Die Schießerei während der Flucht aus Reservoir Dogs erklärt, wie Mr. Orange schwer verletzt in dem von Mr. White gefahrenen Auto landet. Die Sequenz verbindet eine aus dem Ruder laufende Flucht, die Notwendigkeit, ein anderes Fahrzeug zu beschaffen, und die Begegnung mit einer bewaffneten Autofahrerin. Sie schießt auf Orange, als die Männer versuchen, ihr das Auto abzunehmen; er erwidert das Feuer. Die Flucht geht weiter, doch das unmittelbare Ziel hat sich geändert: Der Verletzte braucht Hilfe.
Der Film zeigt das Ergebnis, lange bevor er dessen Ursache offenbart. Zunächst sehen wir White am Steuer, wie er versucht, seinen Begleiter zu beruhigen. Als die Erzählung später auf die Schießerei zurückkommt, kennen wir bereits die lang anhaltende Schutzlosigkeit, die sie auslöst. Der Reiz der Episode liegt sowohl in dem, was geschieht, als auch in den Informationen, die der Schnitt zurückgehalten hat.
Die Szene verändert auch die Beziehung zwischen den beiden Männern. Aus der gemeinsamen Koordination einer Flucht wird körperliche und emotionale Abhängigkeit. White kann sich noch bewegen und Entscheidungen treffen; Orange kann kaum etwas dazu beitragen, sich aus der Gefahr zu befreien. Dieses Ungleichgewicht lässt die Folgen des Schusses über den Moment des Aufpralls hinaus andauern.
Eine Flucht wird zum nächsten Notfall
Die Flucht nach dem Überfall verläuft nicht wie eine kontrollierte Fahrt zu einem sicheren Versteck. Mr. Brown fährt verletzt, die Bedrohung durch die Polizei besteht weiter, und seine Komplizen müssen auf eine Reihe aufeinanderfolgender Probleme reagieren. Der Stadtraum ist keine geplante Route mehr, sondern eine Abfolge von Hindernissen. Die Sequenz muss den Überfall nicht erneut schildern, um deutlich zu machen, dass der Plan aus dem Takt geraten ist.
Während der Flucht schießt Mr. White auf ein Polizeiauto. Danach scheint die Beschaffung eines anderen Fahrzeugs eine naheliegende Lösung zu sein, bringt jedoch eine Person ins Spiel, die nicht zu der kriminellen Absprache gehört. Orange wird von der Autofahrerin angeschossen, die sie überfallen, und schießt zurück. Tim Dirks fasst diese Abfolge in seiner Filmbeschreibung für Filmsite zusammen. Der Angriff, bei dem Orange verletzt wird, geht nicht auf eine Enthüllung seiner Identität innerhalb der Bande zurück.
Der Fahrzeugwechsel bündelt eine Umkehr der Machtverhältnisse. Die Männer kommen bewaffnet an und wollen ihren Anspruch auf ein Transportmittel durchsetzen, doch innerhalb von Sekunden verändert eine Gegenwehr die Situation. Die Autofahrerin ist nur sehr kurz Teil der Erzählung, aber ihr Eingreifen verändert den weiteren Verlauf der Flucht. Das Ereignis hat Folgen, die die Flüchtenden nicht einfach dadurch ungeschehen machen können, dass sie sich von der Straße entfernen, auf der es passiert ist.
Der Schuss schränkt Oranges Selbstständigkeit sofort ein. Laufen, helfen oder eine Route besprechen ist plötzlich weniger wichtig als der Schmerz und die Notwendigkeit, dass ihn jemand anderes wegbringt. Dadurch wird das Auto zu mehr als einem Fluchtmittel: Es wird zum Ort, an dem eine Abhängigkeit sichtbar wird. Die Geschwindigkeit des Fahrzeugs lindert nicht die akute Not des Menschen, den es transportiert.
Das Ergebnis kommt vor der Erklärung
Nach dem Vorspann versetzt der Film das Publikum mitten in die Fahrt: Orange ist blutüberströmt, White sitzt am Steuer. In ihrer am 16. Oktober 1992 veröffentlichten Filmkritik für KPBS beschreibt Beth Accomando diesen Anfang anhand des Verletzten auf dem Rücksitz und der Worte, mit denen White ihn zu beruhigen versucht. Die erste Information ist eine bereits eskalierte Krise. Die Episode, die ihre Ursachen in eine nachvollziehbare Reihenfolge bringen würde, kennen wir noch nicht.
Bild und Dialog werfen konkrete Fragen auf: Was ist ihm zugestoßen, warum fahren sie weiter und kann sein Begleiter ihm helfen? Der Schnitt lässt diese Fragen einen Teil des Films lang wirken, ohne die Szene anzuhalten, um sie zu beantworten. Oranges Stimme vermittelt unmittelbare Angst; White reagiert mit beruhigenden Worten. Die Spannung entsteht aus dem Unterschied zwischen dem, was White versprechen kann, und dem, worüber er tatsächlich Kontrolle hat.
