Butchs Boxkampf in Pulp Fiction ist in den Bildern des Films nicht zu sehen. Marsellus Wallace hat ihn dafür bezahlt, zu verlieren, doch der Boxer gewinnt und verlässt den Veranstaltungsort. Sein Gegner stirbt an den Folgen des Kampfes. Das Ergebnis wird in einer Radiosendung bekannt gegeben, während die Taxifahrt zeigt, wie Butch auf die Nachricht vom Tod reagiert.
Die Sequenz macht außerdem deutlich, dass der Sieg Teil eines Geschäfts ist, das hinter Marsellus’ Rücken eingefädelt wurde. Butch hat auf sich selbst gewettet und muss seine Gewinne abholen und verschwinden. Der sportliche Erfolg macht ihn somit zu einem Gejagten. Die späteren Szenen des Films widmen sich den Folgen: Wer kennt das Ergebnis, wie deutet die Person es und was hat der Sieger vor? Der Film rekonstruiert weder die Schläge noch zeigt er den Augenblick, der zum Tod führt. Durch diese Auslassung lässt sich unterscheiden, was im Kampf geschah und welche Erklärungen die Figuren anschließend dafür geben.
Pulp Fiction (Quentin Tarantino, 1994) zeigt Butch, bevor er zum Kampf antritt, und setzt erst wieder bei ihm ein, als er bereits auf der Flucht ist. Den gesamten Kampf dazwischen lässt der Film aus. Durch diesen Sprung verschiebt sich die zentrale Frage der Sequenz: Als der Boxer wieder auftaucht, geht es nicht mehr um das sportliche Ergebnis, sondern um die Folgen des gebrochenen Abkommens mit dem Verbrechersyndikat.
Das Abkommen wird gebrochen, ohne dass der Kampf zu sehen ist
Die Bedingung der Manipulation ist einfach: Butch soll sich besiegen lassen. Marsellus erkauft sich ein Ergebnis, das er für sicher hält. Deshalb bedeutet ein Sieg hier etwas anderes als bei einem Kampf ohne eine solche Abmachung. Butch gewinnt, bricht damit aber sein Versprechen, für das er bezahlt wurde. Der Film hatte diese Verpflichtung in der Bar etabliert und kann nun ihre Folgen zeigen, ohne die Verhandlung zu wiederholen.
Die Episode mit der goldenen Uhr platziert die Kindheitserinnerung unmittelbar vor der Umkleidekabine. Als sein Trainer ihn ruft, steht Butch auf und geht hinaus. Die Montage blendet den Kapiteltitel ein und springt zum Ende des Kampfes. Die Stimme eines Kommentators verkündet den Tod des Gegners, bevor das Bild das Taxi-Radio als Quelle dieser Information erkennen lässt.
So steht das Ergebnis fest, ohne dass eine Siegesfeier im Ring gezeigt wird. Butch erlebt keinen Moment des Triumphs vor den Augen des Publikums: Wir sehen ihn auf der Flucht. Derselbe Erfolg, der eine Sportgeschichte hätte abschließen können, setzt seine Flucht in Gang. Marsellus’ Verfolgung ist eine Folge des gebrochenen Abkommens; der Tod des Gegners kommt als weitere Folge des Kampfes hinzu, von der Butch aus fremdem Mund erfahren muss.
Was das Radio weiß und was Butch weiß
Die Kommentatoren liefern öffentliche Informationen über das Ergebnis, spekulieren aber auch über den Grund für den hastigen Abgang des Siegers. Einer von ihnen vermutet, Butch habe begriffen, was er getan hatte, und den Ring verlassen, als ihm der Tod bewusst wurde. Diese Erklärung stammt vom Kommentator. Der Film lässt uns sie hören, bevor Butch Gelegenheit bekommt, sich zu demselben Ereignis zu äußern.
Im Taxi erkennt die Fahrerin ihren Fahrgast und teilt ihm mit, dass der andere Boxer gestorben ist. Butch zeigt sich überrascht. Anschließend sagt er, er habe erst davon erfahren, als sie es ihm erzählt habe. Dieser Unterschied betrifft den Grund, den man seinem Lauf zuschreibt: Der Kommentator sieht darin eine Reaktion auf den Tod; das Publikum kennt bereits einen anderen Grund für den hastigen Aufbruch – die Drohung Marsellus’ wegen seines Sieges.
