuren hervorbringen kann. Cliff und Mike teilen ein Repertoire an Risiken, Fahrzeugen und beruflichen Erinnerungen; ihre Filme geben ihnen weder eine gemeinsame Familie noch eine gemeinsame Geschichte.
Wer diesen Unterschied beibehält, kann die Filme präziser lesen. Die Parallele erklärt ein Interesse des Filmemachers und eine Form von Männlichkeit, die mit einem trainierten Körper verbunden ist. Für eine Kontinuität wären konkrete Namen, Begegnungen oder Aussagen nötig. Solange solche Anhaltspunkte fehlen, ist die thematische Verbindung am überzeugendsten: zwei Männer, geprägt von einer Arbeit, die Kontrolle über die Gefahr verspricht und zugleich sehr unterschiedliche Formen zeigt, diese Kontrolle auszuüben.
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