Marsellus Wallace bezahlt Butch Coolidge dafür, dass er seinen nächsten Kampf in der fünften Runde verliert. Das Gespräch in der Bar besiegelt die Vereinbarung, gegen die der Boxer später verstoßen wird. Während er das Geld übergibt, spricht Marsellus mit ihm über den Niedergang seiner Karriere und darüber, wie sinnvoll es sei, eine Niederlage gegen gutes Geld zu akzeptieren. Butch hört zu und bestätigt die Bedingungen.
Die Szene zeigt ein ungleiches Verhältnis. Marsellus führt das Gespräch, nimmt vorweg, was sein Gegenüber empfinden könnte, und verlangt, dass er den Auftrag wiederholt. Butchs Gesicht ist der Kamera zugewandt, doch er sagt nur wenig, woran sich seine Absichten ablesen ließen. Seine Zustimmung genügt, um den Handel abzuschließen; was er im Ring tun wird, muss das Publikum noch herausfinden.
Die Rede über den Stolz erfüllt in diesem Austausch einen praktischen Zweck. Marsellus versucht zu verhindern, dass die Identität des Sportlers das von ihm gekaufte Ergebnis beeinflusst. Sein belehrender Ton lässt eine kriminelle Forderung vertraut wirken. Die Spannung entsteht dadurch, dass wir ein Versprechen hören, dessen Einhaltung von jemandem abhängt, der während des Gesprächs kaum etwas von seinen Gedanken preisgibt.
Die Verhandlung in der Bar in Pulp Fiction (Quentin Tarantino, 1994) führt Butch mit einer konkreten Verpflichtung ein. Das Geld, das er erhält, ist an ein im Voraus festgelegtes sportliches Ergebnis geknüpft. Die Szene macht später verständlich, warum ein Sieg den Sieger in Gefahr bringen kann.
Marsellus kauft eine Niederlage in der fünften Runde
Der Auftrag legt fest, wann Butch zu Boden gehen soll. Die genaue Angabe der fünften Runde fällt im Dialog des Films und ist im endgültigen Continuity-Dokument vom Juli 1994 festgehalten. Marsellus fordert den Boxer auf, die Bedingung zu wiederholen. So vergewissert er sich, dass Butch sie verstanden hat, und macht dessen Antwort zu einer ausdrücklichen Zustimmung.
Die Geldübergabe lässt den Austausch wie ein abgeschlossenes Geschäft erscheinen. Marsellus Wallacespricht wie jemand, der es gewohnt ist, dass seine Anweisungen das Verhalten anderer bestimmen. In diesem Moment glaubt er, mit der Bezahlung und der mündlichen Zusage über den Ausgang des Kampfes verfügen zu können.
Für Butch betrifft die Vereinbarung eine Tätigkeit, die mitbestimmt, wie andere ihn wahrnehmen. Absichtlich zu verlieren heißt, vor einem Publikum etwas darzustellen, das nicht seiner Leistungsfähigkeit oder seinem Siegeswillen entspricht. Marsellus weiß, dass sich dagegen Widerstand regen könnte, und widmet einen großen Teil des Gesprächs dem Versuch, diesen vor dem Kampf zu unterbinden.
In den Worten des Bosses verbinden sich eine Einschätzung von Butchs Karriere und das Versprechen finanzieller Sicherheit. Er stellt das Aufgeben seiner sportlichen Ambitionen als vernünftige Entscheidung dar. Diese Einschätzung stammt von dem Mann, der die Niederlage kaufen muss: Der Film lässt uns seine Argumentation hören, bestätigt aber nicht, dass sie eine objektive Prognose für Butchs sportliche Zukunft ist.
Der Rat, den Stolz beiseitezulassen, ist zugleich eine Form von Druck
Marsellus nimmt das Unbehagen vorweg, das Butch empfinden könnte, wenn er sich absichtlich besiegen lässt, und führt es auf dessen Stolz zurück. Diese Erklärung reduziert jeden späteren Einwand auf ein Gefühl, das er überwinden sollte. Auf diese Weise versucht der Boss auch die Sprache zu kontrollieren, mit der sein Gegenüber den Auftrag deuten wird.
