Das Lied, das Mia auflegt, als sie mit Vincent nach Hause kommt, ist Girl, You'll Be a Woman Soon, in der Version von Urge Overkill. Neil Diamond wird als Komponist genannt. Die Szene rückt diese Aufnahme ins Blickfeld: Mia geht zu einem Tonbandgerät mit offenen Spulen, und die Musik wird Teil des Raums, den die beiden miteinander teilen.
Ihre Bedeutung geht über das Wiedererkennen des Songs hinaus. Die Wahl der Gastgeberin verändert die Atmosphäre des Abends, ermöglicht ihr Bewegung, ohne ein Gespräch führen zu müssen, und begleitet einen Abschnitt, in dem jede Figur für sich handelt. Der Klang sorgt für Kontinuität, auch wenn die Kamera die beiden nicht mehr gemeinsam in einem Bild zeigt.
Die Beziehung zwischen Lied und Bild entsteht während der Wiedergabe – durch die Bewegungen, die wir sehen, und die Handlungen, die dem Blick der jeweils anderen Figur entzogen bleiben. Wer verfolgt, wie die Musik einsetzt, weiterläuft und schließlich abbricht, kann erkennen, wie ein häusliches Hörerlebnis diesen Abschnitt von Pulp Fiction gestaltet.
In dieser Szene hilft ein Lied, das im Haus ausgewählt wird, auch dabei, das Gesehene zu strukturieren. Die Musikanlage verortet die Klangquelle; Mias Bewegung macht ihre Reaktion sichtbar, und der Schnitt lässt die Aufnahme weiterlaufen, während sie den Raum wechselt. Jedes Element gibt einem Song, den man auch unabhängig davon hören kann, eine zusätzliche Funktion.
Die Komposition von Neil Diamond und die Version von Urge Overkill
Im Abspann von Pulp Fiction (Quentin Tarantino, 1994) werden Neil Diamond als Komponist und Urge Overkill als Interpret genannt. Der Name des Komponisten identifiziert das Werk; der Bandname hilft dabei, die Stimme und die Aufnahme zuzuordnen, die im Film zu hören sind. Es handelt sich um unterschiedliche Angaben, auch wenn der Songtitel derselbe ist.
Touch and Go gibt in seinem Eintrag zu Stull an, dass die EP ursprünglich 1992 veröffentlicht wurde, und bestätigt, dass sie dieselbe Version enthält, die im Film verwendet wird. Die Aufnahme existierte also bereits vor dem Kinostart 1994. Durch ihre Verwendung im Film erhält sie einen klar umrissenen Hörkontext: ein Haus, eine Begegnung und bestimmte Bewegungen.
Diese Herkunft hilft, die musikalische Auswahl nachzuvollziehen. Das Stück bleibt als Aufnahme eigenständig und tritt durch seine Platzierung in der Sequenz in Beziehung zu Mia. Es anhand dieser Szene wiederzuerkennen und als Teil eines Albums zu hören, sind zwei Möglichkeiten, sich derselben Interpretation zu nähern – mit unterschiedlichen Bildern im Gedächtnis.
Das Tonbandgerät und Mias Initiative
Mia bedient ein Tonbandgerät mit offenen Spulen. Das Standbild, das Paula Benson 2014 in Film and Furniture zeigt, lässt zwei große, senkrecht angeordnete Spulen auf dem Gerät erkennen. Das im Haus gezeigte Gerät spielt Tonband ab: An den sichtbaren Spulen lässt es sich erkennen.
Indem gezeigt wird, wie jemand Musik auflegt, wird ihre Quelle verortet und mit der Gastgeberin verbunden. Die Aufnahme gehört zum Handlungsraum, und Mia reagiert mit ihrem Körper und ihrer Stimme darauf. Das ist ein Beispiel für diegetische Musik: Die Figuren können sie hören, zugleich erfüllt sie aber auch eine Funktion für das Publikum.
Während Mia sich durch das Wohnzimmer bewegt und zur Aufnahme singt, kann sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ohne auf eine Antwort von Vincent zu warten. Die Musik gibt ihr eine eigene Beschäftigung, während er in einem anderen Zimmer bleibt. Diese Initiative ist bedeutsam, wenn man Mia Wallace betrachtet, denn so richtet sich der Blick auch darauf, was sie tut, und nicht nur darauf, welchen Eindruck sie auf ihren Begleiter macht.
