Das Kapitel mit der goldenen Uhr in Pulp Fiction folgt Butch Coolidge, nachdem er die Vereinbarung gebrochen hat, einen Boxkampf zu verlieren. Er hat genug Geld, um abzuhauen, und die Flucht mit Fabienne vorbereitet. Doch er muss einen Gegenstand zurückholen, den sie in seiner Wohnung vergessen hat. Die Rückkehr dorthin bringt ihn in die Nähe von Marsellus Wallaces Männern und führt zu einer Reihe von Begegnungen, die nicht Teil seines Plans waren.
Die Familiengeschichte der Uhr erklärt, warum Butch dieses Risiko eingeht. Für ihn bedeutet, sie zu behalten, einer anderen Verpflichtung nachzukommen als dem Versprechen, das er gerade gebrochen hat. Das Kapitel macht diese Prioritäten in konkreten Situationen sichtbar: die Rückkehr nach Hause, die Begegnung mit Vincent und die Entscheidung, was er tun soll, als sich ihm ein Ausweg aus dem Pfandhaus bietet. Am Ende hängt die Flucht von einer Handlung ab, die auch den Mann betrifft, der ihn verfolgt hat. So verbindet der Weg die Erinnerung an seinen Vater mit den Entscheidungen des erwachsenen Boxers, ohne jede Entscheidung zu einer ehrenhaften Tat zu verklären.
Die Geschichte der Uhr in Pulp Fiction – Quentin Tarantino, 1994 – beginnt mit einem Besuch bei Butch als Kind. Captain Koons übergibt ihm den Gegenstand und erzählt, wie er in seinen Besitz gelangt ist. Danach wechselt der Film zum erwachsenen Boxer vor dem Kampf. Diese Verbindung gibt dem Mann, dessen Flucht wir verfolgen werden, eine konkrete Erinnerung.
Ein Erbstück vor dem Kampf
Koons stellt die Uhr als Familienbesitz dar, der über mehrere Generationen hinweg bewahrt und trotz extremer Gefangenschaftsbedingungen weitergegeben wurde. Die Erzählung enthält groteske Einzelheiten, doch die beschriebene Verpflichtung ist eine einfache Aufgabe: einem verstorbenen Kameraden einen Gegenstand für dessen Sohn zu überbringen. Butch erhält die Uhr zusammen mit der Erklärung, was es gekostet hat, sie zu bewahren.
Die familiäre Bedeutung der goldenen Uhr ergibt sich aus dieser Weitergabe. Dass sie die Zeit anzeigt, spielt für die Flucht kaum eine Rolle. Butchs Verhalten ändert sich dadurch, dass er weiß, von wem die Uhr stammt und welche Geschichte mit ihr verbunden ist. Das Kapitel muss diesen Wert etablieren, bevor es den Erwachsenen zeigt, der bereit ist, an einen gefährlichen Ort zurückzukehren.
Die Erinnerung führt außerdem einen anderen Ton ein als das Boxgeschäft. Koons spricht mit dem Kind über einen abwesenden Vater; Marsellus hatte mit dem Erwachsenen über Geld und Gehorsam gesprochen. Butch kann eine familiäre Verpflichtung anerkennen und zugleich eine kriminelle Vereinbarung brechen. Der Film stellt beide Verpflichtungen in seiner Geschichte nebeneinander, ohne sie als gleichwertig darzustellen.
Der Fluchtplan wird von der Uhr durchkreuzt
Die abgesprochene Niederlage gegen Marsellus war bereits in der Barszene zur Sprache gekommen. Das Kapitel über den Boxer zeigt die Folgen: Butch gewinnt den Kampf, den er verlieren sollte, und flieht. Der Kampf selbst bleibt außerhalb des Bildes. Das Publikum erfährt das Ergebnis durch die anschließende Situation und die Gespräche, statt einen sportlichen Sieg im Ring mitzuerleben.
Die anfängliche Flucht, die Taxifahrt und die Begegnung mit Fabienne zeigen, wie Butch versucht, die Stadt zu verlassen. Mit ihr kann er diese Flucht vorübergehend unterbrechen. Im Motel können sie darüber sprechen, was sie als Nächstes tun wollen, und sich mit alltäglichen Dingen beschäftigen, obwohl die Bedrohung weiter besteht. Der Film gibt dem Paar Zeit miteinander, bevor das Problem mit dem vergessenen Gegenstand aufkommt.