Das Ergebnis des Kampfes und Butchs Wissen darüber werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten vermittelt. Seinen Gegner getroffen zu haben, bedeutet nicht, zu wissen, dass dieser gestorben ist. Ebenso beweist die Deutung im Radio nicht, was der Boxer während des Kampfes dachte. Die Szene hält die Trennung zwischen einer mitgeteilten Tatsache, einer Vermutung des Kommentators und der späteren Darstellung des Beteiligten aufrecht, ohne Bilder hinzuzufügen, die seine Absichten im Ring rekonstruieren.
Die Neugier der Taxifahrerin lenkt das Gespräch nun darauf, was Butch empfindet. Er zeigt wenig Mitgefühl für den Toten. Seine Antwort lässt seine Haltung erkennen, nachdem er die Nachricht erhalten hat, belegt aber nicht, dass der Tod von Anfang an sein Ziel war. Der Film zeigt eine konkrete verbale Reaktion; das Publikum hat keine Entscheidung zu töten während des Kampfes gesehen.
Die Wetten erklären den Plan des Siegers
Der spätere Anruf bei Scotty fügt die wirtschaftliche Seite hinzu. Butchs Plan Butch Coolidge sieht Wetten auf den eigenen Sieg vor, die davon profitieren, dass alle erwarten, er werde verlieren. Die Information über die Manipulation hatte seinen Sieg für die Wettenden unwahrscheinlicher erscheinen lassen. Butch nutzt diese Erwartung aus und gewinnt den Kampf, dessen Ausgang andere für längst entschieden hielten.
In diesem Telefonat erkundigt sich Butch auch, wann er das Geld abholen kann. Die Gewinne hängen noch von den Erledigungen seines Gesprächspartners ab, während Butch mit Fabienne die Abreise vorbereitet. Mit dem Sieg ist die Sache also noch nicht abgeschlossen. Sowohl das Geld als auch die Flucht stehen noch aus, und Marsellus’ Anweisungen setzen diese Schritte unter Zeitdruck.
Auch die Art, über das Ergebnis zu sprechen, ändert sich. Das Radio stellt es als Tragödie des Boxsports dar; die Taxifahrerin fragt nach dem Erlebnis, jemanden getötet zu haben; Butch interessiert sich für die Gewinne. Diese Äußerungen heben unterschiedliche Folgen desselben Kampfes hervor. Indem der Film die Runden auslässt, kann er von der öffentlichen Darstellung des Kampfes zum privaten Gespräch mit dem Mann wechseln, der daraus Profit geschlagen hat.
In dieser Sequenz umfasst der Begriff „außerhalb des Bildes“ auch eine zeitliche Ellipse: Die Erzählung lässt den Zeitraum aus, in dem der Kampf stattfindet. Die Kamera bleibt nicht in einer Ecke der Halle, während wir jeden Schlag hören. Das Radio liefert nachträgliche Informationen; seine Funktion besteht also darin, ein bereits feststehendes Ergebnis mitzuteilen und zu kommentieren. Das unterscheidet eine Übertragung des Ausgangs von einer akustischen Darstellung des gesamten Kampfes.
Der Sprung muss auch die Reihenfolge der Ereignisse nicht verändern. Nachdem Butch in der Umkleidekabine gezeigt wurde, geht die Sequenz weiter mit seinem Verlassen des Veranstaltungsortes, der Taxifahrt und dem Telefonat. Innerhalb eines Films, der seine großen Handlungsblöcke neu anordnet, lässt sich dieser Abschnitt anhand dessen verfolgen, was gerade geschehen ist und was die einzelnen Figuren darüber wissen. Die genaue Dauer des Kampfes bleibt unbemerkt, doch der Übergang von den Vorbereitungen zu den Folgen wird durch den Radioton und die fortgesetzte Flucht nachvollziehbar.