Als wir schließlich die Flucht sehen, die zum Schuss führt, verändern die zusätzlichen Informationen die Erinnerung an jene Fahrt. Sie ist nun nicht mehr nur das Bild zweier Verbrecher, die nach einem Überfall entkommen. Die Episode umfasst eine überstürzte Entscheidung, eine Begegnung außerhalb des Plans und Gewalt, die beide Seiten des Autos betrifft. Die später gezeigte Szene erklärt eine Situation, die das Publikum schon länger beobachtet hat.
Die Platzierung der Episode sorgt auch dafür, dass die Verletzung nicht bloß als Überraschung wirkt. Während der ersten Fahrt kennen wir ihren Ursprung nicht, erkennen aber ihre dramatische Schwere; in der Rückblende kennen wir das Ergebnis und sehen, wie es dazu kommt. So verändert der Schnitt die Frage, die unsere Aufmerksamkeit lenkt. Zunächst interessiert, ob Orange durchkommt; später, wie ein geplanter Einsatz dazu führte, dass er von White abhängig ist.
Im Abspann des Films wird Sally Menke als Schnittmeisterin genannt. Die beschriebene Anordnung gehört zur veröffentlichten Fassung und lässt sich analysieren, ohne für jeden Schnitt eine Erklärung zu den Dreharbeiten zu erfinden. Ihr deutlichster Effekt besteht darin, zwei Erfahrungen desselben Ereignisses aufeinander folgen zu lassen: gemeinsam mit den Figuren die Folgen zu erleiden und anschließend die Kette von Ereignissen zu rekonstruieren, die dazu geführt hat. Um diesen Unterschied zu erkennen, muss man nicht den restlichen chronologischen Ablauf wiederholen.
White am Steuer, Orange in der Hand eines anderen
Harvey Keitels Darstellung verbindet das Fahren mit der Aufmerksamkeit für seinen Begleiter. Während White weiterfahren muss, richtet der Dialog den Blick auf jemanden, der emotionalen Beistand braucht. Mit seinen Worten versucht White, einer Situation Ruhe zu verordnen, die er vom Steuer aus nicht lösen kann. Durch dieses Nebeneinander vereint das Auto zwei verschiedene Handlungen: einen Ort zu verlassen und jemanden zu stützen, der Angst hat zu sterben.
Tim Roth zeigt die Kehrseite dieser Aktivität. Orange verliert die Gelassenheit, mit der er vor dem Überfall ein Gespräch führen konnte, und spricht nun aus einer Schutzlosigkeit heraus, die die Szene in den Mittelpunkt rückt. Die doppelte Identität von Mr. Orangeverleiht dieser Abhängigkeit zusätzliche Spannung: Der Mann, der ihm hilft, kennt ihn unter der Identität, mit der er sich eingeschleust hat. Das macht den Schmerz, den Orange zeigt, nicht unwirklich.
Die Sequenz lässt sich als Schutzverhältnis lesen, das unter Druck entsteht, ohne es zu einer Garantie gegenseitigen Verständnisses zu machen. White reagiert auf das, was er vor sich sieht: einen verletzten und verängstigten Partner. Orange ist darauf angewiesen, dass White ihm weiterhin hilft. Aus diesem Austausch entsteht praktisches Vertrauen, das schneller wachsen kann als das Wissen, das jeder der beiden über den anderen hat.
Das Versteck verändert die Form des Problems, macht aber nicht ungeschehen, was während der Fahrt passiert ist. Die Straße zu verlassen verschafft ihnen einen Treffpunkt; die Verletzung bestimmt weiterhin, wie viel Zeit bleibt und welche Entscheidungen die Ankömmlinge treffen. Die Flucht endet deshalb nur unvollständig: Sie können den Ort der Schießerei verlassen, aber nicht zum Zustand davor zurückkehren. Das Auto kann Orange transportieren, ihm aber nicht die Selbstständigkeit zurückgeben, die er gerade verloren hat.
Wenn Orange während der Fahrt von seinem Tod spricht, sind das Äußerungen, die seiner Angst entspringen. Sie bedeuten nicht, dass er im Moment des Schusses gestorben ist. Dass er weiter spricht und später handelt, schließt aus, diese Reaktion mit einer erzählerischen Feststellung zu verwechseln. Die Szene zeigt eine schwere Bauchwunde, benennt aber weder betroffene Organe noch erlaubt sie, anhand der sichtbaren Blutmenge eine medizinische Prognose zu stellen.
Außerdem sollte man unterscheiden, von wem die jeweilige Gefahr ausgeht. Die Verfolgung durch die Polizei gehört zur Flucht, während Orange beim Versuch, ein Fahrzeug zu rauben, angeschossen wird. Die Ereignisse hängen zusammen, haben aber unterschiedliche Verursacher. Deshalb lässt eine Erinnerung an die Episode als bloße Schießerei mit der Polizei die Begegnung außer Acht, durch die sich alles verändert. Der Schnitt kann mehrere Gefahren in einer schnellen Sequenz verdichten, ohne sie zu einem einzigen Schusswechsel zu machen oder ihnen dieselbe Ursache zuzuschreiben.