Die Gestaltung des Monologsberuht auf diesem Vorgriff. Marsellus stellt sich den Moment des Zweifels vor, liefert eine Antwort und entwirft ein bequemes Leben nach der Zahlung. Butch bleibt nur wenig Raum, diesen Gedankengang mit Worten zu unterbrechen. Die Rede schreitet voran, als hätte Marsellus bereits alle wichtigen Einwände für ihn bedacht.
Bruce Willis hält die Spannung des Zuhörens mit knappen Antworten und einem beherrschten Gesichtsausdruck aufrecht. Butchs GesichtButch Coolidgezieht einen großen Teil der visuellen Aufmerksamkeit auf sich, während Marsellus seine Macht durch seine Stimme ausübt. Diese Aufteilung zwingt uns, die Reaktion des Boxers zu beobachten, ohne direkten Einblick in seine Absichten zu bekommen.
Marsellus' Rücken nimmt während eines Teils des Gesprächs das Bild ein. Seine Position macht seine Präsenz spürbar und hält zugleich sein Gesicht verborgen. So führt die Szene den Boss über die Wirkung ein, die er auf sein Gegenüber hat. Um die Vereinbarung zu beurteilen, ist das Publikum auf seine Worte und darauf angewiesen, wie Butch sie aufnimmt.
Zu hören ist Let's Stay Together, gesungen von Al Green, wie aus der Continuity und den Musik-Credits des Films hervorgeht. Die Begleitung durch Al Green während der Verhandlungbewahrt eine Sanftheit, die im Kontrast zur Forderung steht. Das Lied macht aus der Begegnung kein herzliches Gespräch, auch wenn Marsellus' Ton zeitweise an den eines persönlichen Ratschlags erinnert.
Mit der Zustimmung bleibt ein Versprechen offen
Butch bestätigt die Forderung, ohne einen alternativen Plan zu erläutern. Beim ersten Sehen kann diese Zurückhaltung die Vereinbarung als festen Ausgangspunkt erscheinen lassen. Wenn wir später den Ausgang des Kampfes kennen, lässt sich die Szene erneut betrachten und fragen, wie viel Marsellus über die Gehorsamkeit des Boxers vorausgesetzt hatte.
Die Verhandlung bereitet die Episode mit der goldenen Uhrmit einem nachvollziehbaren Zusammenhang vor: Butch erhält Geld dafür, dass er verliert, und gewinnt. Der Film kann den Kampf auslassen, weil er bereits festgelegt hat, welche Verpflichtung gebrochen wird. Das Interesse verlagert sich nun vom Ergebnis im Ring auf die Folgen, wenn man sich einem Befehl Marsellus' widersetzt.
Aus diesem Verstoß lässt sich auch nicht schließen, dass die Rede über Stolz allein den Sieg verursacht hat. Später kommen Butchs eigene finanzielle Interessen ins Spiel. Das Gespräch enthält Druck und Demütigung, doch die Geschichte liefert weitere Gründe für sein Verhalten. Das Schweigen des Boxers lässt diese Möglichkeiten offen, während der Boss das Geschäft bereits für erledigt hält.
Nach Abschluss des Geschäfts begegnet Butch Vincent in der Bar. Die Reiberei zwischen den beiden macht einen Unterschied innerhalb von Marsellus' Umfeld sichtbar: Der Mann, der gerade eine ausführliche Erklärung des Bosses erhalten hat, wird von einem seiner Angestellten herablassend behandelt. Die Szene erweitert den sozialen Kontext der Vereinbarung, ohne eine weitere Verhandlung zu benötigen.
Jules und Vincent tragen Freizeitkleidung, deren Ursprung erst viel später im Schnitt erklärt wird. Dieses Detail zeigt sie von außen, so wie Butch ihnen begegnen könnte. Das Publikum hat noch Fragen zu den beiden, während es gerade die Informationen erhalten hat, die Butchs Geschichte verständlich machen.
Die Begegnung führt verschiedene Aufträge von Marsellus an einem Ort zusammen. Für die einen endet dort eine Aufgabe; für Butch hat das Gespräch gerade eine künftige Verpflichtung festgelegt. Dass sie sich in der Bar begegnen, bedeutet weder, dass sie ihre Pläne teilen, noch, dass sie alles wissen, was den Menschen neben ihnen widerfahren ist.
