Jules und Vincent im Flur: das Warten vor dem Eintreten

Jules und Vincent kommen an der Wohnungstür an, sehen auf die Uhr und beschließen zu warten. Vincent blickt auf seine Uhr und sagt, es sei sieben Uhr zweiundzwanzig morgens. Jules findet, es sei noch früh, und schlägt vor, sich von der Tür zu entfernen. Die Szene hält diesen Moment fest und lässt die beiden weiterreden, während das Publikum auf ihren Eintritt wartet.

Das Gespräch führt eine Diskussion über die Grenzen fort, die Marsellus seiner Frau setzt. Der Auftrag, der die beiden zum Gebäude geführt hat, steht noch aus, doch die Männer haben noch ein anderes Anliegen, das sie klären möchten. Sie sind so vertraut miteinander, dass selbst eine Provokation eine Erwiderung findet – nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, an dem sie arbeiten werden.

Die Pause zeigt, wie sie ihre Haltung vorbereiten, mit der sie den jungen Männern gegenübertreten werden. Sie gibt auch Vincents Sorge Raum: Er soll Mia zu einem Ausflug begleiten. Der Flur vereint so eine unmittelbare, dem Publikum bekannte Bedrohung mit einer weiteren, die bislang vor allem in dem besteht, was die beiden Figuren erzählen und sich vorstellen.

Die Uhr macht aus der Ankunft ein Warten

Der Weg durch das Gebäude führt die beiden Männer zu einer bestimmten Tür. Mit ihrer Ankunft könnte der Weg enden und die Begegnung beginnen, doch Jules fragt nach der Uhrzeit. Vincents Antwort fügt eine weitere Bedingung hinzu: Sie sind am richtigen Ort und müssen noch warten. Die Handlung wird durch die Entscheidung derjenigen unterbrochen, die sie vorangetrieben haben.

Die letzte Fortsetzung von Words in Pictures aus dem Juli 1994 hält fest, wie sie auf die Uhr sehen und sich gemeinsam von der Tür entfernen. Die Kamera begleitet diesen Positionswechsel. Das Warten bekommt einen sichtbaren Ort: Die Figuren gehen ein Stück des Weges zurück und gewinnen Abstand zu der Wohnung, die sie gerade betreten wollten.

Das Publikum hat bereits gesehen, wie sie ihre Waffen einsammeln. Deshalb bleibt auch in der ungezwungenen Unterhaltung eine Bedrohung bestehen: Die vorherige Vorbereitung gehört weiterhin zu unserem Wissen. Die Männer können sich von einer Diskussion ablenken lassen, während der Eintritt noch aussteht. Der Film lässt uns an ihrem Gespräch teilhaben, ohne die durch die Waffen geschaffene Erwartung aufzulösen.

Die Uhrzeit verleiht ihrem Verhalten Genauigkeit, auch wenn die Szene offenlässt, warum Jules das Warten für nötig hält. Es genügt, dass er diese Grenze setzt und Vincent sie akzeptiert. So wird eine Abstimmung vor dem Auftrag spürbar, die sich in einer einfachen Kontrolle und einer Pause ausdrückt, die beide nutzen können.

Das Gespräch füllt die verfügbare Zeit

Die Diskussion dreht sich um eine Geschichte, die sie Marsellus zuschreiben: Er soll Antwan wegen einer Fußmassage für Mia aus einem Gebäude geworfen haben. Jules stellt die Verhältnismäßigkeit der Bestrafung infrage, während Vincent auf der intimen Bedeutung der Geste besteht. Zwischen ihnen kursiert eine Geschichte über ihren Boss; die Szene zeigt, wie sie darüber nachdenken.

Die Diskussion zeigt, wie zwei Kollegen unterschiedlicher Meinung sein und einander aufziehen können. Beide haben eine Vorstellung davon, wo die Grenzen des anderen liegen, und finden Beispiele, um sie auf die Probe zu stellen. Die Dynamik zwischen Jules und Vincententsteht durch diese Möglichkeit, einander zu widersprechen, die ihnen noch offensteht, solange sie allein im Flur sind.

