Daisy singt eine Sträflingsballade, mit der sie für ein paar Minuten die Aufmerksamkeit im Raum auf sich zieht. Mit „Jim Jones at Botany Bay“ wird aus einer musikalischen Pause eine Erklärung des Widerstands.
Eine australische Ballade im Kurzwarenladen
Das Lied, das Daisy Domergue mit der Gitarre spielt, ist „Jim Jones at Botany Bay“, eine traditionelle Ballade, die mit dem Transport britischer Sträflinge nach Australien verbunden ist. Es ist keine Komposition von Ennio Morricone für den Film. Das Album zu The Hateful Eight enthält Jennifer Jason Leighs Interpretation und nennt auch Kurt Russell als Mitwirkenden. Diese Zuordnung verhindert eine Verwechslung mit „Botany Bay“, einem anderen Lied aus der australischen Tradition, dessen Titel ähnlich klingt, das aber nicht dasselbe Stück ist.
In „Jim Jones“ setzt sich ein Verurteilter mit Bestrafung, Verbannung und der Autorität auseinander, die ihn unterwerfen will. Die Geschichte wird aus der Perspektive des Gefangenen erzählt und lässt Raum für Gedanken an Flucht und Rache. Das genügt, um die Bedeutung des Liedes für die Szene zu verstehen: Auch Daisy steht unter Bewachung und weigert sich hinzunehmen, dass der Mann, der sie zum Galgen führt, über ihr Schicksal bestimmt. Die Parallele wirkt dramatisch; sie macht die Lebensgeschichten der beiden nicht gleich.
Traditionelle Lieder kursieren in unterschiedlichen Text-, Melodie- und Interpretationsfassungen. Hier ist es genauer, Leighs Filmversion zu benennen, als ihr automatisch alle Merkmale einer früheren Aufnahme zuzuschreiben. Ebenso wenig lässt sich daraus, dass Daisy das Lied kennt, auf ihre Herkunft aus Australien schließen. Ein Lied kann weiter reisen als sein Ursprungsort, und der Film nutzt diesen Moment weder dazu, die Nationalität der Figur festzulegen, noch zu erklären, wo sie das Gitarrespielen gelernt hat.
Innerhalb der Musikauswahl nimmt die Ballade eine andere Stellung ein als die Filmmusik von Morricone für The Hateful Eight. Ihre Quelle ist auf der Leinwand zu sehen: Daisy macht die Musik selbst. Die anderen können ihr zuhören, darauf reagieren und sie unterbrechen. Dadurch wird die Darbietung zu einer Handlung, die das Verhältnis der Figuren zueinander verändert, und ist zugleich ein Lied für das Publikum.
Die Stimme einer Gefangenen findet ein Publikum
Bis zu diesem Moment ist Daisys Auftreten weitgehend von Ruth bestimmt worden: Er entscheidet, wie sie transportiert wird, wann sie schweigen muss und wie weit sie sich bewegen darf. Mit der Gitarre kann sie für eine Weile selbst bestimmen, was geschieht. Ihr misshandelter Körper bleibt sichtbar, doch die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf ihre Stimme und ihre Hände. Die Szene zeigt eine Fähigkeit der Figur, die keiner Erklärung ihrer Verbrechen und keiner Anschuldigung ihres Bewachers bedarf.
Die Darstellung von Daisy Domergue in The Hateful Eightmacht aus diesem Moment kein sentimentales Geständnis. Leigh verbindet Konzentration, Rauheit und Trotz. Das Lied kann als geduldete Unterhaltung beginnen und sich zu einer unverkennbaren Provokation entwickeln. Diese Veränderung ist wichtig, denn die Drohung kommt nicht in Form einer gesonderten Rede daher: Sie entsteht aus einer Beschäftigung, die während des vom Sturm erzwungenen Wartens zunächst harmlos wirkte.
Der Text, den Daisy singt, bezieht sich auf ihre Lage und auf den Mann, der sie bewacht. Die Möglichkeit, dem Henker zu entkommen, rückt so nahe, dass Ruth sie nicht als ferne Geschichte abtun kann. Die Darbietung eröffnet damit zwei Ebenen zugleich: eine Ballade, der jeder zuhören könnte, und eine Botschaft an einen Empfänger, der neben der Sängerin sitzt. Man muss den Liedtext nicht wiedergeben, um zu erkennen, wie sich die traditionelle Erzählung in eine unmittelbare Konfrontation verwandelt.
Auch die ungleichen Machtverhältnisse verschwinden durch die Musik nicht. Daisy kann Aufmerksamkeit gewinnen, ist aber weiterhin gefesselt und darauf angewiesen, dass Ruth das Instrument duldet. Die Szene zeigt keine wiedergewonnene Freiheit, sondern einen kleinen selbstbestimmten Moment inmitten ihrer Gefangenschaft. Das erklärt, warum das Ende der Darbietung so abrupt ausfällt: Der Bewacher kann sie jederzeit unterbrechen, sobald er das Spiel nicht mehr mitspielt.
Die Darbietung und ihre Unterbrechung
Jennifer Jason Leigh erklärte in einem Interview mit NPR, dass sie für den Film Gitarre spielen gelernt habe und die verwendete Aufnahme eine Live-Darbietung festhalte. Diese Information hilft, die körperliche Leistung in der Szene zu würdigen, ohne ihr vorherige Virtuosität anzudichten oder die Schauspielerin zur professionellen Interpretin traditioneller Musik zu erklären. Das Zusammenspiel von Stimme, Instrument, Haltung und Reaktion auf Russell ist Teil der Darstellung. Die Szene wirkt glaubwürdig, weil Daisy zu wissen scheint, was sie tut, und das Lied den unregelmäßigen Ausdruck einer Person bewahrt, die sich tatsächlich in diesem Raum befindet.
Der Schlag, mit dem John Ruth, der Henkerdie Darbietung beendet, ist eine Reaktion auf diesen kurzen Moment der Selbstbestimmung. Indem er die Gitarre zerbricht, nimmt er Daisy das Mittel, mit dem sie die Aufmerksamkeit gelenkt und ihren Widerstand zum Ausdruck gebracht hatte. In der Handlung wird das Instrument erst zur Möglichkeit des Ausdrucks und dann zum Beweis dafür, dass der Bewacher diese Möglichkeit zerstören kann. Die Anekdote über den beim Dreh verwendeten Gegenstand ist eine andere Frage; die Funktion der Handlung lässt sich verstehen, ohne Fiktion und Produktionsunfall zu verwechseln.
Die Sequenz ist ein anschauliches Beispiel für diegetische und extradiegetische Musik bei Tarantino. Hier gehört die Musik zum Raum der Figuren, und ihr Ende hat eine sichtbare physische Ursache. Die anschließende Stille ist nicht allein eine Schnittentscheidung: Jemand hat verhindert, dass das Lied weitergeht. Die Gewalt verändert, was zu hören ist, und macht den Abbruch der Musik zu einem Teil des Konflikts.
Daisy muss die Ballade nicht zu Ende singen, damit ihr Auftritt Wirkung zeigt. Sie hat bewiesen, dass sie einen Moment für sich beanspruchen, Ruth aus der Fassung bringen und eine andere Erwartung zum Ausdruck bringen kann als die von ihm angekündigte Verurteilung. Die zerbrochene Gitarre beendet die Darbietung, bestätigt aber nicht, dass die Gefangene ihre Niederlage akzeptiert hat. Diese Lücke zwischen Unterbrechung und Unterwerfung hält die Spannung aufrecht, wenn der Film zu den Gegenständen, Blicken und Gesprächen im Kurzwarenladen zurückkehrt.
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