Als Butch entdeckt, dass Fabienne die Uhr nicht mitgenommen hat, reagiert er wütend. Doch er selbst kehrt zur Wohnung zurück. Die Rückkehr von Butch wegen der Uhr macht aus einem persönlichen Bedürfnis einen Umweg, der den gemeinsamen Plan gefährdet. Fabienne wartet, während der Boxer erneut in die Umgebung zurückkehren muss, aus der er eigentlich fliehen wollte.
Dort trifft er auf Vincent. Dadurch verändert sich die Rolle einer Figur, die zuvor in einem anderen Teil des Films im Mittelpunkt stand: Nun ist Vincent auf Butchs Weg eine Bedrohung. Sein Tod beendet diese Begegnung, löst aber den Konflikt mit Marsellus nicht. Die Rückkehr zum Auto führt sofort zum nächsten Hindernis, als die beiden sich auf der Straße begegnen.
Diese Ereigniskette schränkt Butchs Kontrolle über seine Flucht ein. Die Uhr zurückzuholen bringt ihn nicht direkt zum geplanten Ausgang. Die Begegnung mit Marsellus löst eine Verfolgungsjagd aus und führt beide in ein Lokal, das einen Ausweg zu bieten scheint. Jede Lösung eröffnet eine neue Situation, die eine weitere Reaktion erfordert.
Das Pfandhaus und ein Ausweg mit neuen Bedingungen
Die Szene im Pfandhaus unterbricht die Verfolgungsjagd der beiden Männer: Maynard überwältigt sie und macht sie gemeinsam mit Zed zu Gefangenen. Der bekannte Feind ist nicht länger die unmittelbare Bedrohung. Butch muss Menschen entkommen, die weder mit der Boxvereinbarung noch mit dem Streit ums Geld etwas zu tun haben.
Als er sich befreien kann, erreicht er einen Ausgang. Er könnte gehen, während Marsellus festgehalten wird, doch er hält inne und kehrt zurück, um ihm zu helfen. Diese Entscheidung verändert das Verhältnis zwischen den beiden, weil sie sich an einen konkreten Menschen richtet. Butch handelt zugunsten des Mannes, der ihn verfolgt hat, obwohl er ihn hätte zurücklassen können.
Marsellus lässt ihn unter bestimmten Bedingungen gehen. Der Waffenstillstand beendet die Verfolgung, die der Kampf ausgelöst hatte, macht die Figuren aber weder zu Freunden noch ungeschehen, was zuvor passiert ist. Butch kann zu Fabienne zurückkehren und mit ihr abreisen. Für den endgültigen Aufbruch braucht es diese Vereinbarung ebenso wie das Geld und die zurückgeholte Uhr.
Das Kapitel endet mit dem Paar auf Zeds Motorrad. Dieser Zeitpunkt liegt nach dem Frühstück, mit dem die übergreifende Montage endet, wie sich an der chronologischen Reihenfolge von Pulp Fiction ablesen lässt. Innerhalb des Kapitels findet Butchs Flucht ihren Abschluss: Er behält den Gegenstand, für den er zurückgekehrt ist, und kann den Ort mit Fabienne verlassen. Was sie danach erleben, lässt der Film offen.
Auch die Entstehungsgeschichte des Kapitels verlief in mehreren Schritten. In seinem Interview von 1994 mit Michel Ciment und Hubert Niogret, das von Hi Barr wiedergegeben wurde, schrieb Tarantino Roger Avary die Geschichte des Boxers und die Idee mit der Uhr zu. Die Familiengeschichte des Gegenstands habe er selbst entwickelt. Diese Unterscheidung trennt die Uhr als Auslöser der Flucht von der Erzählung, die Butch in seiner Kindheit hört.
Im Verlauf des Kapitels lässt sich beobachten, wie sich die Menschen verändern, die den Boxer begleiten. Koons spricht mit ihm, als er noch ein Kind ist; Esmeralda fährt ihn nach dem Kampf; Fabienne wartet mit ihm und später auf seine Rückkehr. Jede Begegnung macht einen anderen Teil dessen sichtbar, was er gerade getan hat oder noch vorhat. Das Publikum begleitet Butch, erhält aber nicht alle Informationen aus einer einzigen Erklärung von ihm. Die Vergangenheit wird durch die Stimme eines anderen vermittelt, vom Ausgang des Kampfes erfährt man erst im Nachhinein, und seine Entscheidung, Marsellus zu helfen, wird gezeigt, als ihm der Ausweg bereits offensteht.