Das Thema bekommt eine persönliche Bedeutung, als Vincent erklärt, dass er Mia auf Marsellus’ Auftrag hin begleiten soll. Dass er diesen Ausflug beharrlich als eine höfliche Verpflichtung darstellt, lässt seine Vorsicht erkennen. Das Gespräch über die Frau des Bosses füllt die Wartezeit und bereitet auf eine Situation vor, die das Publikum später am Abend wiedererkennen wird.

Dieser Einsatz der erzählerischen Abschweifungermöglicht es, eine Beziehung auszuarbeiten, während eine andere Handlung aufgeschoben wird. Das Gespräch liefert Informationen, die sie nicht brauchen, um die Wohnung zu finden, die aber beeinflussen, wie wir die Männer verstehen, die sie betreten werden. Die Zeit, die sie mit Reden verbringen, verändert unsere Wahrnehmung derjenigen, die gleich durch die Tür gehen.

Die Rolle vorbereiten und sich noch einmal ablenken

Jules beendet einen Teil der Diskussion mit dem Vorschlag, die Rolle einzunehmen, die zu ihrer Aufgabe gehört. Tarantino erklärte Gavin Smith 1994 in Film Comment, dass diese Kriminellen Züge mit Schauspielern und Kindern gemein haben, die Figuren darstellen. Diese Beobachtung verortet die verbale Vorbereitung in seinem Interesse an gespieltem Verhalten.

Der angekündigte Wechsel beendet das private Gespräch jedoch nicht sofort. Schon vor der Tür fragt Vincent erneut nach Mias Namen und erklärt den Auftrag. Jules antwortet zunächst mit einer Schussgeste und spielt mit der Doppeldeutigkeit, sich um jemanden zu kümmern. Vincent muss klarstellen, dass er sie während der Abwesenheit ihres Mannes begleiten und unterhalten soll.

Dieser Austausch verzögert den Eintritt weiter und macht die Sorge von Vincent Vegasichtbar. Er möchte, dass sein Kollege den Charakter des Auftrags versteht, und wiederholt seine Erklärung, als Jules ein Date andeutet. Gerade in dem Moment, in dem er sich auf die unmittelbare Arbeit konzentrieren sollte, lässt sein Beharren persönliche Unruhe erkennen.

Als Marvin die Tür öffnet, begrüßt Jules die Anwesenden mit einer Freundlichkeit, die ihm bald dabei helfen wird, sie zu beherrschen. Das Publikum hat gesehen, wie er diese Haltung vorbereitet. Die jungen Männer empfangen Besucher, deren vorheriges Gespräch sie nicht kennen; wir dagegen wissen, dass der Ton, mit dem die beiden eintreten, Teil eines Verhaltens ist, auf das sie sich gerade geeinigt haben.

Die Szene in Bretts Wohnungbeginnt mit diesem Informationsgefälle. Wer mit den bewaffneten Männern gewartet hat, erkennt die Kontinuität zwischen ihrer Vorbereitung und ihrem Umgang mit den Anwesenden. Die Tür trennt zwei unterschiedliche Beziehungen: das Gespräch unter Kollegen und die Begegnung, in der dieselben Männer bestimmen werden, wer wann spricht.

Das Warten lässt uns die beiden Männer hören, bevor sie sich an jemanden außerhalb ihrer Beziehung wenden müssen. Ihre Erwiderungen können vom eigentlichen Thema abschweifen und ohne förmliche Erklärung wieder darauf zurückkommen. Das Publikum bekommt Zeit, sich an diese Art des Gesprächs zu gewöhnen und ihre Veränderungen später wiederzuerkennen.

Währenddessen hält die geschlossene Tür die andere Gruppe aus der Szene heraus. Das Publikum teilt den Flur mit den Ankommenden und muss bis zum Öffnen der Tür warten, um zu erfahren, wie die Wohnung eingerichtet ist. So regelt eine alltägliche Trennung von Räumen den Zugang zu Informationen: Zuerst sehen wir die Vorbereitung der Besucher, danach die Reaktion derjenigen, die sie empfangen.

Die Uhr macht die Pause zu einer ausdrücklichen Entscheidung. Die Figuren könnten weitergehen, doch der eine bittet darum zu warten und der andere zieht mit. Die Szene widmet dieser kleinen Übereinkunft Zeit und lässt den ausstehenden Auftrag im Hintergrund weiter präsent bleiben, während sie über etwas anderes sprechen.