Ein Lied kann Teil des Raums sein oder ihn von außerhalb der erzählten Welt begleiten. Tarantino nutzt beide Möglichkeiten und lässt die Grenze manchmal verschwimmen, während die Szene weiterläuft.
Der Unterschied hängt davon ab, ob es innerhalb der Fiktion eine Quelle gibt
Diegetische Musik gehört zur Welt der Geschichte: Sie kann aus einem Radio, einem Instrument, einem Abspielgerät oder von einer singenden Stimme kommen. Extradiegetische Musik wird als Begleitung für das Publikum eingesetzt, ohne dass es dafür eine Quelle gibt, die den Figuren bekannt ist. Die Unterscheidung hängt weder vom Genre noch von der Lautstärke oder davon ab, ob es sich um ein Lied oder eine Orchesterkomposition handelt.
In Reservoir Dogs bietet der Sender K-Billy eine erkennbare Quelle für das Lied, das Mr. Blonde hört und zu dem er tanzt. Die Figur reagiert auf die musikalische Umgebung und ihre Bewegungen richten sich nach ihr. Eine Musik, die hingegen den Vorspann begleitet, muss nicht als hörbarer Ton auf der Straße oder in dem Raum existieren, in dem die Handlung spielt.
Auch ein sichtbares Abspielgerät erklärt nicht automatisch die ganze Szene. Ein Plattenspieler kann ausgeschaltet sein und ein Lied kann über einen Ortswechsel hinweg weiterlaufen, obwohl es den neuen Ort physisch nicht erreichen könnte. Entscheidend sind die Handlungen, Übergänge und Reaktionen. Die Analyse wird präziser, wenn sie benennt, welcher Hinweis die Einordnung stützt, statt den Figuren jede Musik zuzuschreiben, die das Publikum hört.
Zuhören ist auch eine Handlung der Figur
In Pulp Fiction startet Mia die Wiedergabe von Girl, You’ll Be a Woman Soon und bewegt sich zur Musik. Ihre Auswahl gehört zu dem, was sie tut, während Vincent sich in einem anderen Teil des Hauses aufhält. Das Lied ist nicht bloß ein äußerer Kommentar zu ihr: Es nimmt ihre Zeit ein, begleitet ihr Verhalten und trägt dazu bei, dass die Erlebnisse der beiden Figuren voneinander getrennt bleiben.
In Jackie Brown wird das gemeinsame Hören von The Delfonics zu einem Band zwischen Jackie und Max. Die Musik kann in Erinnerung bleiben und über ein anderes Abspielgerät wieder auftauchen. Das Publikum erkennt eine emotionale Verbindung, ohne dass die Figuren sie vollständig erklären müssen. Die konkrete Quelle ermöglicht es, eine Vorliebe zu teilen, sich an sie zu erinnern und sie an einen anderen Ort mitzunehmen.
Instrumente bringen eine weitere Variante ins Spiel. Das Klavier in Minnies Kurzwarenladen verortet die Musik in einer angespannten Zusammenkunft; die Person, die spielt, befindet sich mit den anderen Gesprächsteilnehmern im selben Raum. In Django Unchained ist die Darbietung von Für Elise in Candyland Teil einer gesellschaftlichen Praxis, die von den Figuren unterbrochen werden kann. Das sind keine Beispiele für ein unsichtbares Orchester, das lediglich die Stimmung der Szene ausdrückt.
Auch eine gesungene Stimme kann diegetisch sein. Daisy singt Jim Jones at Botany Bay und begleitet sich auf der Gitarre. Ihr Auftritt nimmt Zeit in Anspruch, zieht Aufmerksamkeit auf sich und veranlasst Ruth einzugreifen. Dass das Lied thematisch relevant ist, löst es nicht aus der erzählten Welt. Seine symbolische Bedeutung besteht neben der konkreten Handlung einer Person, die vor anderen singt.
Eine Quelle kann außerhalb des Bildes bleiben und trotzdem diegetisch sein. Wenn man jemanden spielen hört, bevor die Kamera die Person zeigt, wird ihre Musik dadurch nicht vorübergehend zu einer externen Filmmusik. Es kann sich schlicht um räumliche Information handeln, die das Bild noch nicht vervollständigt hat.
Die Grenze kann sich erweitern, ohne zu verschwinden
Ein Lied, das aus einem Abspielgerät kommt, kann in der Mischung eine größere Präsenz gewinnen, als seine Quelle erwarten lässt. Der Film lässt es dann zugleich als Teil der Umgebung der Figuren und als Gestaltungsmittel des Schnitts wirken. Nicht immer muss man entscheiden, dass eine Kategorie die andere ausschließt. Man kann den Übergang von einer sichtbaren Quelle zu einer umfassenderen erzählerischen Funktion beschreiben und benennen, an welcher Stelle er stattfindet.
Das Radio in Tarantinos Filmen erleichtert solche Verschiebungen, weil es verschiedene Orte durch dieselbe Sendung miteinander verbindet. Die Stimme eines Moderators kann weiterlaufen, während das Bild wechselt, und so den Eindruck von Gleichzeitigkeit erzeugen. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Figur genau denselben Ausschnitt hört, sofern der Film das nicht klarstellt. Der Schnitt kann die Sendung auch für das Publikum einsetzen und sie zugleich als etwas darstellen, das in den Autos zu hören ist.
Auch der umgekehrte Fall ist aufschlussreich: Eine scheinbar externe Musik kann später im Bild eine Quelle erhalten. Diese Entdeckung verändert rückwirkend, wie man das Gehörte einordnet. Was wie eine Entscheidung der Erzählstimme wirkte, erweist sich als Auswahl einer Person innerhalb der Szene. Die Überraschung verändert die Zuschreibung der Kontrolle: Es wird plötzlich eine andere Person dafür verantwortlich, dass dieser Ton zu hören ist.
Die Unterscheidung verrät auch nichts Unmittelbares über die Dreharbeiten. Ein diegetisches Lied kann in der Postproduktion hinzugefügt oder angepasst worden sein, obwohl es in der Fiktion aus einem Abspielgerät kommt. Ein Schauspieler kann eine Darbietung imitieren, die später durch eine Aufnahme ergänzt wird. Die Frage, wer die Musik innerhalb der erzählten Handlung hört, unterscheidet sich von der Frage, wie der Ton bei der Produktion aufgenommen wurde.
Wer auf diese Unterschiede achtet, versteht besser, warum dasselbe Stück Vertrautheit, Bedrohung oder Ironie erzeugen kann. Es kommt nicht nur darauf an, welches Lied ausgewählt wurde, sondern auch darauf, wer es offenbar ausgewählt hat, wer es abstellen kann und wer es sich anhören muss. Tarantino gestaltet viele Machtverhältnisse durch solche kleinen Handlungen. Die Musik gehört zu seinem Stil – und, wenn die Szene es zeigt, auch zu den Entscheidungen seiner Figuren.
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