Der Unterschied zum Tanz im Restaurant liegt darin, wie die Beteiligung organisiert ist. Dort hatten beide einen Platz in einer gemeinsamen Darbietung; hier reicht Mias Beziehung zum Lied aus, um Bewegung entstehen zu lassen. Indem sie zuhört und die aufgenommene Stimme begleitet, kann sie den Raum einnehmen, ohne jede Geste zu einer an Vincent gerichteten Aufforderung zu machen.
Die Kamera folgt ihr, und einige Säulen verdecken sie kurzzeitig. Das Lied bleibt währenddessen hörbar: Seine Quelle ist bereits etabliert. Das Gerät kann weiterhin präsent sein, ohne im Bild zu erscheinen. Dieser Unterschied zwischen Sehen und Hören lässt das Wohnzimmer größer wirken als den Ausschnitt, der jeweils im Bild zu sehen ist.
Eine Klangkontinuität, die schließlich unterbrochen wird
Die von Words in Pictures im Juli 1994 erstellte endgültige Kontinuitätsfassung des Films hält fest, dass das Lied zu hören ist, während das Bild zwischen Wohnzimmer und Badezimmer wechselt. Der Ton verbindet zwei Figuren, die nicht mehr gemeinsam im Bild sind. Die getrennten Handlungen finden innerhalb derselben musikalischen Atmosphäre statt.
Während die Aufnahme läuft, werden Entscheidungen getroffen, die die jeweils andere Figur nicht überwacht. Die Klangkontinuität hält den Raum zusammen, doch die räumliche Trennung im Bild verteilt die Informationen ungleich: Dieselbe Hintergrundmusik zu hören bedeutet nicht, zu wissen, was auf der anderen Seite der Tür geschieht. Das Publikum kann die Handlungen durch die Schnitte zwischen den beiden Zimmern miteinander in Beziehung setzen.
Die erkennbare Länge eines Liedes lässt die Rückkehr in jedes der Zimmer wie einen Teil desselben Zeitabschnitts wirken. Mit den Einstellungswechseln muss nicht zugleich eine neue Klangatmosphäre beginnen. So bewahrt die Sequenz etwas Alltägliches – jemand hat zu Hause Musik aufgelegt –, selbst als die Folgen der Handlungen allmählich aus diesem normalen Rahmen herausfallen.
Die Kontinuitätsfassung setzt das Ende der Musik mit Mias Zusammenbruch und der Abblende auf Schwarz zusammen. Diese Unterbrechung trennt den von dem Lied getragenen Abschnitt vom Beginn des Notfalls. In Mia Wallaces Überdosis ändert sich die Situation der Figuren; hier ist entscheidend, dass das Lied nicht länger den durchgehenden Rahmen bildet, der ihre getrennten Bewegungen verbunden hatte.
Wer diese Interpretation außerhalb des Films hören möchte, sollte neben dem Titel auf den Namen Urge Overkill achten. Die Angabe des Interpreten hilft dabei, die gesuchte Aufnahme zu erkennen, während das Format zeigt, in welcher Form eine Ausgabe erhältlich ist: Bei der Suche nach einer Musikveröffentlichung erfüllen diese beiden Angaben unterschiedliche Funktionen.
Auch das Verkaufsformat bestimmt nicht, welches Gerät in der Filmhandlung zu sehen ist. Nur weil eine Aufnahme auf einer Schallplatte erscheint, wird nicht jedes Gerät, aus dem im Bild Musik erklingt, zum Plattenspieler. Die Ausgabe, die dem Publikum zur Verfügung steht, und das Wiedergabemedium einer Figur gehören zu unterschiedlichen Zusammenhängen. Dieselbe Interpretation kann in beiden vorkommen.
Diese Unterscheidung ist hilfreich, wenn eine Szene dazu anregt, nach einem Lied zu suchen. Die Credits weisen auf die konkrete Version hin; im Bild lässt sich erkennen, welchen Gegenstand die Figur bedient. Wer beides getrennt identifiziert, vermeidet es, wegen eines übereinstimmenden Titels eine andere Interpretation zu kaufen oder dem Gerät im Haus das Format einer kommerziellen Ausgabe zuzuschreiben.
